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. Er hat eine sehr liebenswürdige Frau, mit der ich ihn oft in einem Garten sah, in welchen einige Fenster der Caserne die Aussicht haben. – Ach! wie traurig machten mich die Kennzeichen der wahren, reinen Zärtlichkeit, die sie sich gaben, – wenn ich da an Charlotte dachte. Der Garten schien mir schlecht gepflegt und ich machte den Entwurf einiger Verbesserung im Schönen und Nützlichen; zeichnete ihn und sagte meinem freundlichen Unteroffizier davon; dieser dem edlen Herrn von L*** T*** und ich erreichte meinen Endzweck zwischen meinen Wachttagen, in diesem Garten zu arbeiten. Man war sehr mit mir zufrieden, besonders, da ich einen Jungen des ersten Gärtners unterrichtete. Diese Zufriedenheit wandte ich an, Herrn von L*** T*** um Bücher zu bitten, welche ich aber nicht zum Lesen, sondern in der Absicht verlangte, dass er auf mich neugierig werden möchte. Das geschah; er fragte mich aus. Ich erzählte ihm Alles, und gestand ihm auch meine Absicht in Bearbeitung seines Gartens. – Mein Kummer schien ihn zu rühren, so wie ihm meine Freimütigkeit gefielund ich erhielt nach einer neuen Krankheit, aus den Händen dieses grossmütigen Menschenfreundes, der einen andern Mann für mich stellte, meine Freiheit wieder, nebst Geld und einem Pass als Gärtnergeselle, worauf ich mir auch Gärtnerkleidung anschafte, und dann nichts wichtigers hatte, als in die Gegend zu eilen, wo meine Charlotte wohnte. Da hörte ich das traurige Schicksal ihrer Familie und wurde äusserst darüber betrübt. In Immenberg erfuhr ich den Aufentalt der Mutter; aber von Charlotten kein Wort. – Ich musste sehr behutsam mit meinem Herumwandern sein, weil an zwei Orten Werber lagen, vor deren Klauen ich mich fürchtete und wirklich einmal in Gefahr geriet, vieren von ihren ausgestellten Leuten in die hände zu fallen, wenn nicht die Dämmerung und meine Geschicklichkeit im Bergsteigen mich gerettet hätte. Denn sie verfolgten mich auf einem Fusspfad an der Anhöhe, der sich endlich in zwei Wege teilt, auf deren einem ich Bergan kletterte und nicht mit Gehen aufhörte, bis ich völlig oben war. Nacht und Nebel lagen dann auf dem Tal. Ich war müde, und schlief unter dem nächsten Baum."

"Sie müssen ihn einmal sehen, fiel Charlotte ein, diesen Baum, wo meines armen Carls klopfendes Herz, das erstemal hier ruhte. Er ist mit einer schönen Grasbank umgeben. Ich habe ihn oft geküsst." –– "Und über ihn geweint;" sagte ihr Mann lächelnd, indem er ihre Hand drückte. "Den Morgen darauf war ich sehr niedergeschlagen in meinem Gemüt. Aller mein erlittner Jammer war vor mir. Der Gesang der Vögel, das muntre Herumkriechen der Gewürme, hie und da eindringende Sonnenstralen zwischen den Stämmen und Aesten der Bäume; die schönen Farben der Blätter und kleinen Waldblümchen; die so ganz vollkommne Stille und Ruhebesänftigte und erweichte mich. Ich weinte eine Zeitlang; dann kniete ich und betete um Nahrung und Ruhe, wie dieser Wald und Kräuter und Würmer aus der Hand ihres Schöpfers erhielten. – Ich stand gestärkt an Leib und Seele auf und wollte die Gegend des Bergs kennen lernen; ging daher immer, auf der äussern Linie, seiner Höhe nach, wo ich endlich zu dem zerfallnen Schloss kam, mich da hin setzte und Betrachtungen über die Vergänglichkeit alles dessen machte, was Menschen, im Guten und Bösen, mit Weisheit und Torheit, Glück und Elend, machen, und erfahren. Eine kleine einsinkende Hütte stand noch da, auf dem Platz der unsern. Ich durchsuchte sie, und räumte sie aus, weil ich, da ich noch Brod und etwas Käse bei mir hatte, den ganzen Tag und die künftige Nacht da bleiben wollte. Der Abend war herrlich schön, das Tal vor uns, und alles! – Ach, da fiel mir ein, wenn Charlotte dächte, wie ich; wenn sie mich liebte, wie ich liebe: wie selig könnten wir hier sein! Den ersten Gesetzen der natur getreu, baute ich hier die Erde für unsre Nahrung, zöge Blumen, schönes Gemüs und Obst; das verkaufte ich um Kleidungsstücke; und mit diesen süssen Träumen von romantischem Glück schlief ich, auf zusammengetragnen Moos ein, wachte mit diesem Traum wieder auf, und nahm mir vor, Charlotte zu suchen. Ich ging aber einen grossen Umweg nach dem Dorf, wo ihre Mutter wohnen sollte, und getraute mir auch den zweiten Tag nicht, irgends einzukehren, weil ich Soldaten gesehen. Den vierten Abend führte mich der glücklichste Zufall zu Charlotten. – Ich sah ihre Liebe, ich fühlte meine Zärtlichkeit, aber zugleich alle Not der Bedürfnisse und der Macht der Gewohnheit. Ich entsagte ihr, riss mich mit Verzweiflung von ihr, hasste alle Welt, wollte keine Seele mehr sehen! –– Aber, ach! wie traurig ist der Zustand des Menschenhassers! Er verliert nicht nur alle Empfindung von gesellschaftlicher Freude, sondern auch die von dem Vergnügen, so wir über unsre erworbene Kenntnisse, Verdienste und Tugend hatten. – Aber, es ist eine gerechte Folge des Losreissens von den Banden der Pflicht, dass zugleich alle süsse Gefühle der Menschheit verlohren gehen. Meine innere Wut dauerte vier Tage. Ich wälzte Steine und Stücke Mauer aus ihrem Platz, riss Aeste von Bäumen, ohne Plan, ohne Absicht; kletterte über den Schutt im Turm; stiess mit den Füssen Sand, Mauersteine und was locker war, durch die offne Seite hinaus und sah sie mit wildem Vergnügen den Berg