1779_Jacobi_047_35.txt

Ihr könntet Meere weinen, und mei

nem lechzenden Herzen käme davon kein Tropfen

zu statten.

Dass in den Menschen das geleget werden musste,

das Sehnen nach Mitgefühl, die brennende Begier

de nach Menschen-Herz. – Die am Ende doch nur

falsche Luft, kranker Heisshunger ist, der nur des

Geruchs bedarf, und es folgt Ekel! – – Aber nein!

so scheint es von der einen Seite nur. Nicht falsche

Luft, nicht kranker Hunger; sondern dass die Befrie

digung nur Blendwerk, der Geruch nur Anstrich ist:

darin das Elend!

Woher nur die Sage unter die Leute gekommen

sein magdas allgemeine Gerücht von Liebe, von

Freundschaft? – – Es ist wie mit den Gespenstern,

deren überfall so viele gesehen worden sind. Gera

de so!

Wahrlich, es ist nicht der Rede wert, alles was

macht, dass Menschen an einander hangen. Worauf

wir eigentlich einen Wert legen; das ist nicht. Die

geselligen Gefühle, wie sie Nahmen haben, sind in

so zusammengesetzt, so unendlich vermischt, so an

tausend Enden zu fassen und zu lassen, so zwei

deutigen, betrüglichen, hinfälligen, unwesentlichen

Wesens; dass man nie wissen kann was man hat,

oder ob man nur was hat. – – "Doch gibt es Bei

spiele von Treue, von alles überwiegender Anhäng

lichkeit!" – Das weiss ich! Aber liegt da wohl je

würkliche Sympatie zum grund; ist da je eigent

liche Liebe? Nichts weniger! Dumpfe, taube, unge

fühlige Seelen sinds! ... Schau die Redern! Was hat

die nicht für ihren Mann getan? wie war und blieb

sie ihm nicht ergeben? Man gerät ausser sich vor

Bewunderung, wenn mans erzählen hört. Und nun,

im grund, was ist' s mit der Redern? Fühlte sie

bei ihren schönsten Handlungen wohl mehr, hatte

sie wohl mehr Genuss davon, als wenn sie für den

Mittag eine Suppe kochte? Hatte ihr Mann wohl

mehr Genuss davon, eigentlichen Seelen

Genuss? – – Und so ist's überall, wo Menschen an

haltend einander etwas sind: entweder blinder

Traut, wo sie so hineinkommen, ohne zu wissen

wie; eingebläut, angewöhnt um Gottswillen: oder

elendesso elendes Stückwerk, dass es eine Schan

de ist. Hält wo noch einige Vereinigung Stand, und

sie bewahrt nicht jene gegenseitige gleiche Dumpf

heit, so bewahrt sie gegenseitige Resignation; –

etwa, von der einen Seite durch Verzweiflung an

Mitgefühl, an Einverständniss; und von der andern

durch kindische Genügsamkeit: – oder auf sonst

eine Weise; denn hier können die Verhältnisse ins

Unendliche abwechseln, und manches recht hübsch

und artig ausfallen: das Band aber, das sie zusam

men zieht und hält, ist nichts wenigerals was es

heisst! – – – In alle Wege, je fähiger der Mensch

zur Glückseeligkeit wird; je unglücklicher wird er

in der Tat: je vortreflicher Menschen werden, die

einander gut sind; je loser, je unsteter wird ihre

Verbindung. Indem der Eine, oder der Andere, oder

beide zugleich sich mehr ausbilden, jeder in dem

Seinigen, – werden sie sich unähnlicher; indem sie

an Kraft gewinnen, ihr Geist sich weiter ausbreitet;

selbst ihr Herz sich erweitert, – werden sie, gegen

seitig, eigener, – werden sie unabhängiger von

einander; – ihre Sympatiekriegt die Antipa

tieund ihre Freundschaft hat ein Ende.

Ich habs lange gewusst; aber mein Wissen war

nur Stückwerk: jetzt hab' ichs ganz; bin der Wahr

heit und der Weisheit vollein Seher, ein Pro

phet, – und habe Dir kund getan meine Offenba

rungen, habe Dich gelehrt, habe Dir geweissagt, –

und muss nun weiter, bis ichs verkündige auch den

unterirrdischen Geistern. – – So lass mich denn, und

Gott sei Dir gnädig!"

Unterdessen Woldemar diesen Brief schrieb, war Henriette in sein Vorzimmer gekommen. Die Tür von seinem Cabinet war zu. Sie hörte etlichemahl dass er gewaltsame Bewegungen machte und fürchterliche Töne ausstiess. Hernach wurde' es ganz still. Darauf hörte sie Weinen und Schluchzen. – Und nun wieder stille wie tot. Sie versuchte an der Tür vom Cabinet, ob sie zugeschlossen wäresie ging auf.

Er sass, den Kopf umgedreht, nach der Wand, gegen die er das Gesicht gequetscht hatte, wie aus Begierde sie mit den Zähnen zu fassen; die arme vorwärts steif ausgestreckt, und die hände los gefalten; die Beine hiengen, gezuckt, längst dem Sessel, so dass sie nur mit der Spitze den Boden berührten. – Henriette trat bebend näher. Sie erblickte das frisch Geschriebene. Von selber fielen ihr die letzten Zeile, die sehr grosse und weitläufige Buchstaben hatten, in die Augen. Sie glaubte der Brief wäre an sie, und durchlief ihn ungeduldig, das hinterste zuerst; dann fing sie von vorne an; las; meinte noch immer er gehe sie an; begriffs doch länger nicht ... Da kam sie an die Worte: "Ich rede nicht im Fieber, Allwina;" – Allwina? – Sie fuhr auf mit einem lauten Schrei. – – Woldemar kehrte sich um; riss ihr das Blat aus der Hand; und stiess sie unsanft auf die Seite. – Sie sank, und meinte die Erde wäre mit ihr versunken. – Aber sie war bald wieder bei sich; kam zurück; hieng sich Woldemarn