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zu sehen, von welcher mir mein Herz sagte, dass sie mir alles Verlohrne hätte ersetzen können, wenn ich sie früher gesehen hätte." Ich näherte mich ihr auf dem Canapee und nahm ihre gegen mich liegende Hand: Mein teures fräulein, wie sehr erheben Sie mich! und wie glücklich wäre ich durch Ihr Vertrauen und Ihre Liebe gewesen! – "O, Herr M** K**" sagte sie, ohne mir anders als durch sanftes Drücken meiner Hand zu antworten, "was haben Sie getan, dass Sie unsere gütige Rosalia hieher führten! und wie unvorsichtig war ich für mich und Sie, meine edle Freundinn! denn Ihre und meine Ruhe leidet. –" Verzeihen Sie, sprach Herr M** K**, eine Absicht, die ich beinah vier Jahre fruchtlos sah, aber unermüdet fortsetzte. Ich wünschte in Ihnen das Verlangen nach Glück und Leben wieder zu erwecken, weil dadurch die physikalischen Hülfsmittel auch mehr gefruchtet hätten. "Es ist weise Freundschaft in dieser Absicht, und mehr Tugend, als in meinem bisherigen Widerstreben! – Aber, meine werten Freunde, ich glaube, dass mein Schicksal entschieden ist, denn ich bin unter der Last meines Kummers und meiner Empfindsamkeit so tief gesunken, so ermattet, dass ich nicht mehr Kraft genug habe, mich an der liebreichen Hand festzuhalten, die mich retten will!" Hier sah sie mich mit einer unbeschreiblichen Wehmut an, erhob ihre schöne Augen einen Moment gegen Himmel, und weinend sagte sie: "Rosalia! Ihre Freundschaft ist eine Blume, die an dem rand meines Grabes sprosst. Sie müssen leiden, dass ich sie mit Tränen benetze! – Wie lange bleiben Sie noch auf dem schloss R**?" Noch einige Wochen, meine Henriette, und ich hoffe Sie alle Tage zu sehen. – Sie faltete ihre hände mit einer freudigen Bewegung und wiederholte: "Noch einige Wochen! und alle Tage wollen Sie mich sehen! O, Herr M** K**, wie schön wird der Abend meines Lebens!" Ich hoffe, antwortete Herr M** K**, es soll die Morgenröte eines noch heitern Tages werden! – Mit einem halben Lächeln und einer unnachahmlichen stimme und Bewegung des Kopfes, sagte sie darauf: "Gerne, sehr gerne will ich diesen Tag sehen! Aber –" Nun hörten wir die Kinder im hof, und sie sagte uns nach einigem Schweigen: "Diesen Morgen war ich sehr glücklich. Ich danke der Vorsicht und Ihnen dafür. Jetzt will ich mit meinen Kindern essen, und hoffen –" Herr M** K** nahm seinen Stock und Hut, und ich umarmte die liebe schwermütige Henriette, mit einer bedrängten Zärtlichkeit. Sie legte ihren Kopf ein Paar augenblicke auf meine Brust, und machte darauf eine sehr edle Verbeugung gegen uns beide. – Morgen, meine Mariane, das Uebrige. Hätte ich doch Ihre Klugheit, bei meiner Liebe für das reizende geschöpf! vielleicht könnte ich ihr Gutes tun, aber ich nähre gewiss nur ihre Empfindung, und diese tödtet sie. Wenn ich nur die etlichen Wochen noch hier bleibe, die ich ihr versprach!

R o s a l i a L**.

Funfzehnter Brief

Der Herr M** K** und ich gingen den Fusssteig ganz still und trübsinnig hin. Auf dem feld sah ich ihn an, und er fragte mich, wie mir Henriette gefiele? – Was für eine Frage, Herr M** K**? Mein ganzes Herz ist bei ihr geblieben. Aber, warum redeten Sie so wenig? warum kämpften Sie nicht gegen die düstre Anfälle der Schwermut? – Gegen eine aufgebrachte Einbildung kämpfen, wäre eben so viel, als das Uebel mit Widerhaaken befestigen! Mein Schweigen und der ungestörte gang ihrer jetzigen Empfindungen müssen sie zu heilen anfangen, oder es ist alles vergebens; ich habe nun über drei Jahre alle Mittel der Ueberredung und des Zuspruchs versucht. Meine Vorstellungen fanden eben so wenig Eingang, als Personen, die sie besuchen wollten. Ihre Bekanntschaft wird eine Aenderung hervorbringen. Der natürliche Hang zu zärtlichen Regungen, zu starken moralischen Zügen des Charakters, ist aufgeweckt; ich habe sie das Leben niemals wünschen hören, als heute; und lange suchte ich nichts, als ihrer Zärtlichkeit eine andre Wendung zu geben, weil ich wohl sah, dass die immer gleiche Spannung ihrer Seelenkräfte ihr Leben sichtbar schwächte. – "Sie ist heute auch über meine Liebe und meine Unterredung matt und krank geworden!" – Dieses schreckt mich nicht, wie mich ihr Mut würde geschreckt haben. – "Aber Mut zeigt Stärke an!" – Bei Gesunden! aber, bei dem Kranken ist er, was das letzte Auflodern der Flamme einer erlöschenden Lampe ist. Ich habe es bei der Aufnahme des Webers erfahren. – "Wie war dieses?" Er fing an zu erzählen:

Vor ungefähr andertalb Jahren, kam gegen Abend ein grosser Mensch sehr langsam und mühselig an das Fichtenwäldchen, weil er das eine Bein nur schleppte. Da er das fräulein und mich erblickte, setzte er sich, hob beide hände auf und rief: O, Herr Pfarrer, erbarmen Sie sich meiner! – Ich eilte zu ihm, und sah in seinem Gesicht jeden Zug des Schmerzens und der Redlichkeit. – Was fehlt Euch, mein Freund? – Er wies mir sein Bein, welches durch einen Fall, den er von einer Anhöhe getan, und von einem Steine, der ihm nachgerollt, sehr beschädigt und ganz dick aufgelaufen war. Ich sagte ihm, ruhig zu sein, ich würde für ihn