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Sophie von La Roche

Rosaliens Briefe an ihre Freundin

Mariane von St**

Von der Verfasserin des

Fräuleins von Sternheim

Erster teil

Vorbericht des Herausgebers

Diese Briefe, die ich hier besonders Leserinnen gedruckt vorlege, bedürfen keiner Empfehlung; und wenn sie einer bedürften, wäre ich, wie ich mich sehr gerne bescheide, der Mann nicht, der ihnen diesen Dienst leisten könnte. Denn ausserdem, dass ich, in der litterarischen und übrigen feinen Welt gleich unbekannter Alte kein Gewicht haben möchte, käme ich auch zu spät, da schon verschiedene dieser Briefe in der Iris gedruckt stehen.

Also nur ein Paar Worte über diese Ausgabe in Ge

stalt eines ordentlichen Büchleins für sich selbst: –

Der oft unwahre Fürwand, "man hat mich ersucht,

drucken zu lassen" ist hier nicht nur völlig wahr, sondern es wird sogar auch, da die Veranlassung zu diesem Ersuchen in der Iris zu Tage liegt, nicht einmal unwahrscheinlich sein, dass verschiedene gute Frauenzimmer, von manchen Orten her, die Verfasserinn ersucht haben. – Ob ausser mir Alten auch viele junge Mannspersonen? weiss ich nicht; sollte es aber fast nicht glauben, weil mir es scheint, als müssten viele darunter es fühlen, dass die Verfasserinn ihnen ihre Puppen zu verderben und zu verschliessen Willens ist.

Also hätte die natürliche Neigung der Frau Verfas

serinn, ihre junge Schwestern zu verbinden, schon den Entschluss, "drucken zu lassen," erzeugen und rechtfertigen können. Es kam aber noch eine ursache hinzu. – Ich sagte diese gerne, weil sie so gut ist, als – – aber, wer würde nicht glauben, dass zwischen der Verfasserinn und dem Herausgeber eine Verbindung sei? Und, Gottlob! sag' ich, es ist eine da; aber sie hat keine Lobrednerei zum Zwecke.

Vielleicht wundert es einige Leser, warum ich Unbekannter die Ausgabe besorge, und weder ihr Ehegemahl, noch der Herausgeber der Sternheim, noch der Iris, oder sonst jemand von ihren bekannten würdigen Freunden? Wenn ich noch jung wäre, könnte die nicht unerlaubte Absicht dabei Statt gefunden haben, mich bekannt zu machen; so aber, ist die ursache bloss diese: vorgedachte Männer sind jeder mit eignen, für das Publikum mehr oder minder nützlichen Unternehmungen beschäftigt, und ich Müssiggänger, in Vergleichung mit ihnen, konnte die männlichen Verrichtungen bei Besorgung des Drucks besser abwarten; deswegen bat ich darum, und erhielt meine Bitte.

Dass ich (in allem Ernste! ohne Vorbewusst meiner Freundinn,) auf den Titel gesetzt: "Von der Verfasserinn des Fräuleins von Sternheim," hoffe ich dei. Ihr dadurch zu entschuldigen, dass das schon in den letzten Bänden der Iris gesagt worden ist; denn sonst denke ich über diesen Stempel eben so, wie sie selbst.

Also blosse Nachricht (denn es soll weder Drohung noch Schmeichelei für Leser und Leserinnen sein, da mir es vorkommt, als sagte ich dies hiermit im Namen meiner edlen Freundinn,) füge ich hinzu, dass ich noch Vorrat an Handschrift zur Fortsetzung besitze, und es nunmehr bei den Leserinnen hauptsächlich steht, wie bald sie den Verleger, Herrn Richter, zum Druck des folgenden Bandes bereden, und dadurch die hier ungesagte gute Absicht der Verfasserinn befördern helfen wollen. W–r, den 26sten März, 1779.

B**.

Erster Brief

Lassen Sie mich, meine geliebte, so lang gewünschte Freundin, einige Tränen über mein Schicksal weinen, das mich von Ihnen entfernt, und alle die süsse Freuden zerstört, die mir ihre Güte und Ihr Geist wechselsweise schenkten. Was ist Leben, Glück und Wissen, wenn sie nicht von anteilnehmender Liebe und Freundschaft mit genossen werden! – Wie lange wartete mein Herz auf diese irrdische Seligkeit! – Ihr feiner aufgeklärter Geist, Ihre edle, liebreiche Seele, haben mir solche in vollem Maass gegeben. – Sie erforschten mich, und da sie sahen, dass mein Herz gut ist, und mein Kopf denken und fassen kann, so waren Sie zufrieden, ohne zu fodern und zu hoffen, dass ich fehlerlos sein sollte. – Ihre Gesinnungen waren zärtlich, Ihre Hochachtung aufrichtig, ohne den hohen Grad Schwärmerei, aus welchem die Unverträglichkeit entspringt. Sie sind das zweite wahre Geschenk des himmels, das mir zu teil wurde; denn nachdem ich ein Herz voll Gefühl des edlen und Guten erhalten hatte, so fehlte mir noch ein anderes, auch dessen zeugnis ich mich stützen konnte. Ihre moralische Seele war mein zweites Gewissen, Ihr geübter Geist die Bewährung des meinigen. Ihnen ist weder die Lebhaftigkeit meines Kopfs, noch die überfliessende Empfindsamkeit meines Herzens jemals anstössig gewesen. –

Bei Ihnen, meine Mariane, kann ich mich der süssen Empfindung, jemand imhöchsten Grad hochzuachten, ohne sorge überlassen; die Eigenschaften Ihres Geistes und Herzens versichern mich dass ich durch Sie den Schmerzen niemals fühlen werde, diese Gesinnungen zurück zu nehmen. Ihre Bekanntschaft, Ihr Umgang war für meine Seele das; was ein heiterer Himmel, reine Luft und freie Aussicht in eine fruchtbare Gegend, einem Menschen ist, der lange verbannt war, eine niedrige Hütte, in einem sumpfigen mit unangebauten Bergen umgebenen Tale, zu bewohnen. Manchmal sah er einzelne schöne Büsche auf einer Ecke des Gebürgs. Mit Begierde und Freude stieg er dazu, an dem Geruch ihrer Blumen und ihrer schönen Gestalt sich zu ergötzen; aber häufige versteckte Dornen verletzten ihn; der lockere, wenige Sand, in dem der Busch stunde, wich unter seinen Füssen; er wankte und beschädigte sich noch an umliegenden Felsstükken.