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nicht mit einem Modell umhergehen, das wir uns von Verdiensten des Verstands und Herzens gemacht haben, und so daran kleben, dass wir alles, so nicht in dieses Modell passt, als mangelhaft verwerfen; sondern uns angewöhnen und zur Pflicht der Vernunft und Billigkeit machen, zu denken, dass es mit den moralischen Formen der Menschen eben so, wie mit der Bildung ihres Körpers ist. – Millionenfache Abänderung der äusserlichen Gestalt, die zwischen dem Urbilde der Schönheit und Höflichkeit stehen, sind doch immer Menschengestalten, und wir fodern niemals, dass alle Gesichter von unsern Freunden und Bekannten sich gleichen sollen. Aber moralische Gesinnungen fodern wir immer nach unserm Modellund Sie haben auch in jedem Menschen abgeänderte Grade und in tausend und aber tausenden den nemlichen inneren Wert und bringen auch Gutes hervor, nur nicht auf die nehmliche Weise. Da sollte aber der edle, grosse Menschenkenner, mit liebreicher, herablassender Weisheit, eintreten und zeigen, dass der blick seines Geists richtig und hell genug ist, um alle mögliche Verschiedenheiten zu bemerken und zu beurteilen; – und dass in dem weiten Umfang seines Herzens jeder Grad des Guten gefühltund geschätzt wird, ohne sich von der Obermacht seines Geistes zu dem despotischen Sinn leiten zu lässen, Alles nach seinem Willen zu haben. – Denken Sie nach, Rosalia, was für eine Menge kleine Ideen- und Gesinnungstyrannen in der menschlichen Gesellschaft leben; wie oft vielleicht schon wir es selbst waren! –– Ich gewiss, zu der Zeit, da ich meine Vaterstadt bewohnte und Anfoderungen an meine Bekante machte, die sie mir nicht aus Bösartigkeit versagten, sondern weil sie die Sachen anders ansahen, als ich. – Seitdem bin ich aber so billig geworden, mir zu sagen: wenn hundert Menschen in einem Kreis, um einen Gegenstand der Betrachtung herum gestellt würden, so sieht freilich ein jeder die nehmliche Sache, aber nur von der Seite, die seinem Standpunkt gegenüber ist. – Die andern links und rechts neben ihm, sehen schon ein andres Stück; und vielleicht wirft der Zufall über den teil, den mein Nächster betrachtet, einen Schatten, der seinen guten Willen, seinen Eifer, richtige Bemerkungen zu machen nicht nur erschwert, sondern völlig verhindert. Derjenige, der mir nun völlig gegenüber steht, sieht auch die ganz andre Seite. Und da sollt ich begehren, dass er das nehmliche Urteil fälle, die nemliche Empfindung äussere, wie ich? – Wie ungerecht ist dieses! und dennoch geschieht es immer, bald bei wichtigen, bald bei geringen Gelegenheiten, und versagt also auch immer nach diesem verhältnis grosse oder kleine Unannehmlichkeiten. – Und das, meine Rosalia, müssen wir auch so lassen. Nur an uns, meine Liebe, wollen wir es ändern. Und dies können Sie wirklich vielmehr tun, als ich, weil Sie in einem grösseren gesellschaftlichen Zirkel leben. Sie sagten mir einigemal mit Bedauren, dass Sie niemals so viel Gutes würden tun können, als ich in Ihrer Vorstadt tat. – Nicht so viel Ausgaben an Geld; aber um so viel mehr an edlen Gesinnungen und Empfindungen! – Verweiden Sie, mein Kind, just die Fehler, die ich beging und ertragen Sie mit Güte alles, was Ihnen an Bekanten missfällt, oder nicht mit Ihnen stimmt, so wie Sie die Verschiedenheit der Gesichtszüge ertragen. Ich möchte wohl für die edle Seele meiner Rosalia hinzusetzen: – Lobenund tadeln Sie nicht anders, als durch ;139;Kennzeichen der Hochachtung für schätzbare Personen aller Stände und durch Vermeidung aller Fehler in dem Ihrigen; – und halten Sie unverrückt an diesem Vorsatz. – Sie werden sehen, was Sie für eine reiche Erndte von achtung, Einfluss und Vertrauen in den Herzen Ihrer Nebenmenschen daraus erhalten werden. Hätte nicht der Sturm einer heftigen leidenschaft meine Seele von ihrer Bahn getrieben, so würde' ich diesen Plan befolgt haben. Nun bin ich auf eine Insel verschlagen; bin meines geretteten Lebens froh; und meine würkende Phantasie, giesse Freuden aus und geniesse viele; – hin auch mit dem rechtschaffnen Beamten Mooss überzeugt, dass man in einem kleinen Kreis mehr Gutes tun kann, als oft in einem grossen. – Mit diesem Mann habe ich mich nun fünfmal in lange Unterredung eingelassen. Der einfache und so ganz seinem Amt ergebne gang seiner Ideen; die Zufriedenheit mit der Vorsicht, die ihn zum Landbeamten bestimmte; dass er der Beste seiner Mitbrüder sein wollte und dass seine Bauern die glücklichsten von der ganzen Gegend werden sollten, – dies, mit einem Gesicht voll Herz und Eifer gesagt, gab mir eine neue Art von Freude zu fühlen.

Ich schickte meinen gelehnten Bedienten und seine Frauwieder nach S** zurückund nehme eine Tochter des Herrn Mooss zu mir, ein ganz reines, kunstloses Mädchen von sechszehn Jahr. Sie hiess Mata, und ist mir auch deswegen lieb. Ein guter und schöner Sohn von funfzehn Jahren wird bei mir zeichnen und französisch lernen. Sie können nicht glauben, was für ein grosses Talent in dem jungen Menschen liegt, und wie einnehmend das Gemisch war, feuriger Begierde, alles was ich sagte, zu hören, meinen Bleistift, da ich etwas zeichnete, zuzusehen; und der Ehrfurcht, die ihm der Vater gegen mich auflegte, dass er sich nicht nähern durfte, wenn ich da war. Aber ich bemerkte seine Unruh, das Hin- und Hergehen, das Blicken nach dem Vater, nach meinem Papier und meiner Hand, als ich die idee des