eine angenehme Weise meine Phantasie. Es dauerte an eine Stunde bis ich in mein Zimmer kam und allein blieb. Da erbrach ich Deinen Brief. Aber mein Herz geriet gleich bei den ersten Zeilen in so starke Bewegung, dass ich ihn wieder einstecken musste. Ich ging hinaus unter die Eichen. Es war Wetter wie im May. Vor sieben Jahren hatten wir eben so schöne Februar-Tage; und du warst mit mir hier. Weisst Du, wie wir über die Höhe gingen; an der Seite weit her, den Fluss schlängeln sahen, so schön blau zwischen den sonnigten Ufern! Wir schlugen einen Weg ein, den wir nicht kannten, der uns an einen waldigten Hügel leitete. Erinnere Dich, wie wir hinanstiegen; bei jeder sich öfnenden Aussicht weilten, aber ungeduldig; dann mit schnellerem Gange strebten die herrliche Gegend immer weiter vor uns auszudehnen; atemlos endlich hinaufkamen, da standen – auf der nackten Felsen-Glätte.... Damals dachte' ich weiter nichts dabei; jetzt bei der Wiedererinnerung fiel mir's auf. Wir blieben eine Weile oben, im Genuss der erstrebten Ferne; merkten voll Entzücken nicht auf die öde Stelle, die ihn uns verlieh. Doch räumten wir bald den Platz. Schnell hinab ging's den steilen Pfad, und wir suchten über Aecker und Wiesen den Weg zum Tal unserer lieben Eichen. Wir fanden ihn. Es war am Kreuz bei Hildern. Da setzten wir uns hin und ruhten aus. Ich wüsste nicht, dass ich einen Frühling so empfunden hätte. Von seinem lieblichen Hauch schien die Erde sichtbar sich zu öfnen, schien zu beben vor Wonne, dass sie das erste Grün hervorgebracht. Hekken und Bäume – noch ohne Blat; aber wie herrlich überglänzt vom Durchschein ihrer Fülle, alle Zweige mit hochgeschwellten Knospen bedeckt. Da wünscht' ich mir nur so lange zu leben, bis die Knospen aufbrachen, bis der Seegen sich löste – nur bis zum nahen May. Ich sagte Dir das, und es drang in Dich; uns wurde so wohl...
Diese Unbefangenheit, diese heiligen Gefühle suchte ich jetzt wieder; und fand sie im Eichental. Ich lagerte mich in die Tiefe, und las nun Deinen Brief. .... Wie mir dabei geschah – wenn ich das sagen könnte, so wär's des Sagens nicht wert. – Bei einem sonderbaren Schauer, der mich durchfuhr, war's mir, es sei ein Kuss von Dir, den mir vielleicht Dein Engel brächte. – Ich flehte zu dem meinigen, dass er Dir auch einen Kuss von mir bringen möchte. Du schlummerst wohl noch in dieser Frühstunde! o, dass er Dir erschiene!...
Eben las ich Deinen Brief noch einmal. Die Stelle ist mir tief in die Seele gegangen, wo du sagst: Ich fühlte mich bisher, in meinem schönen Familienkreise so glücklich, und glaubte bei dem immerwährenden Verlangen Dich hier zu sehen hauptsächlich nur den Wunsch zu haben, dass es Dir eben so gut werden möchte als mir. Welche Täuschung! jetzt empfind' ich klar, dass es vielmehr nur die Aussicht war, Dich hier an mich zu ketten, warum ich meine Lage so beneidenswürdig fand. Ich habe dess keinen Hehl, habe es Dorenburgen und meinen andern Lieben offenbaret, und sie tadeln mich nicht. Nach allem was ich ihnen von Dir erzählt; nach allen Deinen Briefen... Aber was mach' ich, dass ich dies hier abschreibe? – O du Bester, o ihr teuren, treflichen alle – um Gotteswillen! hoft doch nicht soviel von mir! Ach, ich bin der Mensch nicht, auf den man ein Glück bauen kann – ich, den das Schicksal mit eisernem Arm regiert, den es so von Kindesbeinen an umher trieb ... Hast Du das denn ganz vergessen, Biedertal? Vergessen den Gram, den Kummer, die Not, worum ich Dich so häufig setzte? und wie ich mehrmals Deinen zarten, treuen, edlen Busen verliess, um mein Herz an Felsen zu zermalmen – seine Wärme Dir entzog, um damit über Basilisken zu brüten? – Ich liebte Dich immer von Grund der Seele, das ist wahr, und wenn Du mich brauchtest, war ich nicht fern, war Dir immer daheim; besann mich auch nie, wenn von Aufopferung die Rede war; fragte nie, was es gälte, nichts oder alles; – aber was ist das – was ist alle mein Tun für Dich, gegen das, was Du für mich gelitten, gegen Dein Schonen, Dein Dulden? Du hast doch kein einzigmahl über mich gemurret; nie einen Augenblick Dich von mir abgewendet; – hieltest standhaft Deinen blick auf mein besseres Selbst geheftet; dachtest nie von ferne nur, dass ich die Bruder-Treue verletzen, den Bund unserer Freundschaft brechen könne – Engel! – Und so muss es gehen, wenn Liebe zu Freundschaft empor kommen soll. Lieben – bis zur leidenschaft, kann man jemand in der ersten Stunde, da man ihn kennen lernt, aber Eines Freund werden – das ist ein ander Ding. Da muss man erst oft und lang in dringende Angelegenheiten miteinander verwickelt sein, sich vielfältig aneinander erproben, bis gegenseitig Wesen und Taten zu einem unauflöslichen Gewebe sich in einander schlingen, und jene anhänglichkeit an den ganzen Menschen entsteht, die nach nichts mehr fragt, und von sich nicht weiss – weder woher noch wohin.
Du wirst