gewinnen musste. Wie viel mehr seine näheren Bekannten und Freunde! Jedermann priess die Veränderung die man an ihm wahrnahm; dass er so merklich offener, mitteilender, duldsamer, gleichmütiger und geselliger geworden sei; dass man jetzt so viel mehr als sonst von ihm habe. – Es war ihm eben durch und durch wohl; und der Zufriedene – wie leicht dem nicht jedes Opfer? – er hat soviel zu missen!
Unterdessen aber hatte man auch allgemach in der Familie gelernt Woldemaren besser zu verstehen; und das war grösstenteils Henriettens Werk. Sie wusste so einnehmend zu erzählen, wie bei den Clarenaus mit Woldemar umgegangen wurde, dass dadurch unvermerkt bei den Zuhörern den Reiz zur Nachahmung entstand, und die Grillen des Menschen ein Ansehen von Liebenswürdigkeit, manchmahl gar von Erhabenheit bekamen. Es lässt sich nicht sagen was für einen leichten, nachlässigen und muntern Ton sie dabei hatte; den hatte sie aber vorzüglich, wenn sie auf besondre Entwicklungen von Woldemars charakter kam, oder seine Vortreflichkeit darstellte; das immer nur von ungefähr, oder doch – wie von ungefähr geschah; man war im höchsten Entusiasmus, und wusste es nicht; wenigstens konnte man Henrietten nicht Schuld geben, dass sie einen angesteckt habe; so frei, so unbefangen schien sie dabei, und so rein und schlecht gab sie's hin. Die Unarten ihres Freundes war sie geständig, und sie neckte ihn bei jeder gelegenheit damit. Dies mochte sie mit dem schärfesten Witz tun, Woldemar wurde nie böse, sondern er hatte eine wahre, herzliche Freude darüber; nur zuweilen wenn sie ihn an einer Seite traf, die er selbst noch nie so recht wahrgenommen hatte, wurde er ernstaft und brach dann auf die herbeste Weise und manchmahl mit ungemeiner Hitze wider sich selber aus; aber ihre Laune wusste dieses Feuer noch geschwinder zu löschen, als sie es angefacht hatte. Auch in jedem andern Fall, wenn Woldemars Entusiasmus in Schwärmerei ausarten wollte, war sie gleich da, um ihn beim Ermel zu zupfen. Sie konnte seinen Ideen und Empfindungen in ihrem höchsten Schwunge nach; und Er war nicht weniger aufgelegt, ihre feinsten Bemerkungen und scharfsinnigsten Raisonnements in ihrem ganzen Umfange zu erwägen, und sie für das was sie waren, bei sich gelten zu lassen. Daher die herzlichste Gattung von Uebereinstimmung unter ihnen, jenes Gleichgewicht – jenes Zusammenfliessen in Glauben – oder in Zweifel – jenes – wo man die Gegenwart des Freundes so lebhaft fühlt, und mit einer Rührung ihn umschlingt, die nichts anders so erwecken kann.
Biedertal hatte das Verlangen nie los werden können, seinen Bruder mit Henrietten vermählt zu sehen. Er sprach oft davon mit seiner Luise und mit Dorenburg; aber sie sahen mit einander keine Möglichkeit dazu, weil der alte Hornich Woldemaren bis zum Abscheu hasste. Aus Scheu vor seiner Tochter, die ihm öfter darüber Vorstellungen getan, mässigte er sich zwar: aber seine Gesinnungen blieben darum nicht weniger wie sie waren, und das offenbar genug. Nun begab es sich, dass der Alte, der lange mit der Wassersucht bedrohet gewesen, sichtbar sich seinem Ende nahete, und nun konnte der gute Biedertal sich nicht länger halten. An einem Abend, da sie bei Dorenburgen sehr vergnügt zusammen bei Tische sassen, und Henriette unversehens ihres Vaters wegen abgerufen wurde, brach Biedertal, so wie sie zur Tür hinaus war, los: "Bald lieber Woldemar, bald, wird deine Not ein Ende haben! Du glaubst nicht, wie mir es beständig nachgeht; meine Frau, Dorenburg und Caroline könnens bezeugen." – Woldemar verstand nicht gleich; – "Was für eine Not?" – Biedertal lächelte, Luise, Dorenburg und Caroline mit. – "Nein, in Wahrheit! – Ich, in Not?" – Doch musste er anfangen und mitlächeln – – Endlich begriff er, fuhr zusammen und fing laut zu lachen an: "Meine Not!" rief er, und konnte kaum für lachen, – warf die Serviette hin, sprang vom Stuhl auf und lief zu Biedertalen, dem er um den Hals fiel: – "meine Not! du guter Biedertal, meine Not!" und küsste und lachte; und lachte endlich so herzlich in einem fort, dass sie alle mechanisch einfallen, und lange warten mussten, bis sie erfuhren, warum das Gelächter. – "Bester! sagte Woldemar endlich zu Biedertalen, deut mir das nicht unrecht, dass ich deiner zärtlichen, brüderlichen Aufwallung so ungereimt begegnete; du kamst mir zu unerwartet; gleich verstand ich dich nicht, und da ich dich verstand, machte der Ausdruck, dessen du dich bedient hattest, mir den Contrast meines würklichen Zustandes mit dem deiner Einbildung so auffallend, und stellte mir die Sache in ein so comisches Licht, dass ich durchaus mir Luft schaffen musste. – – Sieh, Lieber, fuhr er sehr ernstaft fort, ich bin mir nicht bewusst, je nur inne geworden zu sein, dass Henriette zu dem andern Geschlecht gehört, geschweige dass ich eine leidenschaft für sie empfunden hätte, oder noch empfände. Dies hab' ich auch genug zu erkennen gegeben, und daher kam mir der Einfall, Henrietten manchmahl Bruder Heinrich zu nennen, wie ihr tausendmahl gehört habt." – Aber, sagte Dorenburg, Sie waren doch so aufmerksam auf Henriettens Gestalt; und das, auf eine so eigene Art. Was andere daran auszusetzen fanden, das konnten Sie nicht sehen, ja Sie wussten es als Schönheiten auszulegen, und behaupteten die