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einem freundlichen Kopfnicken von meiner Frau verliessen sie uns, und wir gingen in das Schulhaus, wo ich dreizehn Knaben wohl, aber ganz gering gekleidet in einem grossen, luftigen Zimmer schreiben und rechnen sah. Der Lehrer sprach mit Entzücken von Frau van Guden. – Dann waren, in einem andern Zimmer sechzehn Mädchen, die strickten, nähten und auch schrieben. Die Lehrfrau sprach, wie der Mann, im Ton dankbarer, ehrlicher Herzen. ––

Die Mädchen waren ganz arm, bürgerlich, aber sehr nett und säuberlich gekleidet, alle mit weissen Schürzen, und sahen sehr munter aus; und für Alle war meine Rosalia Erscheinung eines lieben Engels, der gute Botschaft bringt. Sie sah mein Staunen hörte meine fragen in französischer Sprache, mit Lächeln an, und beschäftigte sich nur mit den Leuten; führte mich dann zu einem Geistlichen, der oben mit seiner Frau wohnt, und wies mir artige Zimmer. – "Hier wohnte sie," – Dann kam ich noch in einige Werkstuben, von Schreinern, von Webern, von Schustern. Allerwärts Ordnung, Wohlstand und immer Segenssprüche und Liebkosung für meine Frau. – – Endlich gings auf die Landstrasse gegen einen schönen Wiesengrund, mit Bäumen und Bänken besetzt. Da waren Weiber, die bleichten Wäsche, Andre spannen, und ihre Kinder um sie herum. Alle hüpften wieder um mein Weib, hingen sich an sie, und freuten sich, sie zu sehen. Da ist in einer Höhle des kleinen Hügels, eine gefasste Quelle, Ruhebänke, Aufschriften, und Verzierung, mit einer halb zerstörten Treppe von oben her, an deren untersten Stusse ein zerbrochner Wasserkrug liegt, aus welchem die Quelle herunter, in einen ausgehöhlten Stein, und von da in einem Bächelchen fortfliesst. Ein Paar Leute ruhten da aus und gefielen sich an den Platz. Meine Rosalia leitete mich oben hin, an Steinbänke, unter wilden Baumstämmen, zeigte mir die artige wohnung eines Gemüsgärtners und die schöne Aussicht. Sie hielt meine Hand und sah mit Rührung und Vergnügen mich an, als ich nach einigem Umherblicken ihr sagte: "Nun, meine Liebe, hast Du mich lange von einem Staunen zum andern geführt, hast mir gewiesen, wie viele Herzen Du neben dem Meinen erobert hast und besitzest; – erkläre mir jetzt das etwas Rätzelhafte, so Du damit verwickeltest." –

"Ich wollte nichts, mein teurer Mann, ale Dir an den Einwohnern, der Schule und dem allgemeinen Spaziergang der kleinen Vorstadt einen teil des Herzens meiner van Guden zeigen. Dann alles das Schöne und Gute, so Du an den Leuten und auf diesem Platz siehst, ist ihr Werk. Ich habe nichts dabei getan, als Anteil genommen und nach ihrer Abreise die Aufsicht gehalten." – Dann erzählte sie mir, mit alle der Wärme des edlen Herzens voll Menschenliebe, was diese Frau getan, wie sie gelebt, wie sie sie kennen lernte, und endigte damit: "Was wirst Du aber dazu sagen, dass all dies Ausfluss eines liebenden Herzens war, das dadurch über den Verlust eines Undankbaren sich tröstete, und von den Schmerzen einer übel angewendeten Zärtlichkeit sich erholte, die dennoch stark genug blieb, sie nach der Gegend des Wohnsitzes dieses Mannes zu ziehen, und dort, bei seinen Kindern, neue Nahrung der Liebe einzusaugen, und endlich eine Einöde aufzusuchen, von der er gesprochen; wo sie eine arme Familie fand, für welche sie ein Haus und Gut anbaute, weil sie von dem einsamen Berge die Stadt sehen kann, wo ihr Geliebter wohnt." – Dann zeigte sie mir Briefe, die ich hier für Sie und Antua beischliesse. ––

drei und achtzigster Brief

Rosalia an Mariane S**.

Da bin ich in Wollinghof, in dem Zimmer zwischen den alten Schlossmauern, wo meine liebe van Guden wohnte, und mir auch ihre erste Briefe von hier aus schrieb. – Seit vorgestern Abend bin ich mit Cleberg hier. Er geht wirklich mit dem edlen weib spazieren und will sie ganz über Alles sprechen, wie herrlich hier Gott, und die Menschen sind. – Ordnung, o die fordern und erwarten Sie nicht genau. Ich bin lauter Entzücken über Alles, und habe meinen Mann auf meinen Knien die hände geküsst, für die Güte, die er hatte, mich hieher zu führen. – Aber er sagte mir, dass er noch zufriedener sei, als ich es sein könnte. Auf all seinen Reisen hab er nichts gleiches gesehen und niemalen solche Menschen und so einen Wohnsitz gedacht. –

Kommen Sie, unschätzbare, beste Freundinn und langen Sie mit mir, mit all meiner Ungeduld in Wollinghof an. Madame Guden hatte mir gar keine Beschreibung davon gemacht, als von dem alten Schloss. Mein Erstaunen war also desto grösser, da ich das neue Gebäude sah. Man fährt lange, von dem dorf Mahnheim aus, immer etwas aufwärts, an einem Wald hin, endlich um eine Anhöhe, da man hinter einem Busch von grossen Buchen das schöne zweistockige Haus erblickt. Es ist nicht hoch, aber breit, die Fenster oben rund, die wie das Tor, Silbergrau und etwas grün angestrichen sind. Der Torweg ist in der Mitte des Hauses, auf beiden Seiten aber ist ein Pflasterweg gemacht, auf dem vier Personen gemächlich gehen können, und Bänke an den Wänden. Zwischen den Fenstern des untersten Stocks sind steinerne Aufsätze, auf welchen grosse Blumenkrüge stehen. Sie können nicht glauben, wie romantisch das aussieht. – Rechterhand an dem haus hin