bei ernstaften Anlässen nicht das Einzelne, sondern das Ganze, beurteilen müssen. – Vergeben Sie mir diese Anmerkung, und lassen mich fortfahren, setzte er hinzu. – Meine Miene bezeugte ihm meine Aufmerksamkeit. – Ich beobachte, seit beinah vier Jahren, den gang des Charakters der fräulein v. Effen, und finde nichts stückweis, als ihr Glück. Sie bezog, ganz finster, ganz in sich gehüllt, zwei Stübchen auf einem dieser Höfe. Die süsse Ruhe der natur besänftigte ihren Gram, und gab ihr den Entschluss, auf immer da zu bleiben. Sie baute sich ein ländliches Haus neben einem Bauer, den sie zu ihren Landwirtschafter behielt, und fing eine Schule für die Kinder des Weilers an, wodurch ich mit ihr bekannt wurde. Ideen von Verzierung, die sie mit aus der Stadt brachte, und ihre Freigebigkeit, sind Ursache, dass diese Höfe, obwohl nichts kostbares, nichts anders, als andre Bauernhäuser, dennoch etwas ausserordentlich Reizendes bei dem Simplen haben. Die Zufriedenheit, der Wohlstand, die Reinlichkeit, die nette Kleidung der Einwohner, die Reihen Bäume an den Häusern, die grüne Lauben und Rosenbüsche in jedem Garten, alles das ist ihr Werk; denn bei dem tiefen Widerwillen, den sie gegen alles, was Stadt- und grosse Weltmenschen angeht, hat, liegt ein ausgebreitetes Wohlwollen in ihr. Ich bin ihr Almosenpfleger gegen die in der Stadt wohnende Gegenstände ihres Mitleidens. Sie hat aber in den vier Jahren Niemand zu sich gelassen, als ihre Landfreunde, wie sie ihre Bauern und mich nennt; doch, denke ich, soll Rosalia L** eine Ausnahme finden, denn sie war von dem Sonderbaren, so ich von Ihrem Bezeigen bei dem Pfandspiele erzählte, ganz eingenommen, und der Gedanke, dass Sie Freunde sind, und bald wieder abreisen, hat sie zu meinem Vorschlag, Sie einmal zu den Schulkindern zu führen, ziemlich geneigt gemacht. Sagen Sie mir, ob Sie zufrieden wären, diese seltene Seele selbst zu sehen? – Gewiss, wertester Herr M** K**, würde ich den Tag segnen, an dem ich eine person sehen werde, die ihre Kummertage zu Tagen des Wohlergehens für andre macht. –
Ich fühle, o meine Mariane, ich fühle tausend simpatetische Bande, die mich an Henriette v. Effen ziehen. In zwei Tagen will mich Herr M** K** hinführen. Ich bin diesen Nachmittag schon zweimal auf dem Turm gewesen und habe nach ihrem haus gesehen. Die Farbe der Fichten dünkt mich melancholischer und die ganze Gegend sanfter, als sie mir vor dieser Nachricht schienen; und, meine Freundinn, Erinnerungen, Nachdenken und Vergleichungen, machen, dass ich diesen Brief mit tränenden Augen schliesse.
Rosalia.
Vierzehnter Brief
Ich komme von dem fräulein von Effen. Noch ganz bewegt und mit tränendem Auge schreibe ich Ihnen, meine Mariane; aber, möge ich ja niemals den Mann sehen, der dieses Herz brechen konnte! – Doch, Sie werden lieber meine Erzählung, als meine Betrachtungen lesen wollen! –
Der Herr Pfarrer M** K** holte mich um halb acht Uhr ab. Ich war in Leinen, aber ganz nett angezogen. Während des weges wollte ich von Herrn M** K** unterrichtet sein, welches die beste Art des Bezeigens bei dem fräulein von Effen sein würde? Er sagte mir aber, ich möchte nur meine Empfindung reden lassen! Es wäre bei diesem Frauenzimmer nicht, wie in der grossen Welt, wo die aufrichtigste Hochachtung und die besten Gesinnungen des Herzens nicht allezeit geschätzt und beliebt sein, weil da Menschen und Bekanntschaften so häufig abwechselten, sich verdrüngen und auslöschten, wie die Wellen einer unruhigen See. – Je näher ich dem haus kam, je stiller wurde ich, besonders, da wir einen Fussweg zwischen zwei Gartenhecken gehen mussten, der sehr lang und nur für eine person breit war. Das fräulein hatte ihn auf beiden Seiten mit kleinen Gräben zum Ablauf des Wassers versehen, und in der Mitte pflastern lassen. Am Ende fand ich mich auf der Strasse des Weilers. Die ungleich gesetzten Bauerhäuser, mit ihren Bouquetweis gepflanzten Bäumen, machten für mein auge ein reizenders Ansehen, als wenn sie in einer ermüdenden geraden Linie stünden. jetzt sieht bald ein Haus über die Ecke eines Gartens heraus, oder es liegt ein Stück Kornfeld zwischen den Bäumen des dritten und vierten Hauses. Ich blieb an der Seite stehen, und betrachtete einige Minuten die schöne Nachlässigkeit, durch welche sich natur und Kunst mit einander verbunden hatten; dann gingen wir dreisig Schritt lang an einer niedrig gehaltenen Tannenhecke, die an der Mauer der Zimmer des Fräuleins von Effen gezogen ist. Unter dem Torweg, der des bauern Haus von dem ihrigen absondert, traten wir gleich drei Stuffen hoch auf einen kleinen gang, und von diesem in die Schul- und Spinnstube, wo zehn ganz ländlich, aber äusserst reinlich gekleidete Kinder, von verschiedenem Alter, auf Strohstühlchen sassen, und teils Baumwolle, teils Flachs spannen. Etliche, vier bis fünf Jahr alte Buben sassen auf dem Boden und zupften die Baumwolle; alle ganz gesund und vergnügt aussehend. Grosse Fenster in den Gemüsgarten und Viehhof stunden offen, gaben dem Zimmer frische Luft, und zugleich eine freundliche und nützliche Aussicht, weil die Kinder, während der Arbeit ihres jetzigen Alters, die Geschäfte ihrer künftigen Jahre und Berufs verrichten sahen. Alle stunden auf und grüssten den Herrn M** K** mit der Liebe, die ein guter Hirte von seinen Schaafen zu erwarten hat. Die älteste Tochter des Hofbauern,