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französische Merkur, Varrentraps Handbuch, ein öconomisches und historisches Wörterbuch. Tissots Anleitung für das Landvolk, und eine Götterlehre der Alten sind in einem offenen Eckichrang beisammenund dieses gibt immer dem Stoff der Unterhaltung ein neues Leben. – Man bat den ganzen Nachmittag Freiheit, zu kommen und zu gehen, wie man will. – Immer findet man vernünftige und rechtschaffene Leute da. Der Hausherr und seine Frau sind es recht sehr. Diese haben den Hauszins vermindert, um die schätzbaren Personen bei sich zu behalten. – Vorzügliche Männer kommen hin, – oft erst nachdem sie zu Nacht gespeist und bleiben bis zehn Uhr. Die zwei Schwestern empfingen mich sehr höflich und nannten mich neue Nachbarinn. – Aber immer, während die Eine mit mir sprach, horchte und beobachtete die Andre. Die Aeltere sagte mir:

"Madame G**, hat Ihnen gewiss Gutes von uns gesagt; – wie wir von Ihnen gehört haben. Ich weiss, setzte sie munter hinzu, – dass Sie viele Freude an Bildern von römischen und griechischen Altertümern haben. – Lassen Sie sich das Altdeutsche Ihrer guten Nachbarinnen auch gefallen. Sie werden unsre Gemüter und unsre Gedanken sehen, wie die Stiche da, in meinem Grossvaterstuhl. – Viel Dienste kann ich Ihnen nicht anbieten, ausser den, Ihnen zu sagen, was gescheute Leute an Ihnen loben und tadeln. – Dies ist recht nützlich, mein Schatz, von ehrliebenden Menschen zu hören; besser als von kleinen Gezeug, das um Sie herum kriechen wird, so bald man Sie in Ansehen und Wohlstand erblickt. – Hüten Sie sich immer vor Kriechern; sie haben alle was Ungezieferartiges an sich und bringen was Kleines an, weil sie die Lücken und Ritzen der Schwachheiten des Charakters aufsuchen und zu finden wissen und dort ihre Schmeicheleien, Erzählungen und Angaben hinlegen, wie Insekten ihre Brut; wodurch oft das herrlichste geschöpf, wie schönes Geräte besudelt, verdorben und unbrauchbar gemacht wird. – Verzeihen Sie; – aber Sie gefallen mir und ich musste das Nötigste gleich sagen." ––

Der Ton, mit dem sie sprach, gefiel mir ungemein. Es ist in der Tat glücklich, eine redliche und vernünftige person auf seiner Seite zu haben, die uns von unserm Guten und unsern Fehlern Nachricht gibt. Ich will auch die elende, verkehrte Eigenliebe nicht haben, die sogleich aufgebracht ist, wenn man nur von ferne etwas von einer Unvollkommenheit mit uns spricht. – Ich dankte meiner würdigen Nachbarin für ihre Warnung vor den Kriechern und bat sie, Wort zu halten und mich treulich von Allem zu unterrichten, was mich anginge, – sie versprach es mir freundlich, – um so mehr, sagte sie, – "da ich ja ungebeten davon angefangen habe. Ich geh immer meinen gewohnten gang gerade fort. Ich habe freilich Einigen durch die Anzeige ihrer versehen missfallen: auch deswegen, weil ich die Leute nicht nannte, die mir davon gesagt hatten. Ich merkte da wohl, dass sie begieriger waren, sich an ihren Tadlern zu rächen, als sich zu bessern. Da sagte ich den jungen Leuten, dass ich dieses in ihrem Gemüt sähe; es wäre unbillig und unvernünftig; denn von ihrem Sprach- und Tanzmeister nähmen sie Erinnerungen an, und von einer Freundinn nicht. Den ältern Personen weise ich ein erstauntes Gesicht über den Wahn von Vollkommenheit und dass Jahre und Erfahrung ihnen weder den Wert der Freundschaft, noch der Wahrheit gelehrt haben. – Sind sie bös und bleiben weg: so bedaure ich sie. – Aber die Meisten sind wieder gekommen und scheinen mit mir zufrieden."

Nachdem fragte sie mich, was ich wohl bei dem Eintritt in ihr Zimmer von den alten Zierräten und alten Gesichtern gedacht hätte? ––

"Es ist mir ungewöhnlich, aber nicht unangenehm und nicht geringschätzig gewesen." ––

"Das ist gut," sagte sie. – "Ich dachte, nach ihrem Gesicht und ihrer Kleidung, dass eine verständige Gutartigkeit in Ihnen sei." –

"Ich bin froh, dass dies in meinem Gesicht steht. – Aber dass meine Kleidung davon zeugte, kann ich nicht denken." ––

"O, Kleider sind redender, als wir glauben. Sie haben viel Einfluss auf unsern Charakter und zeigen eine Hauptseite von ihm an. Der Grundzug unsrer Seele geht durch alles, färbt alles, – nicht nur die Liebe, den Hass, Zorn, Freude und Traurigkeit; – nein, auch unsern Geschmack, Redensarten, alles. – sehen Sie meine melancholische Schwester. Sie hat sich von allem lossgemacht, was auf andre Menschen würkt. Aber, da sie, vor dieser Aenderung ihres Gemüts, edel und gut war: so ist sie es noch. Sehen Sie sie an, – ist ihr Anzug nicht redend? und der Meinige? fuhr sie fort; – riefen nicht die Form meiner Haube, die Falten meines Rocks Ihnen zu: da ist jemand, der sich nicht scheut, den Meinungen der Andern gerad entgegen zu geben und immer gleich seine Gesinnungen zu zeigen, mit so einfachem Wesen, wie die Leinwand an meinen Manschetten, und unbebrämt, wie mein Rock." ––

Ich versicherte sie, dass mir ihre Art recht wohl gefiele. Die Zeit würde sie überzeugen.

Die Gesellschaft war gross, In den Fenstern, die sehr niedrig sind, stehen Bänke; da sitzen meist die jungen Frauenzimmer und arbeiten, weil sie zugleich die Aussicht des Gartens geniessen, der aus lauter Alleen und Grasplätzen besteht, in