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in einigen Tagen wieder kommen sollte. Bis dortin wollten wir uns entschliessen, was wir tun könnten; und er nahm die übrige Milch und das Brod mit sich. ––

Siebzigster Brief

Madame Guden an Rosalien.

Ich war hier begierig gemacht, das Uebrige von der Wollinge traurigen geschichte vollends zu hören. Die gute Charlotte hatte Mühe, das Weitere in aller Ordnung zu sagen, weil sie noch immer bei allem zu sehr weint und durchdrungen ist. Sie können aus dem Mahlen einer jeden Scene schliessen, wie sehr deutlich die Bilder der Quaal noch in ihrer Seele liegen. Denken Sie sich selbst dieses alte Kapellchen und die zwei treue Liebende darinnen; den Milchtopf, der den Armen nur Tropfenweis erquickte –– und dann den Abschied und das Hinknien neben einander und das Hinblicken auf den Platz der zum Altar geweiht war, und die gebrochne Reden und das Seufzen Carls, als er seine beiden hände an den Ueberrest dieses Altars legte, seinen Kopf darauf lehnte und dann hier noch einmal seiner Charlotte und allen Wünschen seiner Liebe entsagte, wenn sie, nur sie, glücklichund ruhig würde. – Sie, mit stillem Weinen da auf der Erde sitzend; ihr Herz an ihm hangend, nach ihm sehnendund allein durch die grausame Not des Nichts haben, des Nichts hoffen, zurück gescheucht, noch nicht sagen zu können: ich will mit dir in einer Hütte leben! – O Rosalia!

Er ging weg. Sie bat ihn, ja wieder zu kommen, fürchtete er möchte es nicht tun, besonders da er ihr seinen Aufentalt nicht nannte. ––

Ach! sagte sie, ich glaubte mehr an meine Liebe, als an seine. – Meine Mutter kam schon um halb sieben zu mir, betrachtete mich ängstlich, riss mich an sichund benetzte mich mit Tränen. –– "Lotte! O Gott, meine Lotte! was hatte ich für eine elende Nacht, voll Vorwürfe, dass ich dich verliess. – Tröste mich, söhne mich mit mir selbst aus. – Sage mir alles, alles, wie es vor Gottes Augen ist. –– Was habt ihr geredt? wo ist Carl? Wann gingst du heim?" ––

Treulich, wie Ihnen, sagte ich ihr alles. Sie dankte Gott innig für den Schutz, den er mir gegeben. ––

Rosalia! haben Sie es nicht der Mutter etwas übel genommen, dass sie wegging? Ich tat es auch. Aber denken Sie, wie sehr die arme Frau immer niedergedruckt war; sich erst beständig vor ihrem wilden Mann fürchten musste, dann arm wurde und von der Gnade eines Tochtermannes und einem kleinen Gehalt lebte. Sie war nicht von den Leuten deren Mut gestählt werden kann, sondern die ihn völlig verlieren. Selbsterhaltung, sorge, die Magd möchte sie verraten, die arme Lotte verratenund Carl in Gefahr kommen; ach, wie viel stürmte da auf die wenige Kräfte dieser Frau! Sie fühlte, dass sie nicht weg sollte; deswegen rufte sie Gott um Schutz an, schlief nicht und war des Morgens so ängstlich. Ach richten Sie nicht!

Charlotte fuhr fort. –– ihre Mutter forderte, dass sie Carln nicht mehr sehen und ihm nur schreiben sollte. Diesen Brief wollte die Mutter ihm geben –– und ihm dabei ermahnen, dass er sein Glück erst suchen und nur dann und wann Nachricht von sich geben möchte. Bei diesem Vorschlag ihrer Mutter empörte sich ihr Herz –– und fühlte nichts, als seine Liebe. Sie schlug da die hände zusammen: – "Der Himmel vergebe mir, wie er mich strafte! – Ich nahm mir vor, meine Mutter zu betriegen und ihr einen Tag später anzugeben, wo Carl wieder käme. Ich wollte ihn nur einmal noch sehen, nur einmal! Es war mir mit diesem Vorsatz Ernst. Ich schrieb den nehmlichen Morgen den Brief den meine Mutter haben wollte. Sie nahm ihn mit, denn sie konnte nicht alle Tage zu mir kommen, sondern nur an denen, wo mein Schwager in die Stadt zum Rat fahren musste. Sie wollte dann, nach der Unterredung mit Carln zu mir kommen und mich trösten; denn ich weinte schon sehr, da sie noch mit mir davon sprach. Es waren gewiss, glauben Sie mir," sagte sie gegen mich, bittend, es waren gewiss schon Zähren der Reue darunter, dass ich sie betriegen wollte. Aber meine Liebe war stärker, als diese Reue, und meine lange Busse auch. – Ich sprach meinen Mann den zweiten Tag Morgens bei der Kapelle, da ich ihm nochmals etwas Milch und Brodt mit Butter brachte und ihm unter einer Flut von Tränen, den Willen meiner Mutter ankündigte; dass ich ihn aber noch einmal hätte sehen und meiner treuen ewigen Liebe versichern wollen. – Er solle sich um einen Platz bewerben, und mir fleissig Nachricht von sich geben, an mich und an das Kapellchen denken, wo seine arme Charlotte alle Tage hingehen würde, für ihn zu beten. – Er liess mich reden, hielt meine hände, so wie er neben mir sass, in den Seinigen, die er auf seine Knie stützte und sein Gesicht in meinen Händen verbarg, keine Träne, keinen laut von sich gab. Ich hatte vier Bettücher von guter Leinwand und die sechs silberne Löffel mit mir gebracht; die sollte er zu Hemden und zu Gelde machen, um sich was anzuschaffen. Ich gab ihm auch dabei, was ich an Gelde hatte; es mochten drei Gulden