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und, wie sie sagt, Mauerbrecher Dienste tun. –– Aber Cleberg hatte einen neuen und edlen Gedanken. Er schrieb ein Billet an Herrn Itten, und verlangte seinen ältesten Sohn als Secretair für sich. – Der junge Mensch hat schöne Zeugnisse von seinen Lehrern; bei Clebergen kann er was werden. – Diesen Nachmittag werde ich Frau Itten sehen.

Acht und Achtzigster Brief

Cleberg an seinen Freund.

Ich denke meinen Briefwechsel so ziemlich ordentlich geführt zu haben. Denn die Anzeige meiner Heirat, meine Reise, und die Sachen und Leute, so mir begegneten, haben alle in meinem vorigen Schreiben paradirt. Nun bin ich wieder in meinem haus, und das auch gern; habe den Zirkel meiner Freunde neu durchlaufen, und auch diesen erzählt, was ich gesehen und darüber gedacht habe. Nun gabs auch von meinen Freunden Anmerkungen über Eins und das Andre, welches ich Ihnen, als Nachlese mitteilen will indem es meistens die van Guden und Wollinge angeht, welche auch Ihnen so vorzüglich waren.

Ich habe mir, zu einem besonderen Spass, ein Paar Leute auegesucht, denen ich meine Briefe an Sie vorlass. – Der Eine sagte bei dem Bilde der Liebe, so die van Guden zu Pindorf trägt, und das ich so ausmahlte und anpries: "Geh hin! eine solche Liebe ist Anfangs freilich schmeichelhaft für unsre Eigenliebe und Stolz. Aber sie wird zu einer unerträglichen Last, für den Menschen, der sie erwiedern soll." ––

Der Andre behauptete, dass nicht ein einziger Mann lebe, der von einem solchen weib diese unermessliche Zärtlichkeit verdiene. –

Sagen Sie mir, welcher von Beiden hat Recht? – Ich gestand selbst ein, dass diese grosse Liebe müde machen könnte, wenn die van Guden von nichts andern sprechen wollte. Aber, da ihre Unterredungen so abwechselnd wären, weil sie von Allem wüste, an Allem Geschmack fände und reichen, blühenden Witz mit ihrem Geist vereinte: so scheine mir der Ueberdruss unmöglich. ––

Unser seltsamer, aber herrliche Freund Sokan sass da, stützte seinen Kopf auf den Tisch, durchblätterte die Briefe meiner Frau und auch meine an Sie, hörte hie und da uns zu, warf den Mund auf, schüttelte den Kopf und sagte endlich. "Ihr denkt nicht, dass in Eurem Urteil über dieses Weib, der Maassstab Eurer Hochachtung für mich liegt." – –

Wir stuzten da, und gukten ihn an. Er lächelte. –– "Und das ist wahr!" sagte er, "denn wenn ich nun sage, dass diese Guden mir so ganz gefällt, und ich sie liebe, so teile ich ja auch den Tadel, den sie sich zuzog. – Wer hätte aber diesen guten Wollingen da oben geholfen, wenn ihre liebe Schwärmerei nicht gewesen wäre? – Der Beamte tat was er konnte. Der zierliche Pindorf schenkte was, aber sie blieben doch in der armen Hütte. – Liebe dieses Weibs eine Last! – Ich kann es Euch beinah nicht verzeihen." –– Dann fuhr er fort: "Aber, wir Menschen sind immer voll Widerspruch im Grossen und Kleinen. Moralisten und Philosophen behaupten das Dasein eines Hangs zum Wunderbaren und Ausserordentlichen. Wir Vielwisser und Vielseher können es an uns selbst bemerken; und wie deutlich liegt dieser Zug im volk! – dennoch, wenn sich unter uns bei einzelnen Personen ungewöhnliches Verdienst zeigt, wie wird es behandelt? was tut der Neid und die Eigenliebe dagegen! – Nehmt aber die geschichte alter und neuer zeiten; haben je Alltagsmenschen was besonders für das grosse Gute getan? taten es nicht immer Leute, die Kräfte und Mut genug hatten, aus dem gewohnten Landgang heraus, und voran zu treten? – Ich möchte wissen, warum es so wenig Menschen gibt, die das Gute so uneigennüzig verehren, wie die Türken unsern Heiland. – 'Er ist nicht für uns gestorben,' sagen sie 'aber er war ein Mann voll Göttlicher Tugend; und nach unserm Propheten verdient er den ersten Rang.' – Aber so reden wir nicht, wenn sich hervorleuchtendes Verdienst vor unsere Augen stellt. Tadelsucht erregt es bei Männern, wie die Reitze der vorzüglichen Schönheit der Nachbarin in kleinen Weiberseelen nur als Stacheln würken, die Unmut und Widerwillen hervor bringen. Und so sprechen oft Väter, vor ihren Buben, von Leuten, für welche sie ihnen Verehrung und Nacheifer einflössen sollten. – Ihre Guden, Wolling und sein Weib sind Leute wie ich sie liebe; was sollten sie aber in einer Stadt machen? was? – mögen sie immer dort bei ihren Eichen und zerfallnem Schloss bleiben, und möge der Wald so verwachsen, dass man nur mühsam zu ihnen kommen kann! denn allein unter dem Schatten, wo keines Menschen und keines Tiers Fuss hinkommt, dort wächst die Ceder, die Eiche, und die hohe buch, mit der schwanken Erle auf; stark, mächtig, die Wolken berührend, und Stürmen trotzend!" ––

Sie kennen ihn, den Eiferer, wenn er so die Gestalt dessen, was sein sollte und sein könnte, vor sich hat; wie er da überfliesst und zehn andre Sachen noch mit sich hin nimmt. – Mich freute er, und ich trieb ihn weiter, da ich ihn nach der kleinen Erkältung fragte, die zwischen ihm und seinen Freunde W** entstanden ist. – Er antwortete hitzig: "Was Erkältung! ich liebte ihn nie mehr, als jetzt. Mein halbes Leben gäb ich, wenn er den verdriesslichen Handel