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dabei, und früher als die Andern gekommen. Da erzählte ich ihnen etwas von dem, was ich bei Frau Itten gesehen, und las ihnen die Abschrift meiner Briefe an Sie.

"Alles das ist herrlich und schätzbar, sagte Frau G**; aber Weibchen! das sollst Du mir nicht ohne Unterschied vor allen Männer erzählen. – Vor Weibern wohl, denn wir nehmen von Tugenden, wie von Kappen und Bändern, nur das, was zu unsrer eigenen Freude taugt. – Aber da könnt es reiche Geizteufel, oder andre Haustyrannen von Männern geben, die heim gingen, und ihre Weiber und Töchter in die hesslichen Nester verbannten, wo die armen Geschöpfe schon ohne das ihr Leben meist mit ihnen zubringen müssen; sie aber spazierten doch, wie der Rat Schlafhaube da, alle Tage nach ihrem Kaffeehause, hätten ihre Freiheit und ihr Spässchen, während die arme Frau bei ihrem schnurrenden Spinnrad ihren murr- und stuzköpfigten Herrn geduldig erwarten müsste. – Lasst mir Euren Cleberg und Otten aus dem haus; er steckt brennbares Zeug in ihnen, das nur auf diese Gattung Funken wartete, und Ihr würdet euch wundern, was das für eine sprühende Flamme gäbe." ––

O, Madame G**, was für hässliche Arbeit machen Sie da aus meinem so schönen Bilde! – Julie, haben Sie auch so was gedacht? ––

"Ganz und gar nicht! Es dünkt mich, dass die Familie sehr glücklich und nachahmungswürdig ist." ––

"Was doch die guten Tugend; Schwärmer und Schwärmerinnen abgeschmakt sein können! – Ich schätze gewiss diese Frau nicht weniger als Ihr. Sie tat das Beste und Edelste, was Sie nach ihren Umständen tun konnte. – Rosalia Cleberg; und Julchen Otte sind in andern Verhältnissen, haben andres Schicksal, und sollen auch anders tun; denn, mit ähnlichen Gesinnungen und Wesen, hätten sie dem guten Ernst nicht aus dem engen Gängelbande, und Hannchen nicht aus dem Keficht geholfen. Wir wollen der Vorsicht nachahmen; Verschiedenheit herrscht bei ihr in Allem, – und ein jedes kann vollkommen sein. – Rosalia konnte die Nachahmungssucht niemals leiden und ich glaube, sie möchte nun gar gern eine schön geschnitzelte Bettlade, und Vorhänge mit Franzen darum haben, um gleich am lieben Morgen, mit einem ehrwürdigen Gesicht heraus zu gucken. Aber denken Sie doch, ob Ittens Schlafmütze zu dem ganz und gar neumodischen Geniegesicht Ihres Clebergs taugte? – Gewiss eben so wenig, als Frau Ittens Dormeuse zu Ihrem Stutznäschen! Ehren Sie und lieben Sie die Leute, so viel Sie wollen; aber ahmen Sie nichts nach, als die Krankenstube, denn das ist in der Tat recht gut. Es wäre ewig schade, an Ihrem schönen Hausplane was abzuändern. Unnötige Possen und Tändelausgaben machen Sie ja so nicht; und da Ihnen die Vorsicht Vermögen gab, arme arbeitsame hände zu beschäftigen und zu bezahlen, so fahren Sie auf Ihrem Wege fort. Frau Itten mag nun anfangen, für ihre Enkelgen zu spinnen, denn ich sehe schon ihr Hannchen an Linkens Seite ins Brautbett wandeln. Eins will ich aber doch auch helfen ins Gewerbe des Denkens bringen: dass Mädchen und Mütter sich gar sehr betrügen, wenn sie glauben, dass viele Bekanntschaften und Putz, um so früher Männer schaffen." ––

"Mir kommt auch ganz glaubwürdig vor," sagte meine sanfte Julie, "dass, wenn hie und da beim Bekanntwerden des jungen Herrn Itten, mit vieler achtung von seiner Erziehung und dem rühmlichen Fleisse seiner Frau Mutter und Schwestern gesprochen würde, die Neugierde rege gemacht, und dann Stückweis etwas erzählt werden sollte. Besonders wenn man sich, nach Kenntniss der Umstände, die Zuhörer aussuchte, könnte Gutes geschaft werden, das freilich wenn man das Ganze hört, gerade durch die Vollkommenheit, so darin liegt, der Eigenliebe Andrer etwas hart auffällt." ––

"Ist hier nicht ein Stück Ihrer van Guden wohl angebracht?" fragte Frau G**. "Denn schrieb nicht diese einmal: – Grosses, ungewöhntes Gute, ohne Vorsicht dargestelt, schadet oft bei Menschen, die an Vorurteilen haften. –– Sie sehen doch auch, Liebe!" fuhr sie fort, "dass die schönen Sachen, die Sie uns mitteilen, nicht verloren sind; nur mit dem Unterschied, dass Julie sie in der Tat anwendet, und ich die Worte recht säuberlich im Gedächtniss behalte." ––

Nun kamen die Uebrigen zusammen, und diese Unterredung wurde abgebrochen; hatte aber auf mich einen zu tiefen Eindruck gemacht, um eine Sylbe vergessen zu haben. – Ich hatte in meinem Herzen Frau G** rauh und unempfindlich gescholten, weil sie mir meine innige Freude des Mitteilens dieser Familiengeschichte, gleichsam verdorben hatte. Aber ich fand nachdem doch, dass ihr Urteil ganz richtig ist. Und zudem hat sie den Anlass gegeben, dass die so fein fühlende Julie Orte, durch diese Mühe welche sie nahm, meine gerizte Empfindsamkeit zu trösten, und doch der Frau G** nicht ganz Unrecht zu geben, auf den wahren und herrlichen Vorschlag kam, den sie tat. Ach, es ist immer wahr, ich bin zu eifrig bei dem Guten, und wie mir Frau G** einmal sagte, ich suche das Erdreich nicht sorgfältig genug aus, auf welches ich säen wollte. Hab ich mich aber nicht darin gut gemacht, dass ich so gern den Beweiss eines Unrechts erkenne?

Dienstags früh

schrieb ich nicht letztin, dass meine Briefe nicht mehr so lang werden könnten, als ich wollte? Sehen Sie,