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wann kommst du wieder?" – "Um zehn, rief er, eine Milchsuppe." – "jaja!" antwortete sie, so voll Zufriedenheit in ihrem blauen Auge, und mit beiden Händen ihr weissgelbes Haar zurückstreichend, dass ihr der Morgenwind ins Gesicht wehte. – Einige Augenblicke, sah sie ihm, gewiss nicht unsrer Kutsche, nach, hüpfte leicht und mit wahrer Anmut in den Hof. Ihr Freund Toni aber klatschte noch ein paarmal lebhaft und künstlich; nachdem aber führte er uns, wie fliegend, dem nächsten Postaus zu. Die ganze Scene hatte uns so wohl gefallen, dass wir in dem Kramladen des kleinen Orts ein Halstuch, ein Band und eine Schürze für sein Mädchen kauften und ihm mitgaben. – Der gute Mensch wurde rot, als Ott mit ihm von ihr sprach und sagte, dass wir die Ursache seiner vielen Musik erraten hätten. ––

"Sie ist nur Magd bei dem Bauer, sagte er, aber das schönste und ehrlichste Mädchen im ganzen land. Ich verzehr immer mein halbes Trinkgeld bei dem Bauer für Milchspeise, und er hält sie deswegen auch besser. Das übrige Geld hebt sie auf, dass ich es nicht vertrinke und mir was spare, damit wir ein kleines Söldnergütchen gleich neben meinem Herrn bestehen können. Ich bleib Postknecht. Mein Herr und die Pferde haben mich gern; 's Fuhrwerk geht nicht immer gleich stark, ich hab noch einen Cameraden. Da kann ich schon mein kleines Feldchen bauen, und meine Terese sorgt für die Kuh, den Garten und das Kraut; da kommen wir mit Gottes hülfe sehr gut zurecht." ––

Diese redliche Erzählung und die freundlichen Blicke, die er auf die, in seinen Händen haltende Geschenke von uns, von Zeit zu Zeit heftete, und das kleine Päktgen auf- und zulegte, dann wieder mit beiden Händen zusammen druckte, – rührte uns. Julie sagte auf französisch zu Otten, ihm eine Beisteuer zu geben. – Er tats und der gute Mensch weigerte sich, indem er auf unsre Geschenke deutete. Nachdem aber küsste er unsre hände und segnete uns. – "Kommen Sie den Weg nicht bald wieder?" fragte er. –– "Ja, in acht Tagen." – Da zählte er an seinen Fingern, – "Das ist mein Tag nicht, – aber ich will meinem Cameraden das Trinkgeld lassen und Sie fahren. – Sie sollen sehen, wies gehen wird" – und da schnalzte er mit der Zunge und der einen Hand, und blinzte mit den Augen frohen Beifall dazu. – Er hielt auch Wort, und führte uns ganz vortrefflich im Rückwege. ––

In F** fanden wir unsre Freunde und mussten uns mit ihnen noch einige Tage aufhalten. – Urteilen Sie aber von meinem Staunen, als ich den vierten Tag meinen Oheim mit Clebergen in das Zimmer treten sah. Er war mir so unerwartet, das ganz Englische Wesen, so er angenommen; eine Art stuzendes Betrachten meiner person, die rasche Freude und Tränen meines Oheims, noch mehr aber sein Reissen an meiner Hand und an Clebergs Arm, mit dem Ausruf: "Nun, Kinder! nach zwei Jahr Abwesenheit dürft ihr euch wohl umarmen." ––

Cleberg gehorchte mit Freude in seinem Auge, – ich aber widerstrebte und sank beinah in dem erregten Sturm zu Boden. Meine Lippen zitterten und Cleberg fasste mich mit Schrecken, da er mich blass und schwankend sah. –– "Was ist das! Rosalia! – um des himmels willen, was ist das? was ist seit Ihrem lezten Brief in Ihrem Herzen vorgegangen? – Unser Oheim macht Sie nicht zittern, das bin ich, ich allein, den Ihr Uebelwerden angeht." ––

Ich konnte nicht reden: die Worte starben in meinem mund. –– Ich legte endlich meinen Kopf auf seinen Arm. – Er schwieg und druckte mich an sich. Ich küsste eine Hand meines Oheims, die ich hielt. – Er sagte mit: "Gutes Mädchen! wir hatten Unrecht, dich so zu überfallen, ich finde es, erhole dich nur." ––

Diese Betrachtung war richtig. Aber ich würde von der plötzlichen Erscheinung nicht so erschüttert worden sein, wenn mein Oheim nicht so rasch auf eine Umarmung gedrungen hätte. Denn bei der Erinnerung der äussersten feinen Strenge, die ich mir aufgelegt und heilig gehalten hatte, dass von dem Tag an, wo mein Herz und mein Oheim mich für Clebergen bestimmten, niemals die Lippen eines andern Mannes meinen Mund berühren sollten, – war ich wohl billig genug, nicht das nehmliche von ihm zu fodern und zu erwarten. – Aber gewünscht hatte ichs, und den Augenblick, da er nach der Auffoderung meines Oheims sich mir näherte, warf ich ihm einen Mangel an Feinheit vor; – und zugleich war in mir der Gedanke: O, wie viele dieser Küsse mag er verschwendet haben! – Und dann war doch auch die Bescheidenheit mit verbunden. – Es war mein Bräutigam, aber doch ein Mann, den ich in zwei Jahren nicht gesehen hatte. – –

Ich war besserund zeigte ihm mein Vergnügen, ihn zu sehen. Er betrachtete mich, während ich sprach, mit Aufmerksamkeitund es dünkte mich, als ob es lauter Vergleichungen wären, die er zwischen mirund was ihn auswärts angezogen, in seiner überlegung machte. Ich war eben sehr vorteilhaft gekleidet. – Ein langer Pelzrock nach der Taille, feines Gelb mit Zobel ausgelegt;