alten zeiten haben? – Sie können sehen, meine Mariane, dass ich an den Tischgesprächen nicht vielen Anteil nahm, weil ich diese Betrachtungen bei mir machte. Aber der Bräutigam war so feindenkend, dass er unvermerkt eine andre Wendung in die Unterhaltung brachte, indem er von den Gebräuchen sprach, die in Venedig, teils bei vornehmen und teils bei der gemeinen Hochzeitfeier, gewöhnlich wären. Hier konnte ich wieder mit reden, und auch gerne zuhören, denn jeder der anwesenden Männer wusste, von seinen Reisen her, etwas Eigenes zu sagen. – Endlich kam Musik, und man fing an zu tanzen; welchem Vergnügen ich mich, nach aller Munterkeit meiner Jahre, überliess. Bei dem zweiten polnischen Tanze aber, da ich ruhen wollte, und unvorsichtiger Weise zu nah' an einem Officier vorbei ging, der ein sehr guter, aber rascher Tänzer ist, bekam ich einen so heftigen Schlag von dem Absatz seines aufgehabenen Fusses an den Seitenknochen des meinigen, dass ich nicht nur nicht mehr tanzen, sondern auch nicht gehen konnte, und in mein Zimmer musste, um einige Mittel gegen die Schmerzen zu brauchen; worüber ich dann nachmals sehr froh war, weil ich dadurch von der Ceremonie des Strumpfbandraubes befreit wurde. Ich konnte mich auch den andern Tag, da er mir viele Entschuldigungen wegen dieser Beleidigung machte, nicht entalten, zu sagen, dass ich ihm mehr Dank wüsste, als er glaube; weil ich, ohne dieses Uebel an meinem fuss, gewiss noch einen Schlag an den Kopf bekommen hätte, der mir viel unangenehmer gewesen wäre! Er konnte mich nicht begreifen, und sah mit einer Miene um sich; als wollte er andre um die Erklärung fragen. Aber, Abends, da ich mich weigerte, das Pfandspiel mitzumachen, sagte er mir: Nun sehe ich, warum Sie mir so gerne vergaben, dass ich Ihren Fuss verletzte. – Ich konnte, meine teure Mariane, ich konnte nicht mitspielen! meine ganze Seele empörte sich, bei dem Gedanken von dieser oder jener Aufgabe, zur Lösung eines Pfandes, und ich ging, sobald die Rede davon war, in mein Zimmer, wo ich unter dem Fürwande einer Ueblichkeit bleiben wollte, weil ich wohl einsah, dass meine Weigerung als ein Eigensinn angesehen sein würde, der alles andre Frauenzimmer beleidigte. Mein teurer Oheim kam zu mir, weil er in Wahrheit glaubte, dass ich nicht wohl wäre. Diesem sagte ich die wahre Ursache meiner Entfernung aus der Gesellschaft, und beschwerte ihn, sein Ansehen nicht gegen mich zu gebrauchen; dass ich ganz gerne in das Dorf gehen, und den Bauersleuten helfen wolle ihr Heu nach haus bringen; dass ich im Garten, oder in andern arbeiten den Mägden der Frau G** an die Hand gehen wolle, wie sie immer befehlen würde, nur nicht Pfand spielen! – "Aber Rosalia, Du bist ein Sonderling! die übrige Alle werden es übel nehmen." Wenn nur Sie, mein Oheim, mir vergeben, und ich ein klein Fieber bekomme, so bin ich zufrieden. – "Wunderliches Mädchen! lieber ein Fieber, als einen Spass!" fragen Sie den Freund, den Sie mir gaben, ob er böse über mich ist, dass ich dieses wünsche? – "O, nun sehe ich Deine ganze Grille. Du willst nicht deutsch tanzen, damit Dich niemand in seine arme kriege. Du willst nicht um Pfänder spielen, weil Du fürchtest, es möchte bei dem Auslösen ein Paar Mäulchen kosten. Denkst Du denn, dass er eben so sorgsam ist?" Ich denke und erwarte nichts, mein Oheim, als, dass meine Gesinnungen nicht mögen zu einem Opfer gefodert werden. – Ich war bestimmt, eine eigene Schattirung von Charakter zu haben! Lassen Sie mir es, ich will doch gut sein! – Er drückte meine Hand und sagte: Aber, Mädchen, sieh zu! Du wirst eine verworfene Farbe werden. –
Zwölfter Brief
O, der schöne ländliche Auftritt, voll wahrer Liebe, den ich Ihnen beschreiben will, so wie er nach seinem ersten Eindruck in meiner Seele ist!
Heute kam ein verwittweter Becker aus dem benachbarten Orte zu Herrn G**, und bat, ihm bei der Oberherrschaft die erlaubnis auszuwürken, dass er die witwe eines Weinschenken von R** heiraten dürfte. – Herr G** sagt' ihm, es würde nicht sein können; es wären schon mehrere Weinschenken und Becker da. Er hätte Befehl, eine gewisse Zahl zu halten, und würde deswegen die Schenke dieser witwe aufheben, da sie ohnehin verschuldet wäre. Hier traten dem guten Becker die Tränen in die Augen. Er flehte den Herrn Oberpfleger noch inständiger an. – Just wegen den Schulden möchte' ich sie haben, sagt' er. hören Sie mich an! Ich war vor vier und zwanzig Jahren Beckerknecht bei der witwe ihren Vater; da war sie das schönste und bravste Mädchen, durch alle Oerter ringsum. Ich hätte gern mein Leben für sie gelassen, so lieb war sie mir; aber ich war zu arm, und ihr Vater hatte viele Kinder, da konnten wir nicht ans Heiraten denken, und ich musste leiden, dass sie der Weinschenk kriegte! Da war mir es ohnmöglich, in R** zu bleiben, und weit weg konnte' ich auch nicht. Ich verdingte mich bei einem Becker in B**; da kam ich alle Sonntag und Feiertag in die Schenke, wo mein Bärbela war, und liess mir einen Schoppen Wein