zu halten, um sie desto stärker sehen und empfinden zu lassen. – Man kommt erst über einen hohen, unbewohnten Berg, von dem man lange nichts, als andre höhere und niedere Berge sieht; denn er wird nur an seinem Abhang, gegen das Bad Ems, fruchtbar und freundlich. – In dem Bade bedauerte ich die Gleichgültigkeit der Eigentümer, dass sie so wenig für die Verschönerung und Zierde darin tun, – wodurch doch um so viel mehr Menschen angezogen würden. Denn die Tugenden des Wassers und die natürliche Lage sind ganz herrlich. – Von da wird der Weg immer enger, zwischen einer Reihe von Bergen, die auf einer Seite Wein, und auf der andern Waldung haben. Das sich ganz schmal durchziehende Tal teilt sich meist unter kleinen Wiesen, einen Fluss und einem Fuhrweg – und so einsam, durch begränzte Aussicht begleitet, kommt man nach N*** ff. Ich kann sagen, dass sich mein Herz erhob, als ich das Dach dieses Wohnsitzes der edlen Gastfreiheit erblickte; weil ich wusste, dass ich darin jede, den nächsten glücklich machende Tugend, antreffen würde.
Gerechtigkeit, und Menschenfreundliche Unterstützung für die Untertanen, Leutseligkeit, gegen Geringe, – Güte, Höflichkeit, und Freundschaft in ihrer ganzen Würde, nach dem richtigen Maass des Verdiensts, mit der feinsten Achtsamkeit an Alle ausgeteilt. – Ueberall Ordnung, schöner wahrer Geschmack, mit einer grossen, und edlen Einfalt verbunden. –
Der Herr des Hauses, wahres Urbild eines Mannes von Ehre, Rechtschaffenheit und Wohlwollen. – So, glaube ich, sah immer der erste Ahnherr aus, der einen so reichen Schatz von Ruhm gesammlet hatte, dass seine Nachkömlinge, nach Jahrhunderten noch ihren Anteil daran geniesen. ––
Die Dame zeigt in Allem die ganze Bedeutung des Ausdrucks und Werts der edlen, würdigen Familienmutter. – Die Gestalt ihrer person bezeichnet die grosse richtige Bildung ihrer Seele. – Und wie stark Klugheit, beweisen dieses ihre Unterredungen voll wahrer Menschenkenntniss und Gottesfurcht; ihr Anstand, der Ton ihrer Gedanken, der Führung des Hauswesens und der Erziehung ihrer edlen, verdienstvollen Kinder, welche in der Tat alle vortrefliche Eigenschaften des männlichen und weiblichen Geschlechts unter sich verteilt haben. – Und um mich, meine Teure van Guden, eines Ihrer Ausdrücke zu bedienen, so sind die moralischen Vorzüge, die Eltern geben, und Kinder erwerben können, bei einem jeden der Söhne und Töchter, in einer eignen Schattirung, und eigenen Form. Möge doch der Ton der Seele dieser Familie sich bis auf die spätsten Enkel fortpflanzen! – so werden wir immer Modelle und Beweis von Adel haben. –
Mich dünkt aber dabei, – dass der Wohnplatz dieser edlen Familie durch seine, von Andern abgesonderte Lage, ja selbst der tägliche Anblick der Ueberreste des Stammhauses, vieles zu der Selbstständigkeit ihres Denkens und ihrer Handlungen beigetragen hat; –– indem, da sie ihren gang allein nahmen, das Anstossen, Mitziehen und Reiben der Andern die Ausbildung ihrer eignen, edlen Form nicht hinderte, und sie hingegen oft genug in Gesellschaft kamen, um durch die feine gefälligkeit, im Umgang das beliebte Aeusserliche zu erlangen; welches aber in dieser Familie nichts anders ist, als die Glättung, welche die Hand eines Phidias seinem Meisterbilde zulezt gibt. –– Ich wünschte Sie hier, meine Freundinn. Sie würden sich gewiss mit einem teil der grossen Welt versöhnt haben. – – Umstände helfen zu Vielen und hindern auch viel. ––
Aber kommen Sie. – Wir fahren in einer grossen Gesellschaft über einen Fluss und steigen auf einem sehr gemächlichen Weg den Berg hinauf, an dessen Hälfte die Ruinen des Stammhauses stehen. Der schroffe Felsen, auf den es gebaut war, macht noch einen Absatz grad über der Ecke des Bergs, die sich auf einer Seite an dem Fluss, und auf der andern, an dem Ende eines einsamen Wiesentals hinstrecket. Von dem alten Schloss an ist die Oberfläche des Bergs mit tausendfachen Kräutern und Gesträuch bedeckt und die Dame hat viele hundert Obstbäume da pflanzen lassen. Denn lange war da Alles öde und verwildert, bis die tätige und empfindungsvolle Seele dieser Frau das fruchtbare Benutzen, und die angenehme Aussicht mit Vergnügen geniessen machte. Unendlich schätzbar ist mir der schöne, leutselige Gedanke, den sie hatte, allen ihren Hausgenossen Anteil an der Umschaffung dieses Stücks ihrer Güter zu geben. Denn nicht nur die Kinder, ihr Hofmeister, der Secretair des Herrn, sondern auch der Hausmeister und alle Bediente, wurden eingeladen, sich einen Fleck auszusuchen und nach ihrem Geschmack zu verschönern. Nur musste Alles in lebendem Grün gemacht werden. Dieses war gewiss edle Herablassung und edles Mitteilen. Denn wie süss mag Jedem von den Bedienten das Vertrauen in seinen guten Verstand, das Hinsetzen, Pflanzen und Wachsen seiner Ideen, vermengt mit der Dame, mit der jungen herrschaft ihren, gewesen sein! Es kann auch keine klügere Art von Erheben und Gleichstellen geben, als diese war; weil mich dünkt, dass bei arbeiten und Anpflanzung der Erde, wohl immer ein hoher Grad Vergnügen und Zufriedenheit, aber niemals der Stolz und Uebermut entstehen wird, die aus Stadt- und Hofgewerben und Künsten entspringen. – Ich nehme mir wirklich vor, auf meine Gefühle achtung zu geben, wenn ich von einem Spaziergang im feld wieder in die Hauptstrasse meiner Stadt zurück komme. Wären Sie nur mit mir in R*** ff gewesen, und hätten all die freundlichen Laubhüttchen gesehen, zu denen man bald einen kleinen Moossweg hinab geht, dann zu einem Andern einige Grasstufen