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. Sie ist, wie ich Ihnen schon sagte, gegen die nördliche Seite an die übrig stehende Wand des alten Schlosses mit einem halben Dach angebaut. Auf der Abendseite macht auch ein noch übriges Stück der Mauer des alten Gangs die Seitenmauer der Hütte aus. Gegen Morgen und Mittag ist sie mit einer Leimwand verwahrt. Der Eingang und die Fenster sind auf der Morgenseite. Unten, wo die Hütte wegen des nötigen Abhangs des Dachs niedrig fällt, ist der Stall für die zwei Ziegen, nebst einem Stroh- und Holzbehälter. Der grosse teil ist durch zwei, aus Weiden geflochtene und mit Moos ausgestopfte Scheidewände, zu zwei Kammern gemacht, wo in einer die Schlafstäre der Eltern auch mit einer Weidenflechte abgesondert ist, wie es die Schlafstellen der Kinder in der zweiten kammer sind. In dieser sind auch ein Paar Behälter über den Betten mit Weidentüren angebracht, wo sie das Wenige an Kleidern und Weisszeug aufheben, das sie als einen Schatz für ihre Kinder ansehen. Die beiden Ecken der Wohnstube sind auch mit Weiden verschlossen und zu Schränken gemacht, wo sie ihren Essvorrat, Saamen, Flachs und nötige Kleidungsstücke samt Büchern und Handwerkszeug verwahren. Die kleinen Stühle ohne Lehnen sind auch geflochten, und alles hat Wolling und seine Frau gemacht. Sie haben doch Bettücher, dünne Pfühle von Pferdehaaren und für den Winter Federdecken. ––

Der Heerd ist ein grosser Stein, der auf einigen kleinen ruht, und der Kamin das einzige neue Mauerwerk, so da ist. Alles sehr reinlich und nett in Ordnung gestellt; Eltern und Kinder so säuberlich arm gekleidet und angezogen. Sanfte Stimmen; nur zeigen Wollings Züge unterdruckten Gram, und die von seiner Frau, wenn sie mit ihren Kindern spricht, das Lächeln des Schmerzes an. – Ich ging in den Garten, während die Frau ihren Säugling zu Bett brachte. Es sind schöne Obstbäume, Gemüss und Blumen da, gross, wohl gepflegt; besonders viele Bäumchen in Töpfen, die er dann in die Stadt zu verkaufen trägt, und damit die nötigen Bedürfnisse sich schaft. – Ich besah alle mühsame, und mit so vielem Geschmack und Zierlichkeit gemachte Anpflanzungen des ehrlichen Manns mit vieler Rührung. An der äussersten Ecke des Gartens bemerkte ich einen kleinen Grabhügel, der von weissen und roten Rosen beschattet, in der Mitte einen Lilienstock hatte. – Ich sah etwas tiefsinnig und fest hin, und blickte dann auf Wolling, der mit gesenktem Kopf auch hingesehen und eine Träne im Auge hatte: "Ach! hier liegt meiner Lotte erstes Kind, – das tot auf die Welt kam. Ich musste es dahin begraben, denn sie wolte seine Leiche nicht von sich entfernt wissen." –

Wir sahen uns beide weinend an. – Ich druckte seine Hand. – "Lieber Herr Wolling, Er und seine Frausind keine gemeine Gärtnersleute!" –

"Nein, sagte er seufzend, wir sind nichts. – Aber, eh ich Ihnen von uns sage, möchte ich wissen, wer Sie sind? Es liegt uns daran, Sie zu kennen; – denn, Sie sind glücklich: warum wollen Sie in dieser einsamen Gegend bei uns bleiben?" –

"Der Verlust eines geliebten Freundes hat mich etwas melancholisch gemacht. Die Engländer sind es ohnehin leichter und stärker, als Andre. Er weiss es. – Er, seine Frau und Kinder gefallen mir. Ich bin reich und habe keine nahe, und keine arme Verwandte; ich will meine Traurigkeit durch Wohltun an Seinen Kindern zerstreuen." –

Sieben und sechzigster Brief

Von eben derselben

Nun, meine Freundinn, ich habe hier zwei Nächte auf Stroh bei meinen Wollingen geschlaffen, und das gut, recht gut. Wolling trug ein Billet zu meinen zwei Leuten in Kleebrunn, da bekam ich Schlafzeug und Esswaaren, so viel ich brauchte; – und gestern Nachmittag musste Wolling einen Esel kaufen der ihm sein Gemüs und andre Gartenwaare zum Verkauf tragen soll, bis ich etwas mehr für ihn getan haben werde.

Ich sitze hier auf einer Steinbank, die wir gestern am Ende des alten Schlossgangs entdekten, da ich dies kleine Stück abräumen half, um die schöne Aussicht gegen Morgen zu geniessen. Das abgebrochne teil des Hauptsteins oder Kerns, um den sich die grosse Schneckenstiege herumwand, dient mir zum Tisch. – Vielleicht sassen hier vor zweihundert Jahren oft flehende Untertanen die eine Gnade suchten, und zitterten vor dem Fusstritt, den sie in dem hohen, düstern Gewölbe wiederhallen hörten, und vielleicht flehten und harrten sie vergebens. Ich betete heute auch hier auf dem nehmlichen Platz, aber unter dem offenen, freien Gewölbe des himmels. Die Aussicht auf die ganz herrliche Gegend umher, weist mir Fusstapfen der Allmacht und Güte Gottes, und diese geben mir die Zuversicht, erhört zu werden. – heute früh um fünf Uhr schlich ich einsam hieher, wo ich den noch unangebauten teil der Ebne des Bergsund gegen die Mittagsseite, das weite niedre Land vor mir habe. – Ich sah die Sonne aufgeben, nicht so prächtig an Farben, nicht so staunend wie sie durch die Dünste des Meeres sich erhebt. – Aber sie erleuchtet hier eine wohltätigere Fläche; denn dies Stück fruchtbarer friedsamer Erde zeigt mir vieler hundert Menschen Nahrungsfreude und Ruheplätze. neu, unbeschreiblich, war meine Bewegung als ich da ganz allein unter den zerstörten Mauern betete; ganz anders, als in den seligsten Andachtsstunden meiner verschlossenen kammer. – Niemals hatte mir die Sonne so schön geschienen, als da ich hier auf meinen