; und ich will ihm in Ihnen und Ihrem Gemahl, vertrauen. – Nur eins bitte ich. Wenn Sie mich auch besuchen und meine Töchter sehen werden, auch diese manchmal wohl allein zu Ihnen kommen könnten: legen Sie durch Ihre achtung, für mich und durch Ihren Beifall einen Wert auf meine Grundsätze; – und dass glänzende Freuden, die sie geben, meinen Kindern das Einfache nicht verächtlich machen." –
O, Mariane! ich zerfloss in Tränen, und bat die edle, würdige Frau um die erlaubnis, sie Mutter zu nennen.
Neunzigster Brief
Rosalia an Mariane S**.
Da komm ich vom Frühstück aus dem Ittenschen haus, trunken von Bewunderung und noch nie gefühltem Vergnügen! – Ach Gott! was können die Menschen nicht, wenn sie sich mit vereinigten Kräften des Guten befleissen; und was für ein seliges geschöpf bin ich durch die Bekanntschaft mit so vielen vortreflichen Leuten! Wenn man den Adel der Seele durch edle Freunde beweisen müsste, wie den der Geburt, durch edle Ahnen: so wär ich ja in der höchsten Klasse. Vielleicht könnte man da mir auch sagen: viel Glück, und wenig Verdienste! –– aber wir wollen zu Frau Itten gehen. – Es ist ein altes steinernes Haus mit einem grossen Torweg, in den man durch eine kleine tür kommt. Unten sind lauter grosse Gewölbe, wovon sie eins zu einer sehr luftigen Heu- und Kornscheune gemacht, und das andre zu ihrem Holzvorrat gebrauchen. In der Ecke führt eine hohe steinerne Wendeltreppe in den Stock, der über den Gewölbern ist; dieser hält drei Zimmer auf die Strasse, wovon eins das ist, worinn Cleberg auch das Erstemal war, und was noch die Geräte von Ittens Grossvater hat. Das Andre ist seine Arbeitsstube, in der auch der Maulkorb am Fenster ist, wie mein mutwilliger Mann es nannte; und das Dritte, wo Herr Linke auch nichts als weisse Vorhänge sah ist die reiche Vorratskammer von Leinwand, Baumwolle, Flachs, sammt vier gleichen Schränken apart gestellt, mit den Namen der vier Töchter beschrieben, worinn die Stücke Weisszeug liegen, die sie sich durch ihren Fleiss geschaft haben. Die von den zwei ältern Töchtern sind beinah ganz voll, zum teil mit schön genähtem Tisch- und Bettzeug, samt Hemden und Handtücher. Das ist alles so schön geordnet und Blumen, von Federn gemacht, künstlich dazwischen gesteckt, welches zusammen auf dem Himmelblauen grund, womit die Schränke inwendig bemahlt sind, einen recht angenehmen Anblick gibt. – Ich sah bei dem Vorrat der ältern Töchter zwei Stücke schön geblumtes Zeug liegen und sagte: da ist schöner Zitz! – Die Mutter lächelte. – "Hannchen! weise es der Frau Residenten." – Sie tat es; – was war es? – Feiner, im haus selbst gesponnener und gebleichter Cattun, worinn mit der feinsten englischen Wolle so niedlich gestickt war, als man es mit Seide immer machen kann; und dies ist zu Betten und Stuhlküssen bestimmt. – Da sah ich erst auch die Kleidung der Töchter an, die alle aus dergleichen Zeuge von ihrer eignen Arbeit bestand. Hannchen hatte Ranken von Holzfarbe und blaue Windblumen dazwischen, welches zu ihrer schönen blonden Farbe und feinem Wuchs gar artig stand. Die Zweite, Lenette, ein liebenswürdig munteres Mädchen, mit grossen braunen Augen, hatte sich in gelber Schattirung, nach einem Geschmackvollen Riss, ihr passendes Hauskleid genähet. Die Dritte hatte lauter Rosenknospen darin verstreut; – und die Jüngste, von zwölf Jahren, eine Menge ganz kleine Blümchen von allen Farben hinein genäht. Ihr Bett, sagte sie, müsse auch voll kleiner Vergiss mein nicht genäht werden. – Ihre Hauben, Halstücher und Manschetten waren von lauter selbstgeklöppelten, leichten Spitzen; wie auch die von der Mutter, welcher die zwei Aeltesten Haube und Halstuch, die Jüngern aber, jede eine Manschette dazu verfertigt hatten. Ihre Kleidung war violet und weiss gestreifter, auch im haus gearbeiteter Zeug. – Wir trunken dann Kaffee, mit köstlichen Milchrahm, und Brödtchen, so eine Tochter dazu gebacken hatte. Das Kaffeezeug, war weiss, ohne alle Malerei. – Der älteste Sohn, der uns zugehört, war sehr fleissig um mich herum, und wurde von Eltern und Geschwister so liebreich und mit so viel achtung behandelt, dass es mich dünkte, sie sähen ihn als eine gute Prophezeihung für sich alle an. Es rührte mich sehr, und ich versprach in meiner Seele, alles für die guten Kinder zu tun. Ich sagte endlich: "Mama Itten, ich muss Ihr ganzes Haus und Garten und Kühe und Weber sehen. Ihre neue Tochter Cleberg darf nicht fremd aus Ihrer wohnung gehen!"
"Ihre Neugierde, soll vergnügt werden." – Da gingen wir die halbe Wendelstiege hinunter in ein Seitengebäude, das auf einer Fensterreihe den Hof, und auf der andern, den Garten hat. Von der Treppe kommt man auf einen gang, der das Licht von dem Speicher empfängt; und hier geht man links in die Küche und Speisekammer, die beide höchst reinlich und schön weiss getüncht sind. Sie kochen in lauter irdenen Geschirr, und essen aus ganz altförmigen Zinn. – Dann ist ein grosses Wohnzimmer, dessen Wände von Vater und Söhnen artig gemahlt sind. Die Stühle und Tische sind ganz glat, aber alle von Herr Itten selbst verfertigt, nussfarb angestrichen und lackirt. Auf einer Seite standen fünf Spinnräder und kleine Stühlgen dabei. über jedem Platz war ein Haken in der Wand,