sein. –– Immer redte er noch nicht. Ich schwieg auch, hielt es aber nicht aus, sondern küsste ihn auf die Stirne. – Er fuhr auf. –
"O Charlotte, Charlotte!" – und blickte mich unaussprechlich an, fasste meine hände nochmals, legte noch sein Gesicht darauf; aber ich fühlte mit Angst, wie es immer glühender wurde. – "Lieber, lieber Carl!" – sagte ich leise mit beklemmten Herzen. – Da richtete er sich ziemlich sanft auf, faltete seine hände: – "Ja, Charlotte! – ja, Alles, Alles will ich tun, Sie, Ihre Mutter zu beruhigen!" –– Betrachtete mich wieder ganz; – ich sass noch – er stand vor mir. Sein Gesicht zog sich ein wenig, während er einige Augenblicke schwieg, dann seine Augen mit seinen Händen, aber nur einen Augenblick, zuhielt und mit einer heftigen Wendung aus dem Kapellchen heraus trat, seinen Kopf mit etwas Trotz erhob und mit dem Arm zugleich eine gewaltige Bewegung machte. – "Ja, Schicksal! – Ja, Menschen! – Ich will Alles tun, Alles leiden!" ––
"O, Madame!" – sagte sie und fiel an mich, – was hatte er da für eine stimme, für eine Stellung, welch fürchterlichen Ausdruck in dem sonst so sanften, so edlen Gesicht! – Ich stand zitternd auf und ging mit ausgestrekten Armen gegen ihn. –– "Carl! mein Carl." ––
"Ihr Carl, Charlotte!" und halb hob er einen seiner arme gegen mich, schlug aber gleich mit flammendem Gesicht diesen Arm an seine Brust. – "Hier! – hier, ewig Ihr Carl! – und Sie meine Charlotte!" –
Ich wollte ihn da umarmen, er wies mich mit beiden Händen ab. – "Nein, Charlotte! – nein, –– aus Barmherzigkeit nein!" –– Er bückte sich, nahm schnell seinen elenden Hut, druckte ihn fest an sich, riss mein Schnupftuch mir weg und ging ohne umzusehen, ohne etwas mit sich zu nehmen, weg; so eilend, mit solchen Schritten, dass, wenn ich die Kraft gehabt hätte, zu laufen, ich ihn doch nicht würde eingeholt haben. – Mein Schmerz, meine Verzweiflung sind über allen Ausdruck. Ich trug mit bitterstem Kummer Alles zurück. Ach, wie Eisen schwer wurde es mir, gegen das was ich im Hintragen gefühlt hatte. Ich ass und trank den ganzen Tag nicht. Ich schrieb meiner Mutter und schickte ihr das Geld, so ich ihm hatte geben wollen. Ich härmte mich die ganze Nacht elendig ab und schlief zum Unglück ein, denn ich wollte, samt meiner Mutter, ihn noch einmal sehen. Aber ich erwachte erst, als sie von ihm zu mir kam, und an meinem Bett schluchzte. – Er war gekommen ganz ruhig, ganz nachdenkend; hatte wenig geredt, meinen Brief gelesen, geküsst, meine Mutter gesegnet, – mich! – nur einen Gulden von achten genommen, die meine Mutter ihm geben wollte, und war bald, aber fast wankend von ihr gegangen. Sie sah ihm nach, – als er auf einmal umkehrte und zu ihr sagte: "Lieben Sie, trösten Sie meine Charlotte! – Sie ist doch meine Charlotte, meine mir angetraute Frau!" – Er fasste die Hand meiner Mutter: – "Diese Hand selbst, diese Mutterband, hat sie mir gegeben, vor Gott gegeben! – und nimmt sie wieder, –– auch vor Dir!" – sagte er, mit Aufhebung seines Kopfs zum Himmel.
Meine Mutter erschrak und war unwillig dabei. "Beides war Zwang, war Nacht!" – sagte sie; und dies gewiss mit einem zornigen Wesen. Er trat einige Schritte zurück: –– "Ja, ja, Sie haben Recht, Frau Rätin; Sie haben Recht," – und fort lief er ganz geschwind. Meine Mutter sah, dass er den elenden Gulden noch von sich warf und dann noch mehr forteilte. Sie war ungeduldig über ihn, jammerte über mich, schmählte auf mein heftiges Weinen und auf meine unbesonnene Liebe die doch der Grund alles Unglücks meiner Familie wäre. – O, was litt ich da wieder! – Ich wurde nicht krank, ob ich schon nichts als Kummer empfand; aber oft, recht oft ging ich zum Kapellchen und weinte und liebte da. Ich muss bekennen, dass ich nichts anders tat und dachte. Es freute mich nichts mehr, keine Arbeit, nichts; meine gute Mutter selbst hatte mein Herz verlohren. Fünf bis sechs Wochen waren so hingegangen. Ich hörte kein Wort von meinem Mann. – Es kränkte mich in der Seele, und alle Tage, wenn es nur ein wenig heiter war, ging ich schon mit dem anbrechenden Morgen durch das Gärtchen der Wittbe, bei der ich wohnte, durch einen Feldweg und eine kleine Anhöhe in die Capelle; immer mit der hoffnung, ihn einst da zu finden. Den zweiten Junius, an einem Feiertage, erstaunte ich sehr, auf dem Boden ein schön geflochtenes, weisses Körbchen voll Erdbeeren und Blumen zu finden. Ich erschrak Anfangs, und dachte, dass jemand aus der Gegend da sein müsse, der vielleicht nur einen Augenblick auf die Seite gegangen sei. Ich wartete lang an dem Eingange, blickte aber von Zeit zu Zeit auf das Körbchen. Dann bemerkte ich auch, dass um die