die feinste Hofsitte von ihm erwartet; aber er tat damit so schlechtweg, als wär's die Zeit der Patriarchen. Die Eigenschaften eines liebenswürdigen Gesellschafters besass er in einem hohen Grade.
Diesen Vorzug zu erwerben, hatte ihn in der frühesten Jugend seine Eitelkeit angespornt, und mehrmal eine gewisse ärgerliche Heftigkeit gegen allen Widerstand: er wollte überall hin können; und da ihm seine Geburt den freien Eintritt in die grosse Welt versagte, so war er bemüht, ihn durch Zaubermittel zu erhalten. Alle Türen gingen ihm bald auf, und er brachte es so weit, dass man sich um ihn riss. Nun floh er, und nahm einen tiefen Ekel an allem Flitterwesen zur Beute mit sich davon. Von den Eigenschaften, die er damahls erworben, waren ihm nur diejenigen geblieben, die sich in ganz einfache natur hatten umsetzen lassen. Da er jetzt nie etwas zum Schein war, so würkten seine Aeusserungen desto unwiderstehlicher; sein ganzes Wesen war voll Bedeutung und überall erweckend.
Woldemar wurde die Seele der liebenswürdigen Familie, die ihn in ihre arme gezogen hatte.
Einen so glücklichen Zustand als derjenige, worinn er dieselbe angetroffen, durch seinen Beitrag noch zu erhöhen, musste ihm die süsseste Zufriedenheit geben; nur war ihm das peinlich dabei, dass er spürte, er verminderte die Unabhängigkeit dieser würdigen Menschen, indem er ihnen zu unentbehrlich werde, und er fürchtete, bald in die Verlegenheit zu geraten, entweder sie öfters zu kränken, oder seine eigene Freiheit aufopfern zu müssen. Aber Freiheit lässt sich nicht aufopfern: es ist eine Sache, die nur im freiesten Tausch gewechselt werden kann. Das wusste er, und darum war es seiner Zärtlichkeit unausstehlich, wenn sich jemand um vieles mehr und stärker an ihn hieng, als er selber gegenseitig tun konnte. Seine ganze, volle Liebe..... Ach! seufzte er wohl einmal in der Stille, ach! ich fange Küsse aus allem was ich sehe' in der natur, sie füllen meine Lippen, man muss sie darauf schweben, zittern sehen... aber wohin damit?
So sorgfältig er war, allen falschen Erwartungen von sich vorzubeugen, so konnte er es doch nicht genug sein. Sein charakter war zu sehr ausser der gemeinen Ordnung, die Leute mussten häufig an ihm irre werden. – "Ich habe Ihnen ja von Anfang gesagt, dass ich so bin, und dass kein Bessern an mir ist" war seine gewöhnliche Antwort auf die Vorwürfe, die man ihm machte; – "aber, erwiderte man ihm, warum sind Sie so? wie mögen Sie nur so sein? – es lässt sich ja auf keine Weise reimen!" – – hierauf pflegte er weiter nichts als ein freundliches, Nachsichtflehendes Achselzucken zu geben. Sein Hauptverbrechen war, dass er zu sehr für sich lebte, und hierinn seinem Sinne auf eine Weise folgte, welche die Zärtlichkeit seines Herzens verdächtig machte.
An einem Abend, da man ihn früh erwartet hatte, nachdem er seit vielen Tagen nur ein paarmahl auf Augenblicke sichtbar geworden, und nun wieder spät noch nicht angekommen war, wurden seine Freunde einer nach dem andern verdriesslich, und es entstand ein allgemeines Murren. Henriette, welche nie in die Klagen über Woldemar einstimmte, sondern ihn immer verteidigte, wurde traurig: – "Wir werden so lange machen, sagte sie (mit einer Bewegung und in einem Ton, welche man nicht an ihr gewohnt war) bis Woldemar unserer müde wird. Sein Witz, seine zauberische Laune, sein vortrefliches Herz machen ihn uns wert, aber soll er darum allein für uns leben? Und dennoch lebt er ja fast allein für uns – Er gewiss vielmehr für uns, als wie für ihn! Oder vermag wohl einer hier, vermögen wir alle zusammen soviel für sein Glück, als er für das unsrige? Und wie liebt er uns nicht? Sagt, hat wohl einer von uns soviel wahre, ächte Freundschaft für den andern, als Woldemar für jedweden von uns beweist? Freilich hangen wir an ihm mehr, als er an uns hangen kann – aber ist dies seine Schuld? sind wir nicht eben drum weit besser dran als er? – Wo hat er – nur seines Gleichen, nur einen andern Woldemar; geschweige jemand, der ihm wäre, was Woldemar uns ist? So gönnt ihm doch wenigstens, dass er in sich selbst, dass er im All der Schöpfung suche, was wir ihm nicht zu geben im stand sind." – Indem trat Woldemar mit freudiger, Liebevoller Eile ins Zimmer. Die Gesichter waren noch nicht in ihrer natürlichen Lage. Henriette sprang auf, trat vor Woldemar, legte ihre beiden hände auf seine Schultern: – Ach! Woldemar, sagte sie, Sie sind so gut, so lieb; – fühlen Sie das doch, wie lieb Sie sind – und haben Sie Geduld.
Henriette war öfter mit Woldemar als die übrigen der Familie, wegen ihres vertrauten Umganges mit Allwina. Woldemar fand grosses Behagen in der Gesellschaft dieser Allwina – und ihrer Tanten, welche beide Personen von verstand und sehr vorzüglichen Eigenschaften waren; besonders hatte die jüngere (noch keine funfzig Jahr alt) eine Lebhaftigkeit, eine Schnelligkeit des Geistes, die zu Woldemars Laune ausnehmend stimmte. Da fand ihn denn Henriette oft bei ihnen sitzen; und weil Henriette kam, lief Woldemar eben nicht weg. Manchmahl blieb er dann unvermerkt ganze Nachmittage und bis in die Nacht, schwazte, las vor, machte Musik mit