wüchsen. – Der Beamte bewilligte uns Brennholz, so viel wir brauchten und wir durften, da wir mehr Kinder bekamen, vier Ziegen halten; auch grössere Stücke mit Korn anpflanzen. Meine Mutter besuchte uns die zwei Jahre, da sie noch lebte, manchmal. – Der Stein, den ich meinen Altar nenne, war ihr letzter Ruheplatz bei uns. Da sah ich sie, da küsste sie mich das letztemal! Ich kam bald mit Lottchen in die Wochen und konnte sie nicht mehr besuchen." Sie weinte hier still. "Ach! Madame, es ist kein Fleckchen um uns herum, das nicht mit meinen Tränen benetzt wurde und ich glaube, dass mir dieser Boden auch deswegen so lieb ist." ––
Zwei und siebzigster Brief
Fortsezung.
Frau Wolling weinte wirklich wieder. Ich störte sie nicht gleich; – endlich fuhr sie fort: "Ich kann nicht sagen, was seit Ihrer Ankunft und der Versicherung Ihrer hülfe in uns vorgegangen ist. Ach! glauben Sie, dass wir Ihre Güte verdienen, – und entziehen Sie uns Ihre Gegenwart und Ihre Liebe nicht mehr. Ich könnte, grosser Gott!" – sagte sie mit aufgehobenen Händen "ich könnte Ihren Verlust nicht ertragen. Sehen Sie nicht uns, sondern unsre armen Kinder an." ––
Rosalia! ich erneuerte ihr mein Versprechen und sagte Nachmittags beiden meinen Plan für ihr Haus und Gut; welches sie ganz glücklich machte. Ich versicherte dabei den Herrn Wolling, dass ich mit seiner und Charlottens geschichte sehr zufrieden wäre – und beide bäte, alles Vergangene nur als einen beschwerlichen Weg anzusehen, auf welchem ihr Schicksal erst ihre Tugend prüfen und sie dann auf einen guten Ruhplatz bringen wollte, wo sie nichts als Vater- und Muttersorgen fühlen und die Glückseligkeit eines freien einsamen Lebens neben dem Vergnügen der Arbeit und Freundschaft geniessen sollten. –
Hier fasste ein jedes im nehmlichen Augenblick eine meiner hände. Charlotte schluchzte; Wolling lag mit seinem Kopf auf meiner Hand; – redeten aber nicht, und diese stumme Scene fesselte auch meine Zunge auf einige Minuten. Endlich erholte ich mich zuerst, und sagte ihnen: "Meine Freunde, alle Menschen haben Leiden zu ertragen. Ich bin reich, gesund, unabhängig: aber es geht ein grosser teil bittern Kummers durch mein Leben. Ich versüsse ihn allein in dem Wohl meines nächsten und der Uebung meiner Talente. Eure Liebe wird mich freudig machen und hier wollen wir, nach Art der Patriarchen, in unsrer einsamen wohnung mit einander glücklich sein. Morgen früh gehen wir zu dem Beamten. Aber heute erzähle mir Herr Wolling die Art, wie er auf diesen Berg kam, und die erlaubnis erhielt, sich hier anzubauen."
Er küsste meine Hand und sah mit einem blick mich an, der sagte, dass er deutlich meine Bemühung sehe, ihr Aufmerksamkeit von meiner Wohltat abzuwenden. – "Meine gute Charlotte wird Ihnen viel Vorteilhaftes von mir erzählt haben. Sie weiss nicht, wie viel tausendmal ich mir Vorwürfe machte, dass ich nicht gleich nach dem fest ihrer zweiten Schwester mich entfernte. Ich hätte alle Stärke und Entschlossenheit, die dazu nötig war, in mir finden können. Aber, ich verblendete mich durch Entwürfe von grossmütiger edler Liebe; und es ist immer schwer, dem Anblick der Geliebten zu entsagen. Ich setzte mir heilige Schranken; ich übertrat sie nicht. Aber der Strom meiner leidenschaft verstärkte sich immer, und riss endlich die Ruhe und das Wohl meiner Lotte und ihrer Familie mit sich hin." ––
Ich sagte ihm hier, dass er sich, in meinen Augen immer edel bewiesen habe.
"Ach! ich war es nur im Unglück. Ich hätte es in guten Tagen sein sollen! – Aber, Sie wollen meine Berggeschichte wissen. Ich wurde ein gezwungener Soldat. Mein Widerstreben half nichts, und ich sah wohl, dass die wahre Erzählung meiner geschichte auch nichts helfen würde. Die Urheber meines Elendes waren mir, um Charlotten willen, zu ehrwürdig geworden, um von ihnen zu reden, wie sie es verdienten. – Vergieb mir, Liebe, sagte er zu Lotten, ich bin nicht mehr bitter; es ist nur in dem Lauf der geschichte. – Alle gezwungne oder unsichre Leute, wie man sie heisst, werden in Garnisonstädte gelegt und äusserst beobachtet. Ich kam also sehr weit an die grenzen des Reichs. Nachdem meine Seele ganz erschöpft war und ich aus dem Lazaret kam, erhohlte sich meine Vernunft mit meinem Körper. Ich sah ein, dass ich auf diese Weise zu grund gehen würde, ohne den Trost zu haben, etwas von Charlottens Schicksal zu erfahren. Vor dem Durchgehen schauderte mich, ob mir schon der Gedanke einigemal aufstieg. Ein erzwungner Eid war doch ein Eid, den ich vor Gott abgelegt hatte; und Durchgehen war eine niedrige Handlung, die mich mit tausend schlechten Leuten in ein Bündel warf. Das wollte ich also nicht; sondern befliss mich äusserst auf den Dienst, munterte und ermahnte auch Andre zu genauer Erfüllung ihrer Pflichten auf. Die Unteroffiziere fingen an mich zu lieben. und gaben mir bei den Obern gute Zeugnisse; die dann auch freundlich mit mir sprachen. Unter diesen suchte ich nach einem Ausdruck des Gesichts, der mir edelmütige Menschenliebe versprach. –– Ich fand den Mann in der zweiten Garnison, an dem Lieutenant von L*** T***, von dem ich schon in unsern Gegenden, wo er auf Werbung lag, als von einem vortreflichen und Einsichtsvollen Mann hatte sprechen hören