Unschuldig! – überall in ihr war es erklungen – ewig seiner ganzen Freundschaft wert! – Und kann, was unvergänglich ist, vergehen? – Vergängliches mag vergehen; – – Harren will ich in Unschuld. ... Harren, und treulich bewahren all die Lieb' in meinem Herzen – und gegen Himmel schauen.
Da Woldemar die stille Heiterkeit erblickte, den siegenden Mut, der über Henrietten gekommen war, wandelte ihn etwas an – wie Schrecken. Er sträubte sich, es dafür zu erkennen; wollte, dass es Freude wäre, und suchte es heimlich darein zu verkehren: aber er fühlte bald, wie vergebens! Nunmehr ergriff ihn zwiefaches Schrecken. Was noch von hoffnung in seiner Seele versteckt war, fuhr auf und verschwand. Die entsetzlichste aller Empfindungen: Verachtung dessen was überschwenglich geliebt war, kam, den geräumten Platz einzunehmen; – sie hatte lange schon gedrängt. – Er wurde voll Eckel vor dem Unbestimmten seiner Lage; lieber volle Verzweiflung, tausendmahl lieber! und er fing an darnach zu ringen.
Aber er konnte' es nicht fassen, konnte' es nicht glauben!... Das gekostet zu haben, was eine solche Freundschaft gibt; und es fahren zu lassen, und es missen zu können, und Mut zu behalten zu leben, Ruhe, Heiterkeit? Sein zu können diess, und jenes gewesen zu sein? Eben dieselbe? Henriette? Die, die, die?! ... Er schwindelte in Wahnsinn dahin.
Noch mässigte er sich in Aeusserlichen; er zeigte nur Kälte: aber sein Wille, diese Kälte fühlbar zu machen, kam je mehr und mehr zu Tage. Er wich allen Gelegenheiten aus, Dienste von Henrietten anzunehmen; war höchst sorgfältig, dass sie in seinem haus nicht die geringste Bemühung hätte; äusserte in Absicht ihrer tausend Bedenklichkeiten; hatte beständig ihr etwas aus dem Wege zu räumen; so dass ihr der Aufentalt neben ihm nicht anders als peinlich sein konnte. Aber sie hielt Stand; und wenn die Kränkungen, die sie von Woldemar erfuhr, auch wohl einmal sie erbitterten, so erholte sie sich doch gleich wieder, und bewiess sich nur desto liebreicher gegen ihn.
Unterdessen wurde die Verwirrung in Woldemars Gemüte immer fürchterlicher. – Das liebe Mädchen, unaufhörlich um ihn, mit ihr die Menge süsser entzükkender Angedenken, noch immer voll derselben Kraft ihn glücklich zu machen, wusste noch jetzt so manchen Schimmer von Freude in seine finstre Seele zu dämmern, brachte täglich neue Anwandlungen von Glauben, von Vertrauen in sein Herz – von Vergebung: – Ach! die sie aber nicht foderte, deren sie nicht zu bedürfen glaubte; ohne Sinn für seine tiefen Leiden – vielleicht ins Geheim sie verachtend – hoch erhaben über den törichten Woldemar, und nur in schmählichem Mitleiden sich zu ihm herablassend – die Edle! – Ha, Elende! – Ferne, ferne du von diesem Herzen, das du geschändet, und das du verlassen hast!
Alle seine Beschäftigungen lagen. Ausser dass er fast täglich an Allwina schrieb, die doch an dem Ort ihres Aufentalts nur zweimahl in der Woche Briefe erhalten konnte. Aber von seinen Briefen wurde auch nur der dritte vierte wirklich abgeschickt, weil er, während dem Schreiben, sich immer vergass und in Ausbrüche der schwärzesten Melancholie geriet. Allwina sollte auf seine Schwermut vorbereitet sein; doch wollt' er weder ihre Freundinn bei ihr verklagen, noch gegen Menschen und Glückseeligkeit überhaupt sie argwöhnisch machen. Hier ist einer von diesen Briefen die zurückgehalten wurden.
"Ich habe zwanzig Briefe an Dich geschrieben, die
Du alle nicht bekommen hast; sie sind zerrissen,
verbrandt. – Aber was soll ich Dir länger verhee
len, dass ich in die tiefste Schwermut versunken
bin. – Mir schaudert vor dem Gedanken, Deine En
gelseele mit Geheimnissen der Hölle zu verfin
stern! Aber ich muss, ich muss! – Oder soll ich fort,
auf und davon? – O, ich bin tausendmahl dazu ver
sucht gewesen. Aber Du sollst nicht elender wer
den, als das Schicksal Dich macht: Ihm Deinen
Fluch, nicht mir! – – Warum hörtest Du mich eh
mahls nicht, als ich Dich, als ich Euch alle vor mir
warnte, so oft warnte, dass ihr nicht auf mich bauen,
dass ihr Euch nicht so an mich hängen solltet! – Ihr
lachtet! – Ha, nun ist's an mir zu lachen!"
Ich bin nicht im Fieber, Allwina; o Gott! ich bin
so wach, bin nur zu gut bei verstand. – Aber Dir
entdecken, was ich habe, das geht nicht; ich sag' es
auch Henrietten nicht, meinem Bruder nicht, nie
manden! Aber, ja, es ist mir etwas begegnet –
etwas ... Ich hab' entdeckt, dass alle Freundschaft,
alle Liebe nur Wahn ist, Narrheit ist – ausgenom
men dem Narren – – ich preise sie wohl einmal
wieder, so Gott will und ich lebe!
Ihr werdet Mitleiden mit mir haben, in mich
dringen um mein geheimnis zu erfahren und mich
zu trösten.
Ich bitte', ich beschwor' Euch, spart das! Sagen
werde' ich nichts; und Euer Mitleiden? – darüber
werde' ich – lachen – und rasen. Ja, wenn ich Stein
schmerzen hätte, oder die reissende Gicht, oder ich
wäre in Armut gesunken, oder es wäre sonst ein
endlicher Jammer über mich gekommen – Dann!
Aber nun?