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tun, wie an deinen Schwestern. ––

Er sagte dieses, als ob die Rede von einer ausgemachten Sache wäre. – Ich war wie versteinert und Carl nahe am Umsinken. – Der Wein machte, dass mein Vater es nicht bemerkte. Carl sah mich nicht an; starr heftete er seine Augen zur Erde. – Mein Vater redte fort und schickte endlich Carln weg. – Ich hätte kein Wort vorbringen können. – Staunen über den gefassten Entschluss meines Vaters, Carls Schmerz, mein Widerwille gegen Talbruk, alles lähmte mir die Zunge. Ich küsste nur meinem Vater die Handund glücklicher Weise kam meine gute Mutter dazu, welcher mein Vater erzählte, er habe auch meinen Brautkranz bestellt. Sie redte freundlich mit ihm und führte ihn durch eine Allee in sein Zimmer.

Ich ging Maschinenmässig nach der einsamsten Gegend des Gartens wo ich sonst zu lesen pflegte. – Carl lag da auf dem Mooswelches er mit Tränen benetzte. Es war mir unmöglich wegzugehen, ohne ihm etwas zu sagen. –– 'Carl, guter Carl, was macht er hier auf der Erde! Es ist zu kühl, Er wird krank werden.' Er richtete sich auf. – 'Sie, Mademoiselle, Sie! da bei mir. Mein Gott! und mit beiden Händen ergriff er mein Kleid, küsste es, liess es gehen: – O, vergeben Sie mir, ich bin halb von Sinnen.'––

'Ich sehe es, werter Lehrmeister meines liebsten Bruders. Sage er mir, was Ihm fehlt.'––

'Was mir fehlt? –– was mir fehlt? O, fragen Sie mich nicht mehr. – Tun Sie es nicht. – gehen Sie zurück zu der Gesellschaft. Dort müssen Sie sein. –– Lassen Sie den Armen, Elenden'; –– und hier fasste er wieder mein Kleid mit Heftigkeit. –– Ich nahm seine beiden hände in meine. –– Carl! o glaube Er, dass Er mir werter ist, als Alle die ich sah. – 'Beruhige Er sich, ich bitte Ihn.' ––

Er benetzte meine hände mit Tränen, sprach aber nichts. Ich sagte ihm: Adieu, Carl, sorge er für seine und meine Ruhe; –– und ging. –– Als ich mich nach ihm noch umsah, lag er mit dem Gesicht auf dem platz, wo ich gestanden hatte. – Ach, was für Mühe hatte ich, nicht wieder umzukehren! – Aber ich fürchte mich vor den Andern, und doch reute michs, ihm nicht gesagt zu haben, dass ich Talbruken niemals heiraten würde, – meine Augen schlummerten die ganze Nacht nicht eine Viertelstunde. Den andern Morgen war er schon wieder fleissig wie sonst; und um sechs Uhr war alles in der grössten Ordnung. Den dritten Tag war die Heimführung meiner Schwester. Ich muste mit. Talbruk, als Brautführer, auch. – O, was stand ich in meinem Herzen über Carls Unruhe aus! – Als wir zurück kamen, schien er sehr gelassen und gab mir Abends dieses Papier. – Frau Wolling sagte dabei: 'Dieses haben Sie die Güte zu lesen. Ich will indessen etwas zum Mittagessen zubereiten und Ihnen dann das Uebrige sagen.' –– Ich fand in einem grauatlassnen Futteral ein kleines Heft Papier, schön geschrieben, – wo Carl anfing.

Ihre englische Güte und die Redlichkeit seines Herzens gäben ihm den Mut, ihr sein ganzes Leben zu entdecken. Er sei der Sohn des H** Oberbeamten in Z**, habe eine sorgfältige Erziehung in allem genossen, und wäre durch einen vortreflichen Landgeistlichen zu den Studien vorbereitet worden. Sein Geschmack und die Anweisung dieses Mannes hätten ihm zu Erholungs- und Belustigungs-Stunden die Gärtnerei angewiesen, und sein Hang wäre so stark dazu geworden, dass er, als ein Knabe von vierzehn Jähren feinen Vater gebeten habe, ihn zu einem Kunstgärtner zu tun. Diess sei ihm aber abgeschlagen worden, und man habe ihm nach Pont à Mousson geschickt, um ihn da in der französischen Sprache, Sitten, Wissenschaften und philosophischen Kenntnissen unterrichten zu lassen. Er habe dieses befolgt, aber daneben die ganze französische Gärtnerei gelernt, worinn er es auch weiter, als in andern Wissenschaften gebracht habe, weil es seine Freude gewesen. Sein Vater habe ihn nach zwei Jahren zurückgerufen und auf noch eine Universität gezwungen, wo er Historie und Physik mit Vergnügen, besonders auch die Botanik erlernt. – Während dem sei seine Mutter gestorbenund sein Vater habe eine reiche witwe geheiratet, die ihn aber nur unter der Bedingung genommen, dass er seinem Sohne seinen Platz abträte und dieser ihre zweite Tochter zur Ehe nähme. Sein Vater habe dabei bloss den Wohlstand betrachtet, in welchen er durch das Vermögen gesetzt würde, und alles angewandt, bei hof die erlaubnis zu erhalten, ihm seine Bedienung zu übertragen, habe auch darin seinen Endzweck erreicht. Aber da es ihm unmöglich gewesen sei, dieses Frauenzimmer zu lieben, so habe seine Stiefmutter wegen der Verachtung ihrer Tochter seinen Vater dahin vermocht, dass er seit vier Jahren die Hand völlig von ihm abgezogen und das Amt einem andern jungen Menschen gegeben, der die person gern geheiratet. Er gestünde ihr, dass ihn nur der Verlust der Liebe seines Vaters geschmerzt habe, indem er übrigens durch die Verstossung in die Freiheit und notwendigkeit gesetzt worden wäre, seiner erwählten Gärtnerkunst völlig nachzugehen und sie so weit zu treiben, als es die Proben seiner Arbeit in den Garten ihres Herrn Vaters bewiesen.