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bei ihr sein musste, nur zu haus schlief, Morgens die Kinder ankleidete, Mittags das Essen zurecht machte, und Abends eine Stunde kam. Denn sie musste so gar ihre Spuhlarbeit bei Frau Itten machen, als diese bettlägerig war. – Die junge Frau hätte bei der Schwiegermutter viel ausgestanden, so gar sie junges Ding hätte sie in allem verraten müssen. Dennoch sei sie ihr gut geblieben und habe ihren Geschwistern mehr Liebe erwiesen, als die Alte. Der Herr Rat sei nicht so brav, wie seine Frau, lasse sie aber alles tun was sie wolle, und da lebten sie einsam, aber recht vergnügt, so fort. Ihr Bruder sei Meister und webe das ganze Jahr für Frau Itten; ihre Schwester führe die kleine Haushaltung, spuhle und zettele ihm, webe auch Handrächerzeug. – Stürbe aber ihr Bruder, so würde sie heiraten und das Webergewerbe führen, denn sie werde für ihre viele Arbeit auch so gut belohnt, dass sie Geld auf Zinsen gelegt habe." ––

Diese Erzählung gefiel mir und Clebergen sehr. Mein Mann fragte, ob Herr Linke denn niemals im haus gewesen sei, oder mit der Mademoiselle Itten gesprochen habe?

Nein, er hätte dies Vergnügen noch nie genossen. ––

"Ei, pfui," sagte mein Mann, "sich in zwei Jahr Zeit so wenig Mühe um ein liebenswürdiges Mädchen geben! – Ich will Sie nicht mehr zu meinem Freund haben." –

"Sachte, sachte! Sie Feuerbrand, hören Sie mich erst an. – Sie wissen doch, dass ich Ehrlichkeit und gesunde Vernunft habe. konnte ich mir denn, eh ich im Besitz meines Vermögens und einer Bedingung war, den Zutritt in eine Familie schaffen, wo so ordentlich und streng auf Wohlstand und häussliche Klugheit gehalten wird? – Die Ittensche Töchter sind mir selbst zu ehrwürdig, als dass sie nur zu einem leeren Umgange der müssigen Stunden eines ledigen Kerls da sein sollten. Denn reich kann die Familie nicht sein, und wie viel junge Pursche suchen jetzt ein Mädchen nur wegen ihrer guten Gestalt und Erziehung? – Sollt ich mir allein, oder auch Andern das Haus öffnen lassen, ohne Absichten zeigen zu können die der Eltern und Kinder würdig wären? – Wir tun oft genug guten Familien Schaden, die freundlich und treuherzig ihr Haus, Gesellschaft und Tisch einem wohlschwätzigen Menschen überlassen. Eltern, und ein redliches, edles Mädchen glauben dann, das Herz des jungen Manns ganz zu fesseln, und der Kerl geniesst jede achtung und Güte, sieht die Hoffnung und Wünsche keimen, lässt so gar die Vermutung in Andern entstehen. – Aber wenn er an das artige Aussehen gewöhnt, und durch den täglichen Umgang der Reitz der Neuheit verlohren ist, wendet er sich ab, wird kalt und sucht auf einer andern Stelle sein Glück. –– Das wollt ich nicht, – tat es auch niemals. Aber wenn Clebergs Kopf und das Mittel zu der Bekanntschaft mit der Mutter und Töchtern finden kann, so werde ich ihm danken. Den Vater kenn ich; denn ich gestehe jetzt auch, dass ich mit Otten, seine Freundschaft auf dem Kaffehause zu gewinnen suchte." ––

Mit dieser Erklärung waren wir alle herzlich zufrieden. Es wurde noch viel von dem jetzigen Ton der Sitten und Lebensart gesprochen, und dass der eingeführte Aufwand ursache sei, warum so wenig junge Männer den Mut hätten, sich zu verheiraten.

"Das ist nur zur Hälfte wahr," fiel Cleberg ein. – "Die Reitze der Abänderung sind es! denn seit dem man sich durch Geschenke bald dieses, bald jenes artige geschöpf eigen machen kan, und dabei der Sorgen für eine Familie überhoben ist, so verschleudert man seine blühende Lebensjahre und Vermögen in Spielgesellschaften, und dem Abschaum der Liebe, und hat allen Geschmak an Ordnung und Beschäftigung verlohren. Die wenigen Stunden, welche man einer armen verdorbenen Seele gibt, werden freilich von ihr durch Scherz, Lächeln und Anmut süss und leicht gemacht, was die beste Frau nicht immer tun kan, besonders, wenn ihr unser Wohl, unser Hauswesen und ihre Kinder angelegen sind. ––

Ich muss, meine Rosalia, eine Unbilligkeit von uns Männern eingestehen, die wir gegen euch auszuüben gewohnt sind. Wir wissen uns so viel mir den vorzüglichen Kräften und Gaben unsers Geistes; und dennoch erliegt unsre Gleichmütigkeit bei dem geringsten Anstoss in dem Gange der Geschäfte, des Schicksals, oder bei einer kleinen Anhäufung der Arbeit. Und von Euch schwächlichen Kindern fordern wir eine immer gleiche Heiterkeit und Munterkeit des Gemüts!"

Madame G** und Julie, welche mich zu besuchen gekon men waren und aus Mutwillen der Erstern in meinem kleinen Zimmer eine Zeitlang gelauscht hatten, klatschten mit beiden Händen, und riefen bravo! "glücklich müsse der Mann sein, der seine Regierung mit so viel Gerechtigkeit anfängt!" ––

Ich sagte wenig, weil ich in Allem, was Ehmänner angeht, immer lieber eine fremde Frau will reden lassen; besonders in meinem haus und mit meinem mann; – und diese Vorsicht dient meiner Ruhe. ––

Nach einigen Augenblicken fragte Madame G**, was denn wohl den Anlass zu dem aufrichtigen geständnis des Herrn Clebergs gegeben hätte? – Da wurde die geschichte der Ittenschen Familie kurz wiederholt, und mein Mann beschloss feierlich, morgenden tages das Haus zu bestürmen. Alle bestärkten ihn. Er liess sich auch, als Nachbar, beim Herrn Rat Itten melden, der nahm aber seinen Besuch nicht an. – Nun will Madame G** mit,