und griff den Korb an. Da er aber noch kleiner als das Mädchen war, und beide zu wenig Stärke hatten, so schwankte ihnen der Korb auf die Seite, und alles was drin war lag von neuem auf dem Boden. Von den vorübergehenden lachten die Geringen über den Spas, und die Vornehmen lächelten oder schielten gravitätisch hin und wieder weg. Woldemar liess Henriettens Arm. – "Machen Sie sich so lange zu Dorenburg," sagte er, und sprang hinzu. Aber Henriette sprang mit. Sie packten gemeinschaftlich das Gemüs wieder in den Korb, und wollten ihn eben dem Mädchen aufsetzen, als zwei Soldaten von der Wache herbei gelaufen waren, die es ihnen gar freundlich wehreten. – "Das freut mich, sagte Henriette beim Weggehn, und indem sie noch einmal umguckte, dass die Soldaten uns gesehen haben; wenn nun einmal wieder ein armer Tropf da in Not kommt, so lassen sie ihn schwerlich so lange zappeln." – Und erzählen auch ihren Cameraden wohl noch die geschichte, fügte Woldemar hinzu ... Indessen ... Aber haben Sie bemerkt, was da gleich für ein Trupp Menschen um uns stand? – "Ich gab nicht achtung, erwiderte Henriette. Die glaubten wohl, es gäbe da ein grosses sehenswürdiges Unglück zum Besten!" – Nichts anders, antwortete Woldemar. Wenn ich so denke, fuhr er fort, – es ist doch wunderbar, wie die Leute in ihrem Fratzenwesen sich so verlieren können, dass sie zu nichts natürlichem mehr den Weg finden, und ihnen immer am verkehrtesten dünkt, was es am wenigsten ist. Da war doch keiner, der sich nicht für Schande gefürchtet hätte, wenn er durch eine Handreichung dem Gequäle der armen Kinder ein Ende gemacht hätte, und nun, da wir es drauf wagten, nun werden sie es uns zur Eitelkeit auslegen. – "Zur Eitelkeit?" stutzte Henriette. – Ja, sagte Woldemar, sie werden es für Liebe des Sonderbaren halten, für Hochmut – was weiss ich? – allemahl für Fratze. – "Eben fällt mir ein, unterbrach ihn Henriette, dass Sie zu mir sagten: machen Sie sich so lange zu Dorenburg! – Wie, wenn ich's getan hätte?" – Es wäre nie mir eingefallen, Sie deswegen zu tadeln, antwortete Woldemar, Sie sind ein Mädchen, Sie haben gerad einen Putz an, der Sie vorzüglich ins Auge stellt; ich hatte Ihre hülfe nicht nötig, und also konnten Sie umhin, sich dem Begaffen auszusetzen und die Sache abenteuerlicher zu machen. – "Und also tadeln Sie mich, dass ich mit ging? – Sie haben Recht! Schwerlich hätte ich es auch getan, wenn ich mich erst besonnen hätte; aber ich hieng so an Ihrem Arm, sah nur auf das Mädchen und den Buben, und dachte nur darauf, was Woldemar tun würde: und wie der ging, ging's eben hinten drein mit mir, ich weiss nicht wie; – und was solls denn auch?" – Engel! sagte Woldemar, und wendete sich auf Henriettens rechte Seite, und drückte ihren Arm fest an sein Herz; – Engel! und er bebte davon wie er's leiser noch einmal aussprach, und sein Angesicht schwand. – "Woldemar! sagte Henriette; Woldemar! was ist? was bewegt Sie so seltsam?" – und doch war sie selbst bis zu Tränen gerührt. – Was mich bewegt? erwiderte Woldemar. Beste! – es ist nicht von heute, nicht eben von jetzt: es ist, Gott Lob! schon von lange: aber bei jedem neuen Vorfalle durchdringt's mich gewaltiger, und alles wieder, und alles auf einmal! – Liebe! – das: dass du da bist – wirklich da – dass ich Dich endlich habe – ein Wesen, dessen Herz, wie das meinige, sich von jedem Moment der Schöpfung ganz erfüllen lässt – dass sich nicht scheut allein zu tun, was unter tausenden keins möchte und auch keins dürfte – das eine Tat, die in tausend Fällen nicht schön und nicht gut wäre, in dem Einzigen, wo sie schön und gut ist, schnell dafür erkennt und da mutig sie ausübt – das immer nur seinen eigensten Willen tut, und doch, mit hellem blick gegen Himmel, sagen darf: "Vater, deinen Willen!" – – O du Eine! Du Meine!
Es dauerte keine zwei Jahre, da waren beide Seelen so ganz von einander durchwittert, waren miteinander in so geheime durchgängige Befassung geraten, dass sie nie in etwas sich missverstanden. Woldemar erlaubte sich nun gegen seine Freundinn nicht die kleinste Zurückhaltung mehr; er wollte nicht höher bei ihr gelten als seinen innerlichen Wert; und da sie ihn so gut zu fassen im stand war, als er nur selber mochte; so sah er keinen Grund ihr irgend etwas zu verheelen. Sie durfte so leise in sein Zimmer treten als sie Lust hatte, und bei jedem Geschäfte ihm über die Achsel gucken. Wenn er verreist war, erbrach sie alle Briefe, ohne Ausnahme, die an ihn kamen, und beantwortete viele davon, auch die von dem vertrautesten Inhalt, an ihres Freundes Statt.
Woldemar fühlte sich wie neugebohren; alle Menschen waren ihm lieber, und er war es allen Menschen und sich selbst. Es konnte nicht fehlen, nachdem er einmal in Ein geschöpf ein unumschränktes Vertrauen gesetzt hatte, dass die ganze Gattung dabei