1779_La_Roche_065_10.txt

um die zweite Arie hören zu lassen, er ganz dienstfertig die zwei Stühle rückte, und seine Blicke mit sehnsucht auf die schöne Blondine G**. heftete. – Aber nach dieser Arie ging Mademoiselle G** mit mir und ihrer Schwester auf und ab, und der Fremde verlohr sich. – Nach Endigung des Concerts, wie wir aus dem Gastofe, wo es gehalten war, weggingen, stunde er unter der tür, war sehr höflich, und sah uns nach. Das Haus des Herrn F**, wo wir alle wohnen, ist nur sechszig Schritte davon; und den andern Tag, als ich Ihnen meinen ersten Concertbrief geschrieben, liess sich Herr S**, Kaufmann aus Venedig, bei mir melden. – Ich stutzte und sagte, es müsse eine Irrung sein; ich hätte die Ehre nicht, Jemand dasigen Orts zu kennen. Er bat aber so sehr, mich einen Augenblick zu sprechen, dass ich ihn auf mein Zimmer kommen liess. Ich erkannte sein Gesicht, und war gleich wegen unsers Welschen Geschwätz besorgt.

Er entschuldigte seine Zudringlichkeit sehr artig und sagte: Er nennte sich S**, wäre ein Sohn des reichen Banquiers dieses Namens, und in der Absicht hierher gekommen, eine artige deutsche Frau zu holen. Er wäre eine Stunde vor dem Concert angelangt, und hätte es gleich mit Begierde angehört, wo er so glücklich gewesen wäre, nicht nur die schönste stimme zu hören, sondern auch durch den Zufall einer Unterredung nahe gewesen zu sein, in welcher das junge artige Frauenzimmer, so bei mir gesessen, den allervortreflichsten Charakter gezeigt, und sein Herz auf alle Weise eingenommen hätte. Er wünschte und dächte, dass eine solche geistvolle Freundinn, wie ich, wissen könne, ob das Herz der liebenswürdigen Schönen noch frei wäre, und er also sich um ihre Gunst bewerben könnte. Er würde mir ewig für diese Güte verbunden sein. – Nun kam ich völlig zu mir; denn anfangs dachte ich, er wollte mir Anträge machen! – Ich versprach, nach der Mademoiselle G** Freiheit zu fragen. – In dem Augenblick kam mein Oheim, sah mich bei einem Fremden allein, der mir die Hand küsste. Sein ernstes Gesicht machte, dass ich ihm gleich die Historie erzählte; da nahm er alles auf sich. Der Fremde speiste mit uns, redte Mademoiselle G** Italienisch an, blieb den ganzen Nachmittag bei uns, und hatte das Glück, sich ihr gefällig zu machen. Abends sprach er mit Herrn und Madame G**. Nach dem Souper war das Versprechen, und in vierzehn Tagen führte er sie weg, nachdem er einer noch jüngern Schwester das ganze Vermögen seiner Braut geschenkt, und dieser nur die nötigen Reisekleider zu behalten erlaubte. – Ist dies nicht ein artiger Roman? und sollten nicht junge Frauenzimmer recht sorgfältig sein, lauter gute Sachen zu reden, auch wenn sie ganz allein zu sein denken? Adieu! ich gehe nach R**.

Eilfter Brief

Von dem schloss R**, wo Herr G** als

Oberbeamter seine wohnung hat.

Wir sind vor sechs Tagen hieher gekommen, um die Hochzeit der Mademoiselle G** zu feiern. Wenn alles, was der Zufall bei dieser Heirat versammlete, Vorbedeutungen von dem Schicksal der nunmehrigen Madame S** sind: so kann sie auf glückliche Tage rechnen. Ihre Geschicklichkeit in der Musik, ihre vernünftige Unterredung mit mir, erwarb ihr die Neigung ihres Mannes. Das zeugnis, welches ihre Freunde von der Tugend und Güte ihres Herzens gaben, befestigte seine Liebe. – Mein edler, vortreflicher Oheim war ihr Freiwerber. – Einer der würdigsten Geistlichen segnete ihre Ehe ein, und während der Trauung sah ich so viel redliche hände der Landleute für ihr Wohlergehen zum Himmel erhaben, dass mein Herz Wünsche tat, dereinst meine Gelübde für neue Tugenden und für das Glück meines Freundes, auch unter der Fürbitte des Wohlwollens und der Gottesfurcht so vieler Menschen, abzulegen. Denn, ob mich schon die Tränen, die ich von den Wangen einiger Frauen fliessen sah, auf einen, sie drückenden Hauskummer denken liess: so war doch gewiss, dass sie in diesem Augenblick der Braut wünschten, dass sie glücklicher sein möge.

Ich sagte der Neuvermählten, bei unserer Zurückkunft ins Haus, alle diese Anmerkungen, die auch einen angenehmen Eindruck auf sie zu machen schienen. Aber der tolle, unbesonnene Schmerz, der darauf entstund, verdrang das feine Bild moralischen Glücks, der häuslichen Liebe, so ich ihr vorgezeichnet hatte. – Es ist wahr, dieser Scherz machte auch die vorher weinende Frauen lachen; aber ich sagte doch in meiner Seele: Nein! so soll der feierlichste Tag meines Lebens nicht entweihet werden! Der Tag, an welchem ich alle übrigen zu neuen Pflichten, nach den ewigen Gesetzen der natur heilige, heiter und munter soll er vorbei gehen: aber, mit Kot soll man mein Brautkleid nicht bewerfen! – Diese jähe und so ganz rauhe Abänderung des Tons der Gesinnungen, da man von dem Gebet um Segen, zu den elendesten Ideen überging, machte mich bei Tisch denken, dass wir unsern Geist eben so widersprechend behandeln, wie unsern Körper, dem wir eine Tracht heisser speisen, und dann gleich in Eis gekühltes Getränke geben. Die Macht der Gewohnheit allein ist Ursache, dass wir dieses widersinnige Verhalten nicht anstössiger finden. Aber sollten nicht in dem ungleichen Gange unserer moralischen und physicalischen Wirtschaft einige Ursachen liegen, dass wir in unsern Charaktern nicht mehr so oft das Ganze und Grosse, und in unserer Gesundheit nicht mehr das Starke und Dauerhafte der