Augenblick ich meine lieben Papiere bei all dem Lärmen, der mein Herz zerriss, in meinen Busen gesteckt hatte. Aber den Augenblick, da ich Carln die Stufen hinab fallen sah, rief ich: O, Barbaren! ihr habt ihn umgebracht! – Earl! vergieb deiner armen Charlotte, – indem ich der tür zulief. ––
'So! schrie mein Vater mit Wut; bist du seine Charlotte: so geh zu ihm und zum T–.' Bei diesen Worten schleuderte er mich auch mit einem Arm der offenen Tür zu. Ich erhielt mich am Geländer, und er schnapte das Schloss ab. – Alle Empfindung für Vater und Bruder war in mir tot. Ich eilte Carln zu, der ganz betäubt auf der Erde sass. Ich kniete zu ihm fiel um seinen Hals: 'O, du Edler, kannst du mir verzeihen, was ich dich leiden mache?' – Er fuhr wild auf und fragte: 'Ach Gott! Charlotte, wo kommen Sie her?' – 'Mein Vater hat mich verstossen! Komm, Carl, wir wollen von dem Barbar fliehen.' ––
'Gott bewahre mich! nimmer werde ich es tun. Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer. Ihr Vater versöhnt sich mit Ihnen. Lassen Sie mich allein elend sein.'
Ich hatte viel Mühe, ihn zu bewegen, dass er mich nach Immenberg zum Pfarrer führte, wo ich bis zur Zurückkunft meiner Mutter bleiben wollte. Es war eine Stunde von dem Gut meines Vaters. Carl hatte Mühe zu gehen und mein Kummer lähmte auch meine Füsse, so dass wir einem heftigen Platzregen und Gewitter nicht ausweichen konnten und über zwei Stunden zu dem Wege brauchten. Endlich kam ich nass und starr im Pfarrhof an, wo ich mich gleich legte und einige Wochen krank bis zum Sterben war."
Neun und sechzigster Brief
Madame Guden an Rosalien.
Frau Wolling fuhr fort, mir mit vielen Tränen das Uebrige ihres Schicksals zu erzählen. Sie bekam ein starkes Fieber welches durch ihre Gemütsunruhe sehr verschlimmert wurde. Wolling hatte, nachdem sie von der Frau Pfarrerinn aufgenommen und besorgt war, allein mit dem Pfarrer gesprochen, ihm alles aufrichtig erzählt und damit geendigt, dass er ihn bitte, ihre Aussöhnung mit ihrem Vater zu bewürken. Er für sich wolle von dem morgenden Tag an sich entfernen und Charlotten die probe seiner Verehrung und Liebe geben, auf ewig von ihr entfernt zu bleiben; man möchte nur für ihre Gesundheit sorge tragen, dass Sie bald wieder in das vaterliche Haus zurück käme. Und damit niemand etwas von dem unglücklichen Vorgang erführe so sollte der Pfarrer doch gleich Morgen zu meinem Vater, und ihm das alles sagen. – Er tat es auch; aber er fand einen wütenden Mann, dessen beleidigter Stolz nichts anhörte, nichts ansah; der schon den Abend vorher gegen alles Hausgesind über seine schlechte entlaufene Tochter geflucht hatte. – Der Bruder half auch dazu – und weder Flehen noch Vorstellung des Pfarrers wurde angehört. – Dieser kam trostlos nach seinem haus zurück. – Wolling war fort. Der Pfarrer schrieb an die Mutter der armen Charlotte, was er von der Sache wusste und beschwur sie, nach Haus zu eilen, um den Ruf und das Leben ihrer Tochter zu retten.
"Ach, sie reiste gleich, die gute Mutter," sagte Frau Wolling mit Händeringen, und einem Strom von Tränen. – "Aber was half es! – Mein Vater blieb unerbittlich!" – Der Pfarrer riet ihr, Mut zu fassen und ihre Liebe, ihre Empfindlichkeit, alles ihrer kindlichen Pflicht aufzuopfern und ihre Kräfte zu sammlen, um ihren Vater selbst zu Füssen zu fallen. Er wollte sie hinführen und gemeinschaftlich mit ihrer Mutter um Aussöhnung und Güte bitten. Sie befolgte alles, wurde aber wieder aus dem nehmlichen Gartenzimmer verstossen, wie acht Tage vorher; ungeachtet ihre Mutter neben ihr auf den Knien lag und Gnade erflehen wolte. Die Verzweiflung hatte ihr Kraft gegeben, wieder nach dem Pfarrhof zurück zu kommen. "Aber da öffnete sich der Abgrund meines Elends," sagte sie. "Ich, von meinem Vater selbst ausgerufen, dass ich mit einem Gärtnergesellen davon gelaufen sei. Alle, alle meine verlebten Tage hin! Meine Liebe zur Tugend, meine Bemühung, sie immer auszuüben, alles dahin! – Das zeugnis meines Gewissens tröstete mich da nicht; es vergrösserte meinen Jammer. Mein Leben – ja Carl selbst war mir verhasst. – Ich freute mich über meine Krankheit, über meine Schmerzen. Ich litte Durst, um die Hitze zu vermehren, die in mir tobte und ich war bald am rand des Grabes. Meine arme Mutter durfte nicht zu mir, mir nicht schreiben. – O, wie elend war ich! Mein Vater glaubte endlich der Magd des Messners, dass ich am tod sei und schickte meine Mutter und meinen Bruder zu mir. Aber warum? – O Gott! wie sehr sann er auf mein Unglück! Mein armer Mann hielt sich im benachbarten Dorf auf, aber versteckt; niemand im Pfarrhause wusste es. Er wollte nur meine Genesung und meine Aussöhnung wissen und dann weggehen, allein zu leiden. Mein Bruder hatte ihn ausfündig gemacht und verhetzte meinen Vater darüber gegen mich Unglückliche, als ob ich und Carl noch einverstanden wären. Gott weiss, was er ihm für Beweggründe angab, eine falsche Milde zu zeigen. Man schickte Carln alle seine Sachen zu, und auch meine Kleider ins Pfarrhaus. – Meine Mutter kam mit