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mit seinen Verwandten ansähe, wie ich! –– Ich hasste Alle, die seinen Wert nicht erkannten. – Alle, die seine Güte missbrauchten und mir den Weg zu seinem Herzen verschlossen." –

"Ja; aber man sagt, dass er sich über Beleidigung von Ihnen beklage." ––

"Beleidigung! –– Ist es Beleidigung, wenn ich denke und erwarte, dass jemand in einer wichtigen gelegenheit seines Lebens alles tun wird, was seinen edlen, grossen und gerechten Gesinnungen gemäss ist? was ich überzeugt bin, dass er von mir in den nehmlichen Fall gefordert hätte?" ––

Rosaliens edler Freund F*** fiel ein: "Ach, eh die gelegenheit zu handeln da war, wird er gewiss diese Erwartung als dei höchsten Grad Verehrung seines Charakters angesehen haben; und es lebt gewiss kein Mensch, der nicht in ruhigen Tagen die innigste Freude hätte, diese ruhmvolle Erwartung in der Seele eines jeden seiner Freunde zu sehen. Aber, so bald er sich bewusst sein wird, diese Erwartung nicht erfüllt zu haben, so empört sich sein Kopf und Herz bei dem Gedanken, dass man ihn nach diesen Ideen richten werde; und alsdann müssen auch diejenigen, die am meisten hofften, die widrigsten Gegenstände für ihn werden." ––

"Ei, warum dieses?" ––

"Weil ihm das Bild dessen, was ihm sonst schmeichelte, nun als Vorwurf erscheint, und wer liebt wohl Vorwürfe?" ––

"Aber, wenn ich nun einen Freund habe, in dem alles Grosse, Wahre und Gute liegt; und wenn dieses der einzige Grund seiner Glückseligkeit ist, – und er ändert sich in einem Falle und wird dadurch elend: muss ich ihm da nicht sagen, wo sein Uebel liegt?"

"Ach, die Menschen sind nur durch ihre eignen Ideen glücklich." – sagte Herr Fr**

"Schweigen Sie mir, von dem Ganzen! Die beste Freude meines Lebens ist hier verlohren gegangen. Ein grosser Kreis von Menschen hat den schönen Anlass zu einer grossmütigen und gerechten Handlung versäumt, mit Füssen von sich gestossen! –– Fromme haben nicht als Christen, und Philosophen, nicht als Weise gehandelt! – – Ich habe mich matt geredet. geschrieben, und gebeten; niemand, niemand hörte mich an; und endlich misshandelten und missdeuteten mich Alle." ––

"Da müssen Sie denken, dass es bei starken Erschütterungen der Seele wie mit dem Körper geht, in welchem, durch einen heftigen Zufall, die Werkzeuge des Hörens und Sehens oft lange Zeit zu ihren Verrichtungen unbrauchbar werden. – Eine starke leidenschaft bringt auch unsere Seele aus ihrem natürlichen Wesen, so, dass sie weder die stimme des Freundes, noch das sonst so geliebte Bild moralischer Schönheit mehr hört und sieht." ––

Nun schlug er seine hände zusammen: "Ach! wenn jemand auf Erden mich so liebt und schätzt, wie ich meinen Freund W** liebe und schätze: se möge ein grausamer Zufall eher mich tödten, ehe ich seinem Herzen den Kummer mache, den ich litte!" ––

Es war mir nun leid, dass ich ihn von dem Berge der Wollinge abgebracht hatte. – Aber ich wollte einem von zwei Leuten, die da waren, die Seele unsers S** zeigen, besonders in dieser Sache, wo er so viel Unrecht gelitten hat.

Sie fragten mich letzt nach ihm, ob er noch immer Entusiast wäre? da er doch seine Funfzige bald zählen würde. Sie sehen, das bleibt er mit Leib und Seele. – Ich sagt ihm, dass Sie das alles erfahren sollten. Es war ihm recht; – nur über Freund W** soll ich nichts schreiben, sagt er; – und ihm dann auch Ihre Gedanken über die van Guden und ihn lesen lassen. Es freue ihn, sagt er, mit dieser Frau in einem Brief zu stehen, so wie es ihn freue, mit ihr zu gleicher Zeit zu leben.

Neun und achtzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

O, wie gross ist das stille Verdienst der vortreflichen Familienmutter! – lassen Sie mir doch Alles Ihnen schreiben, was von der Frau Itten in meiner Seele haften blieb. –

Sie konnten auf Clebergs Billet nicht. schweigen, sondern antworteten, es würde beide Eltern freuen, den Herrn Residenten bei sich zu sehen. Mein Mann ging gleich hin, fand Beide in einem geräumigen, äusserst reinlichen, aber nach alter Art ausgetäfelten Zimmer, den Tisch in der Mitte, auf welchem ein grosser Teppich lag; die Stühle und Spiegelrahme von schwarz gebeitztem Holz; ein Ruhbett mit vielen Polstern von Wollgenähter Arbeit. – Der Mann schien ihm sehr verlegen und die Frau gerührt und aufmerksam zu sein. Beide dankten ihm, für die gütige Gesinnung die er für ihren Sohn bewiese und die Frau wünschte zu wissen wie er auf einen ganz unbekannten jungen Menschen gekommen sei? ––

Cleberg sagte, er hätte sich an dem Tage, wo ihm mein Oheim seine Stelle verschafte, vorgenommen, auch einen jungen Mann, von rechtschafenen Eltern, in sein Haus zu nehmen, wie mein Oheim ihn nahm, und ihn auch nach seinen Kräften zu unterstützen, so wie ihm wiederfahren sei; – mit der einzigen Bedingung, dass der junge Mann einst wieder so denken möge. Er hätte sich daher, nachdem er völlig in seinem Dienst und haus eingerichtet gewesen, nach jemand umsehen wollen. Die gute Bildung und vielversprechende Physiognomie ihrer Söhne, habe ihn auf einen von Beiden angezogen; die guten Zeugnisse ihrer Lehret hätten