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Sie, hier auf diesem Platz, wo nichts als der Himmel über uns, und die liebe wohltätige Erde hier uns sieht und Zeuge von uns ist, – sagen Sie mir Charlotte! was wollen Sie, das ich tun soll? – Ich bete Sie an. Sie liebten mich. – Aber ich will meine Liebe, die ihrige und unsere Trauung, nichts, nichts für mich anführen. Ich kann Ihnen kein Glück anbieten, als die Gärtnerarbeit meiner arme. Ich danke Gott, dass Sie leben. Haben Sie zu leben? Wollen Sie ohne mich leben? – Ach tun Sie es. – Segnen Sie mich hier unter diesem Himmel! Weinen Sie eine Träne über mich; drucken Sie meine Handund heissen mich gehen. –– Ich kann, o Gott! ich kann Sie nicht öfter sehen, und mit meiner und Ihrer Liebe sehen, ohne tausendfache Wünsche und Schmerzen zu fühlen. – Aber alles, alles opfre ich ihnen! – Ich war glücklich; ich bins den Augenblickich sehe Sie! – Ach, vergeben Sie mir alles, was ich Sie leiden machte;' sagte er, da er sich zu meinen Füssen nieder warf und mir die Füsse küsste, 'vergeben Sie mir meine Liebe. Hassen Sie mich nicht, – beten Sie für michundAch, Charlotte! – ach Gott! Charlotte!' ––

Ich konnte nichts als schluchzen. Endlich sagte ich ihm, er solle doch Morgen wiederkommen da wollte ich ihm die Wünsche meines Herzens sagen. –– 'Wann soll ich kommen?' – Erst Abends. – 'Ach da kann ich vielleicht nicht.' – Warum nicht? Ich will gewiss da sein. – 'Ach! wenn wasser meine Kräfte erhalten kann, wie heute, so will ich auch da sein. Denn, Charlotte, ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Ich war matt, als ich Sie kommen sah und wollte Sie um Almosen bitten, – als ich Sie erkannte und für Staunen und Freude umsank.' ––

O, wie rührte mich dieser neue Umstand! der arme Liebe! – Ich wollte in mein Dorf und ihm den Abend noch was bringen. Er wollte es nicht und bat mich, nur des Morgens früh zu kommen und etwas Milch und Brodt zu bringen. – Mein Gott, Carl, wo will Er bleiben? – 'Dort,' wies er auf ein halb zerfallnes Kapellchen, so auf der Höhe lag. – 'Da kann Ihm ja Unglück geschehen!' – Von wem, Charlotte? Hier sind keine wilde Tiere. ––

'Aber es können Räuber kommen.' – – 'Räuber! O, was tun die?' – sagte er mit bitterm Lächeln; – 'sie nehmen Kleider und das Leben; was ist das gegen dies, was unsere Väter uns nahmen!'

'O, Was für eine grausame Vergleichung!' – 'Grausam, Charlotte! Sehen Sie sich, sehen Sie mich an! – Aber sie sind tot. Mögen sie eine bessere Ewigkeit haben, als das Leben, das sie uns bereiteten.' Ich sagte ihm, dass ich diese Nacht die ärgste Quaal leiden würde, über seinen Gemütszustandund das Capellchen. –

'Fürchten Sie nichts; ich werde nicht viel schlafen, sondern nach dem Ort sehen, wo Sie wohnen. Einsamkeit fürchte ich nicht. Ich bin seit acht Tagen in einem verfallenen schloss, mitten in einer Einödeund ein Soldat hat Herz.' – – Dies beruhigte mich nicht; ich jammerte fort. Da sagte er sanft: 'Sein Sie ruhig, Charlotte! Gott ist mein Trost und mein Schutz; auf den hoffe ich. gehen Sie in seinem Namen zurückund Morgen, ach, Morgen erquicken Sie mich bald.' ––

Ich versprach es ihm herzlich; konnte aber beim Abschiednehmen mich nicht zurück halten, mich an seine Brust zu beugen und laut zu weinen. Er umfasste mich zärtlich. – 'Charlotte! Sie an meiner Brust! – Sie, mit diesem Vertrauen in meinen Armen! – Gott, der uns sieht! Engels Seele, ach alles, alles will ich nun leiden.' ––

Er küsste die Ermel seines Kleides, die mich berührt hatten und meine hände, und trat zurück: 'Nichts mehr, nichts! gehen Sie heim, gehen Sie; ich bin selig.' – Er führte mich noch ein wenig auf meinen Weg, und sah mir nach, bis ich am Ende der Strasse war. Ach, ich schlief nicht viel; ich zog mich nicht aus. Sein Hunger und seine Einsamkeit, und er, und seine Liebe waren vor mir. – Um vier Uhr Morgens hatte ich schon einen Topf mit Milch und Brodt dabei unter meinem Regentuche. Ich eilte hinaus zu der Kapelle und fand ihn schlafend, den Kopf auf der zerbrochnen Stuffe des Altars. Ich betete hier mein Morgengebet mit vielen Tränen, setzte mich auf die Erde, nahm eine seiner hände, die ganz kalt war. Er musste die Wärme und das halbe Zittern meiner Hand gefühlt haben, denn er wachte auf. – 'Carl, armer Carl!' sagte ich. – 'O, Gott sind Sie schon da, rief er: edle, edle Güte!' – Er trank einige Tropfen, dann mehr, tauchte Brosamen ein, labte sich und segnete mich. Dann redten wir ab dass er