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Julieund Frau G** wohnen. Nun will er vieles darin bauen und auch den Garten neu anlegen und ich soll mich bis künftiges Frühjahr mit der Einrichtung beschäftigen. – Sie sehen, wie viele Liebe hier für mich waltet und ich habe auch in einem glücklichen Augenblick die Abänderung des Testaments erhalten, wie ich schon so lang wünschte, weil es mich eben so sehr schmerzte, sein ganzes Vermögen zu erhalten, als es meine ärmere Verwandte quälen musste, ohne hoffnung zu sein. ––

Es war ein schöner Augenblick meines Lebens, da mir mein Oheim den geschlossenen Vertrag der Miete wies, die um so viel sicherer war, weil er eine drückende Schuld des Eigentümers bezahlte die den Belauf des Mietzinsen auf die zehn Jahre beträgt. – Daneben zeigte er mir alle Verabredungen mit dem Mauer- und Schreinermeister von den Verbesserungen meines Hauses; und nichts von dem, was ich gewünscht hatte, war vergessen. Mein Herz überfloss in Danksagung für seine Güte, und das seine ergoss sich in Freude über die Aussicht auf meine Glückseligkeit, die er nun recht gründen wollte. – Es war grade nach dem Frühstück, da ich neben ihm sass und er mir auf dem Tisch, nach weggenommenen Teezeug, die Risse des Hauses vorlegte und die Abänderungen alle sagte. Ich hatte schon einigemal seine hände geküsst; und das Bild der Verzweiflung des Ueberrests seiner ausgeschlossenen Familie drang immer näher an meine Seele, so, dass es endlich in meinen geänderten und kämpfenden Gesichtszügen sichtbar wurde. Er kam in Unruhe. – "Rosalia, Ist Dir nicht wohl?" –

"O, ja; – aber mein Herz ist zu voll Glück und Kummer." ––

"Voll Glück und Kummer!" – rief er mit Staunen. "Hast Du was gegen Deine Heirat mit Cleberg?" ––

"Nein, mein lieber Oheim!" sagt ich, indem ich, an seiner Hand hin, neben ihm kniete – "nichts gegen Cleberg, – aber gegen Ihr Testament." –

"Mein Testament! – wo Du all meine Liebe siebst!" –– "Gewiss sehe ich darin alle unbegränzte Liebe für mich; – aber auch das eben so grosse Leiden der N** und A**. Lassen Sie mich mit der Hälfte glücklich sein und teilen Sie die andre unter die Kinder beider Häuser. Diese sind ja doch an Allem unschuldig, was ihre Eltern mögen getan haben. – Mein lieber, grossmütiger Oheim, erhören Sie mich!" –

Ich hielt eine seiner hände an meinen Mund, mein einer Arm war um den seinigen geschlungen, mit dem er den Kopf auf den Tisch stüzte. Er betrachtete mich starr. Ich sah an ihm mit flehender Miene hinauf. Lange redte er nicht. – Endlich sagte er trocken: "Rosalia! ich ändre nichts. – Du kannst ja, wenn ich tot bin, selbst alles verschenken, oder die Hälfte, wie du willst." ––

"Und Sie, meinen Oheim, – Sie! soll ich nicht segnen hören! – nur weinen und seufzen, wenn Ihres Namens gedacht wird! – O, lassen Sie Ihr Andenken Allen heilig werden, die nur einen Tropfen Bluts mit Ihrer edlen Mutter teilen." – Mariane! – Hier bei diesem Namen kont er nicht unbewegt bleiben. Er druckte mit den Hand, die seinen Kopf stützte, seine Augen zu, und blieb einige Zeit in dieser Stellung. – Aber ich bemerkte an dem Heben seiner Brust das Zurückhalten der Tränen. – Er fasste sich wieder mich zu fragen, ob mir jemals von einer der beiden Familien, seit er mein Vormund wäre, Liebe erzeigr worden sei? Ob sie mich um Fürbitte bei ihm ersucht hätten?

"Mein lieber Oheim! Sie hatten ja immer so viel Güte für mich, dass mir kein andrer Mensch, nichts liebes mehr erweisen konnte. Aber gebeten bin ich nicht worden; ich hält es Ihnen sonst gesagt." ––

"Wenn Du wüsstest, was ich weiss! – denke nur, dass meine Abneigung nicht ohne Grund ist." ––

"Ich glaube es, mein ehrwürdiger Oheim, und bitte deswegen um Grossmut." – –

Er druckte meine Hand und küsste meine Stirne freundlich, aber ernstlich denkend, und sagte mir, ich möchte jetzt in mein Zimmer gehen; – hob mich auf und ich sprach ihm nur noch mit ein Paar Blicken. Eine halbe Stunde, eh wir zum Mittagessen gingen, kam er in mein Zimmer. Ich fand sein offnes Gesicht noch voll Spuren einer vergangnen Gemütsbewegung, stand gleich auf und fragte, ob es denn schon Ein Uhr wäre? ––

"Nein! Aber ich will deine Lust zum Essen vermehren, indem ich Dir die Versicherung gebe, dass mein Testament zum Besten der N.** und A** verändert werden soll; wenn Du auch deinem Cleberg davon Nachricht geben willst." ––

Ich segnete und dankte ihm von ganzem Herzen für diesen Endschluss. ––

"Gott segne Dich, meine Tochter! Tochter des würdigsten Weibes und der besten Schwester! Du sollst doch auch wissen, dass es mir selbst wohl tut, dass ich Deiner Bitte nachgab. Sie batten mich sehr beleidigt und ich einen langen Widerwillen." – –

"Aber bester Oheim! wenn der edle Gute nicht grossmütig ist, – wer soll es denn sein!" – –

"Sei ruhig, Rosalia! Ich werde Deine Bitten und Deine Hofnungen nicht täuschen; und Gott wird es an Deinen Kindern