– Er war bei dem Fürsten beliebt – und konnte also auf Ansehen und Glück rechnen. Er erzog uns alle sehr gut. – Wir mussten alles Artige, – alles Feine wissen. Der Hofmeister meiner zwei Brüder unterwies uns in der Sittenlehre und geschichte mit ihnen, und in mehrerm als überhaupt andern Mädchen gelehret wird. Meine beiden ältern Schwestern waren schöne, Verstandsvolle Frauenzimmer und wurden sehr gut verheiratet. Meine Mutter liebte den Ton der Pracht gar nicht, den mein Vater einführte, aber sie durfte nichts dagegen sagen. Sie war empfindsam, wie ich es bin, und liebte mich sehr, weil ichs schon ganz jung fühlte, wenn sie seufzte, gern um sie war und mit sanfter stimme mit ihr sprach, um ihren Gram den ich zwar nicht ganz kannte, zu mindern. Sie gewöhnte mich, ihr im haus überall zu folgen und zur Hand zu gehen. Als mein Vater das Gut nicht weit von hier kaufte, hatte sie grosse Freude, um da still zu leben, wie sie hoffte. Ich war sechzehn Jahr alt, als wir den ersten Sommer da wohnten. Mein Vater war sehr heftig in seinem Zorn mit den Bedienten und wechselte oft, welches meiner Mutter höchst schmerzlich war, weil sie teils das Unrecht sah, so den Leuten wiederfuhr, teils auch den Schaden im Hauswesen; – und ich gewöhnte mir an, alle unsre Dienstboten von dem Willen und Geschmack meines Vaters zu unterrichten, sie zu trösten, aufzumuntern – und zu warnen. – Wolling kann als französischer Blumen- und Obstgärtner in unser Haus. Er war schön ordentlich, überaus gefällig, meistens aber etwas traurig; arbeitete aber mehr, geschickter und besser, als alle vorherige Gärtner, deren wir schon Viele gehabt hatten. Aber mein Carl hatte in seiner Jugend studirt und ein angebauter Geist hat immer den doppelten Wert. Er erhielt auch doppelte achtung von meinem Vater. Ich wünschte, dass er im haus bliebe, und sagte ihm daher einen Morgen, als mein Vater und Mutter auf einen Besuch in die Stadt gefahren waren, alles worüber mein Vater bei den andern Gärtnern gezankt, was er von ihnen gern gehabt hätte, und wohin sein Verlangen im Garten gehe; und bat Carln, weil er doch dienen müsse – und sich immer nach dem Willen einer herrschaft zu richten verbunden sei, so solle er meiner vortreflichen Mutter zu Liebe, meinem Vater gefällig zu sein suchen, und versicherte ihn, dass er dafür belohnt werden solle. – Ich bemerkte wohl, dass er, während ich redte, lange auf die Erde, dann mich ganz gerührt, ansah, rot und dann auch blass wurde, mir endlich stotternd dankte und versprach, gewiss alles mögliche zu tun, meinem Rat zu folgen. Ich möchte nur die Güte haben, ihm immer gleich von meines Vaters Ideen Nachricht zu geben. Er wolle auch keinen andern Menschen fragen, als mich – und würde all sein Vertrauen auf die edle Güte meines Herzens setzen. Der Ausdruck edler Güte, schien mir von einem Gärtnergesellen sonderbar, – und dass er mein Herz nannte, deuchte mich frei. –– Das hat er sich in Frankreich angewöhnt, sagte ich in mir, wo dergleichen Leute sagen, was sie wollen. – Ich gedachte gegen meine Mutter nichts davon. Carl wurde bald der Liebling meines Vaters, und unser Garten der artigste in der ganzen Gegend. Jedermann lobte ihn. Carl war fein, sagte niemals, das hab ich dem Herrn Rat vorgeschlagen. – Nein, der Herr Rat hat es mir so befohlen. Da kam der Ruhm meinem Vater zu. Carl redte mit niemand als meinem Vater und Mutter, die er mit der grössten Ehrerbietigkeit behandelte, und auf mich – oder nach mir mit vieler Aufmerksamkeit, oder auch Traurigkeit blickte, lange nichts mit mir redete, als nur im Vorbeigehen. – 'Hab ich Ihren Rat befolgt? Sind Sie mit mir zufrieden? oder wissen Sie nichts vom Herrn Vater?' – Aber seine stimme war so sanft, seine Blicke so zärtlich und oft seine schönen Augen in Tränen dabei. Er hatte viel Anstand und lebte abgesondert von unsern andern Leuten; sprach mit keiner Magd, scherzte mit keinem Bedienten, blieb immer zu haus, arbeitete mehr als zwei oder drei Andre. Den Winter gingen wir in die Stadt; Carl blieb auf dem Gute. – Meine Mutter schickte ihm durch mich ein Geschenk, er bat mich aber um einige Bücher auf den Winter. – Ich fragte, welche er denn besonders wünschte? – 'Was Sie Gutes im Deutschen und Französischen haben, denn ich bin in meiner ersten Jugend zum Studieren angehalten worden.' – Ich versprach ihm, welche in meinem Zimmer zu lassen; weil er doch die Aufsicht über das ganze Haus bekomme, so könne er sie da finden. –
'In Ihrem Zimmer Mademoisell Charlotte!' sagte er mit Zittern. – 'O, ich werde den Fussboden küssen, den Sie betreten haben. – Nehmen Sie sich noch ferner des armen Carls an, und lassen Sie mich wissen, was der Herr Vater gern hätte. O, wie lang wird der Winter für mich sein!' – Ich gab keine Antwort hierauf und wir reisten ab. Carl war an dem Wagen, als ich einstieg. Er machte den Schlag zu und ich sah, dass er meinen Rock küsste und weinte. Er war schön, so edel dabei, dass ich sehr gerührt wurde. ––
Den Winter