mich verändert finden, lieber Biedertal. Soviel ich konnte hab' ich Dir von allem, was mit mir vorgegangen, Rechenschaft gegeben; aber was ist's mit dem Schreiben? Ich habe während der sechs Jahre, die wir von einander sind, viele Erfahrungen gemacht. Von Eitelkeit wirst du wenig Spuren mehr an mir finden. Ueberhaupt werde' ich Dir etwas kälter vorkommen. Ich denke anders, ich bin anders gesinnt über verschiedene Dinge. über den Menschen insbesondere haben sich meine Ideen ziemlich festgesetzt, und ich habe teils einen viel höhern, teils einen viel geringern Begriff von seiner natur als ehemals. Es kann nichts so Schönes, so Grosses gedichtet werden, das nicht in ihm läge, das man auch nicht hie und da Himmelrein aus ihm hervorgehen sähe; nur ist er in all seinem Tun – ach! so beschränkt, so endlich, so wandelbar. Und dann ist wieder sein Vermögen dennoch zu gross, seine Spähre zu ausgebreitet, als dass er alle seine Kräfte zugleich gegenwärtig haben, und alles, was er vermag, auf einmal lebendig in sich darstellen könnte: darum nichts Ganzes, nichts durchaus Bleibendes... Seitdem ich dies anschauend erkenne, bin ich viel gelassener, viel stiller; ich hoffe weniger, und suche mehr zu geniessen. Da wäre ja wohl Gewinn! – Aber ich kann es hierinn noch nicht weit genug mit mir bringen. Da bei mir alles tiefer einzugehen und länger zu haften scheint, als bei andern, so muss mein Herz auch mehr ahnden – und da kommt dann unversehens wieder ein Wunsch – eine hoffnung zum Vorschein – die unterdrückt werden muss... So wandle ich immer weiter ins Leben hinein; betroffen, immer stiller und leiser, und lächle beim wiegenden Tritte mich an.
Mein Brief ist lang geworden. Ich musste wohl schreiben! – Vor künftigem Freitag kann ich nicht hier weg. Den 8ten März bin ich bei Dir; also in zehn Tagen. – Wie ich mich nach Deinem Anblick sehne, nach Deiner Rede, nach Deinem Kuss! Und doch zittr' ich vor dem Moment, da mein Auge Dich erreichen wird. O dass ich gleich in Deinen Armen wäre, säh' und hörte schon nicht mehr! – lebe' wohl Lieber! Ich schwebe in Deiner Gegenwart. – lebe' wohl."
Woldemar.
Da Biedertal diesen Brief hatte, stellte er ein fest an. Er gab es auf dem land; dort sollten seine Freunde mit ihm die ersten Verheissungen eines neuen Frühlings empfangen. Es war aber schon mehr als Verheissung da. Sie gingen zu fuss hinaus. Die Sonne kam so warm und doch so sanft hernieder, dass man nicht anders konnte, man musste gegen Himmel schauen und sagen: o die liebe Sonne! Nach dem Tore, wo ihr Weg hinausging, schwingt eine fruchtbare Ebene sich allmählich hinab, und weit umher. Sie sahen da die frischgepflügte Erde vom höchsten Braun bis zum falbesten Gelb mannichfaltig schattiert, und Felder wie Smaragd, die sie durchstreiften; ein Gemische von Farben und Lichtern, so süss, so zauberisch, dass ihnen die ganze Seele im entzückten Auge schwamm. Nur wie im Traume wurden sie das lustige Zwitschern der Vögel gewähr – und dass schon der Buchfink schlug – und das Wirbeln der Lerche den blauen Himmel hinan.
Biedertal fühlte alle Augenblicke an seinen Brief in der tasche, aber er zog ihn erst hervor, nachdem sie auf seinem Gut angelangt waren, und sich ausgeruht hatten. Niemand war von dieser Vorlesung so gerührt, wie Henriette. Sie hatte Woldemars geheimstes Wesen aus diesem Briefe wunderbar geahndet. Lieber Armer! seufzte sie innerlich; – komm nur, du sollst Pflege finden – sollst finden, woran du verzweifelst – ein ganzes Herz, und das nichts verlangt, als nur dem deinigen Ruhe zu geben. Die Tränen, die ihr zuweilen aus den Augen flossen, ihre Farbe die sich öfter veränderte, und die Blässe, die endlich auf ihrem Angesichte ruhen blieb, machte nach und nach jedweden aufmerksam auf sie. Sie ward es inne; aber es machte sie im mindesten nicht verlegen: O, sagte sie, indem sie von ihrem Sitz aufstand, mich verlangt sehr nach diesem Woldemar. Biedertal ging auf sie zu, schloss sie in die arme: "Liebe Henriette! wenn sie noch einmal, wenn sie zum zweitenmahl meine Schwester würden!" – Das nicht, erwiderte Henriette, – wie Sie es verstehen, nicht; aber meiner Clarenau gönnte ich den Mann, und nur diesem Mann meine Clarenau – an mir soll er eine Schwester finden; und glauben Sie mir, Biedertal, darum ist ihm mehr Not, als um eine Geliebte.
Woldemar traf am bestimmten Tage ein.
Es geschah, was in dergleichen Fällen gewöhnlich zu geschehen pflegt; jeder fand ihn anders als er sich ihn vorgestellet hatte; aber, was nicht so gewöhnlich ist, alle waren nur desto mehr von seiner Gegenwart entzückt. Es war in der Tat fast unmöglich, Woldemarn in seinen glücklichen Augenblicken zu sehen, ohne bis zur Schwärmerei für ihn eingenommen zu werden. Seine Gesichtsbildung, seine Gestalt, seine Geberden, sein ganzes Wesen, alles an ihm würkte melodisch in einander, und stimmte zu einem ausserordentlichen Eindruck zusammen. Sein Ansehn hatte etwas sehr hohes, aber hinterher auch etwas so gutes und liebliches, etwas so entgegenkommendes, dass wer vor ihm stand bald voll sehnsucht wurde, ihn umarmen zu dürfen. Nach seinem Anstande hätte man