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sorgen; liess ihn auch in den Ort tragen, Aufschläge machen, und alle sonstige hülfe leisten, weil ich wusste, dass das fräulein alles geben würde, was ihm nötig wäre. Ihre Güte hat auch die natürliche Menschenliebe unserer Landleute erhöht, so, dass diese dem Menschen alle gute Dienste erwiesen. Sein dankbares Herz zeigte sich in jedem Worte. Bei seiner Erholung kam er zum fräulein, um ihr zu danken, setzte aber die Bitte hinzu, dass sie ihre Wohltätigkeit an ihm vollkommen beweisen, und ihn zum Weber des Orts aufnehmen möchte; er wüsste, dass sie viel spinnen liesse; er wäre ein guter Weber, und möchte gar gern sein Leben bei so guten Menschen zubringen, die er hier angetroffen habe. – Sie war über den Vortrag und die Wünsche dieses Menschen gerührt, und gestattete ihm nicht nur die Aufnahme in einem ihrer Häuser, sondern versprach, ihm eines zu bauen, und das gute Mädchen auszusteuren, das er heiraten wollte. Dieser ganze Morgen war ihr munter vorbei gegangen. Nachmittags kam ich, und sie erzählte mir das Ansuchen des Webers, und ihre Entwürfe zu seinem Glück. Ich dachte, die gelegenheit sei vorteilhaft, in ihr einen Ruf zur Rückkehr in das gesellschaftliche Leben zu erwecken, da ich ihr vorstellte, wie schon allein aus ihrer Freundschaft für mich die Quelle so vieles Guten, das sie ihrem nächsten bewiese, entstanden sei. Je grösser der Kreis ihrer Bekannten würde, je mehr Gegenstände ihrer Menschenliebe sie finden könnte, ohne das Beispiel zu rechnen, welches ihre tätige Tugend verbreiten würde. – Sie antwortete mir auch in einem ganz heitern Tone, und versprach mir, öfter davon zu reden. Sie liess auch den jungen Weber und den Bauer mit seiner Frau kommen, deren Tochter er seit seiner Krankheit aus Dankbarkeit liebte. Ich musste aufschreiben, was sie für die junge Leute tun wolle, um mit dem Oberbeamten zu reden, und Bauleute zu des Webers haus zu bestellen. Sie fühlte die Freude der Eltern und Kinder mit ihnen, und unterhielt sich bei einer Stunde mit dem Entwurfe eines kleinen Landfests, das sie allen Einwohnern der Höfe bei der Hochzeit des Webers geben wollte, wo auch meine Frau und Kinder dabei sein sollten. Ich war froh, Ideen von austeilender Freude in ihr zu sehen; denn das Gute, so sie zwei Jahre lang getan hatte, war gleichsam nur die Absicht, Schmerz und Elend von ihren Nebengeschöpfen zu entfernen. Und ihre melancholische Güte hatte immer Etwas so Ernstaftes und Feierliches, dass auch die Zufriedenheit der Leute nur durch stille Beruhigung, und nicht durch frohlockendes Vergnügen wahrgenommen wurde. Ich ging sehr getrost nach haus. Aber, den andern Tag liess mich ihre Jungfer holen, und ich fand sie so schwach, so niedergeschlagen, dass ich an nichts, als an die Rettung ihres Lebens denken konnte; und aus dem traurigen Abscheu, den sie gegen die öftern Besuche des Arztes zeigte, fand ich, dass ihr Widerwillen aufs Neue die Oberhand gefasst hatte. Das Haus des Webers wurde gebanet, eingerichtet und mit drei Webstühlen versehen. Er nahm seine Frau, ohne dass die Frage von Freudentagen war; und ich fand sie öfter in Tränen als vorher. Ihre Kräfte wichen mit der Heiterkeit. Nur dieses Frühjahr erholte sie sich in etwas, da sie, auf mein Anraten, anfing, die Kräuterkenntniss zu lernen, sie nach den Monaten zu suchen, zu trocknen und zu bemerken. Sie hat sich auch, seit dieser Krankheit, nur mit den Schriften der Naturlehre beschäftiget. Was die moralische Welt der Menschen anginge, davon wollte sie nichts wissen, als was die beträfe, die bei ihr wohnten. Sie bat mich, ihren kummervollen Eigensinn mit Geduld zu tragen, und keine Gesellschaftsvorschläge mehr zu tun. – – Er tat es auch, bis auf meine Bekanntschaft, da der gute Herr M** K** glaubte, sehr übereinstimmende Gleichheit der Seelen könnte nach und nach auf Henrietten wirken, weil der Zustand ihres Gemüts sehr gewaltsam wäre; und er behauptete, dass der kleine bilderreiche Schwung, den sie ihren Ausdrücken gegeben hätte, schon einen Grad Abänderung bezeichnete, und er wünschte nur, dass mein Aufentalt in R** von einiger Dauer sein mögte, indem er hofte, ich würde gern Etwas zur Genesung des edlen Mädchens beitragen. –

Sie denken wohl, meine Mariane, dass ich es versprach! aber, das Uebel liegt tief in der Seele Henriettens! – O, wie sorgsam will ich den gang meiner Empfindsamkeit beobachten! Sie könnte mich auch in einen Abgrund von Jammer führen, wo ich mein mir zur Glückseligkeit gegebenes Leben verseufzen müsste! –

Rosalia.

Sechszehnter Brief

Heute, meine edle, geliebte Mariane, habe ich gewiss die beste Freude meines Lebens genossen, die Freude über das Glück meines Nebenmenschen.

Ich war mit Madame G** bei ihrem Bruder F**, der ein ganz vortreflicher Mann von Geist und Herzen ist, dessen bisherige Beschäftigungen aber, so mühsam sie waren, so treu und eifrig er sie besorgte, seinem Glück noch keinen festen Standort geschafft hatten, und auch der Grösse seiner Talente nicht ganz gemäss waren. mancherlei Auswege und Wendungen hatte er versucht, um die Erfüllung seiner Wünsche zu erhalten, aber jeder Anschlag misslang, und die Niedergeschlagenheit fing an, sich seiner zu bemächtigen, um so mehr, als er einige Kinder um sich aufwachsen sah, zu deren Unterstützung er sich nicht vermögend genug dachte. – Ich nahm, wie Sie glauben werden,