Auf einem Steine waren Kohlen und zwei Töpfe, einer mit Suppe, einer mit etwas Gemüs und Fleisch, das er den Tag vorher gekocht hatte, und nur zu wärmen brauchte. Vier irdene Teller und einige artig geflochtene Körbchen standen auf ein paar andern Steinen, die er von altem Mauerwerk hinein getragen hatte. ––
Ach, wie wurde ich von alle dem gerührt! Vögel hüpften vertraut aus und ein. Er holte seine beiden Ziegen aus ihrem Behälter und ich musste ihnen mit meiner Hand etwas zu fressen geben – und seinen Vögelchen etwas Gerstenkörner, da ich auf der Bank vor der Hütte sass. – O, wie sah er mich an! wie hielt er meine Hand! was für sanfte Zähren flossen von seinen Augen. Hier so eine Ruhe! – der schöne Tag, diese Gegend! – sie wies mit der Hand umher; – Carl! – – ach, ich blieb; ich vergass – Mutter, Welt, Alles! Alles! ––
Hier Rosalia, hing sie mit beiden Armen an meinem Hals. – Wie sie weinte, wie ich stumm und bewegt, meine arme um sie schlug, auch mit weinte und sie an mein Herz druckte, das soll Ihr eigenes Herz, nicht meine Feder Ihnen sagen.
Ein und siebzigster Brief
Madame Guden an Rosalien.
Ich denke, Rosalia, Sie haben Alles mitgefühlt, was ich von der rührenden geschichte meiner Wollinge mit meiner Feder wiederholen konnte. Es ist unmöglich, dass ich alle die feinen Mischungen mitschreibe, die Charlotte in ihre Erzählung brachte. Sie lag einige Minuten an meinem Hals, eh sie fortreden konnte. Mit niedergesenkten Augen, und eine meiner hände in den ihrigen gegen ihre Brust hebend, fragte sie mich: "Sagen Sie, vergeben Sie mir, dass ich bei Carln blieb? Sie wissen, dass ich mit ihm getraut war." –
"Ja, mein Kind; – Ich vergeb Ihnen von Herzen! Möchten Sie nur immer gleich glücklich gewesen sein!" ––
Ach! mein Glück welkte so bald, wie die Blumenkränze um unsere Hütte; und Carl, der arme Carl, hatte einige Zeit viel mit mir zu leiden. Die Regentage, die Zeit, da er wegging, etwas zu holen, sass ich voll Verzweiflung und Angst in einem Winkel versteckt – und um die Zeit der Rückkunft meiner Mutter, – o, wie war mein Herz zerrissen! Ich schrieb ihr und Carl auch. Sie wollte uns nicht sehen. Der Zorn und die Sorgen über uns machten sie krank. Mein Kummer um sie gab mir Mut, Carls Abwesenheit zwei Tage zu ertragen. Es waren freilich Sommernächte, aber ich neunzehn Jahr alt – und so sehr empfindlich; allein, ganz allein, in dieser Einöde! Ach, mein Gebet erhielt mich, und auch der Gedanke dass ich alle meine Angst, all meinen Jammer verdiente, weil ich meinen Eltern, und also dem Gesetz Gottes ungehorsam gewesen sei. Ich warf mir den Tod meines Vaters und das Elend und die Krankheit meiner Mutter vor; hatte oft das Herz nicht mehr, Gott um hülfe anzurufen und dachte immer in der Beklemmung meiner Seele an den Fluch unsrer beiden Väter über uns. – Wir schliefen auf Moos, – jedes hatte nur zwei Hemden; kein Küssen, keine Decke, als die beiden Bettücher, die ich für Carln zu Hemden mitgenommen hatte. Ich hatte sechs Gulden von der Wittbe geborgt und ihr dafür alle meine Gerätschaften zum Pfande gelassen. Unsere Löffel wollten wir nicht verkaufen und lebten höchst kümmerlich so fort. – Fleisch assen wir lotweis, denn wir kauften die Woche nur ein Pfund. – Ich nähte die zwei Servietten zusammen und stopfte sie mit Moos zu zwei Kopfpolstern aus. – Sie müssen den Wasserbehälter sehen, den mein armer Mann, mit der Mühe und Erfindsamkeit machte, welche das Gedränge der Not gibt. Darein tauchten wir unsere Hemden und übergossen sie mit leichter Lauge und wuschen sie. Ich bleichte, trocknete und strich sie mit meinen Händen glatt. – Ich hatte nur eine Schürze, zwei Röcke und zum Glück ein Schlafwämschen, neben dem halben Kleide, so ich den Tag meiner unglücklichen Flucht aus dem kindlichen Gehorsam anhatte. – Meine daurende Tränen und Seufzer erschütterten das Herz meines Mannes, der Tag und Nacht arbeitete und tausendmal seinen Verstand erschöpfte, um mir Trostgründe und Hofnungen beizubringen. Ich vermied ihn oft und blieb allein. Es schmerzte ihn. – Er hatte ein Stück mit Haber und eins mit Flachs besäet; sein Gärtchen wurde alle Tage grösser; wir assen gutes Gemüs. – Er war ruhig und immer zärtlich, aber einige Tage stiller und nicht mehr so vertraut. Einen schönen Abend gingen wir schweigend, aber Hand in Hand, noch hieher. Ich setzte mich, denn ich fühlte, wie eine Vorbedeutung in mir, dass ich einer grossen Veränderung nahe sei. Carl wandte sich halb von mir ab, sah mit tiefem blick, und mit langsam hebender Brust, gegen die Seite der niedergehenden Sonne. Endlich sagte er mit Ausdruck von Schmerz und Vergnügen. "Schöner stärkender Himmel!" – sezte sich neben mich und nahm wieder eine Hand von mir: ––
"Meine Charlotte! ich wünsche innig, dass Ihnen dieser anblick," – er deutete auf die Wolken, "eben so stärkend sei wie mir. – hören Sie mich an; mein Herz hat Ihnen einen Vorschlag zu tun." – "Ja, mein Carl! Aber warum sagst du