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oder auszufahren. Er lehnte das ab, indem er grosse sehnsucht äusserte, eine Arbeit, die er den Morgen angefangen, zu vollenden. Auch gab er sich ungesäumt wieder daran. Es ging ihm noch besser von Statten, als am Vormittag.

Henriette, welche nicht Luft hatte, einem Besuch beizuwohnen, der sich bei der Tante einfand, brauchte ihr altes Recht und liess sich in Woldemars Vorzimmer nieder. – Auch das konnte Woldemar nicht stören. – Wenn er zuweilen, beim Durchgehen, an ihr vorbeikam, und sie ihm zuwinkte; so antwortete er ganz geschäftig, nur eben durch ein freundliches Nikken, und verfolgte Gedankenvoll seinen Weg.

Es freuete ihn, seiner Aufmerksamkeit dergestalt zu gebieten, seiner selbst so mächtig zu sein. Die Luft am Fortgange seiner Arbeit kam dazu; so dass etwas von wahrer Heiterkeit in seine Seele dämmerte. – Gleich wollte sein Herz wieder aufwallen zu Liebe, und seine errungene Fassung zu grund gehen: – Sie sass da, mit der er jede Freude zu teilen gewohnt war! Ach! und jeden Schmerz! – – Er lief hinauf auf den Altan. – über eine Weile folgte ihm Henriette. – Woldemar hatte sich von neuem gestillt. – – Die Sonne war untergegangen; gegen über trat jetzt der volle Mond hervor. – Damit kamen die vorigen Regungen wieder, und mächtiger. – Dess fluchte Woldemar seiner Seele, und rafte alle seine Kräfte zusammen, um sich zu verhärten. – Aber ein tiefes Grauen überfiel ihn: – "Dass ihm nunmehr kein Gestirn mehr leuchten dürfe; – leer über ihm sein müsse der Himmelund um ihn, nur Finsterniss die Nacht." – – Doch hob er sein Haupt in die Höhe, blickte rund umherund sein Geist schwung sich empor. – – Sanft lenkten seine Augen sich auf Henrietten. – Er lächelte ihr zuwie ein Heiliger dem tod zulächelt, drückte sie an seine Brust, und führte sie mit sich hinunter.

Diese Gemütsstimmung hielt an, ohne sonderliche Abwechslung. Denselbigen Abend schöpfte Henriette lauter gute Hofnungen; denn sie hatte lange nicht Woldemaren so ungezwungen heiter, durchaus so nachlässigen Wesens, und gegen sie so voll herzlicher offener Freundschaft gesehen; sie musste fühlen, er war ihr gut: und das, schlecht und recht, von Grund der Seelen. Eben das fing aber schon am folgenden Tage sie zu drücken an; sie war nicht seine Henriette wie vormals. Und wie sie das jetzt so nackend, so ganz in seinem eigenen Schmerz zu fühlen bekames war ihr unerträglich. Ihre Betrübniss wuchs von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tage. Woldemar hatte Mitleiden mit ihr; mit sich selber noch mehr: hülfe, Rat sah er nirgend; und er wollte nicht jammern, wollte sein Schicksal ertragen wie ein Mann. – einmal, da sie, von innerlichem Weinen halb erstickt, da sass; ihr endlich ein Paar von denen Tränen, die durchaus nicht los sollten, über die Wangen schossen und auf den Schoos stürzten; ihr nun die Brust noch enger wurde, dass sie länger sich nicht halten konnte; ausrief, ohne laut; und hinsank mit dem Kopf auf die Hand, und ihr Angesicht offen lagdie Augen trokken und die Wangen nass ... Er stand vor ihrund konnte nicht fragen: Henriette, was ist's? – Konnte kein Haar breit sich ihr nähern. – Das ergriff ihn mit EntsetzenNicht vorwärts, nicht rückwärts! – platt auf der Stelle musst' er wankend bleiben. Seine Knie, schwer wie Centner-Lasten, zermalmten ihm die Beine; seine Schultern den Körper; der Nacken morschte; das Haupt versank; – Ohnmacht, kalte grässliche Ohnmacht kroch durch alle seine Glieder, hin aus erstarrende Herz.

Indem kam jemand die Treppe herauf. Henriette rafte sich zusammen; Woldemar blieb wie er war. Der die Tür öfnete, ins Zimmer trat? – es war Biedertal. Er fuhr etwas zusammen, fasste sich aber gleich, denn er hatte schon eher Betrachtungen gemacht, Beobachtungen, über die er in ängstliche Zweifel und Sorgen geraten war, die er aber teils unterdrückt, teils sorgfältig in sich verschlossen hatte. Doch musst' er die Frage vollenden, in der er stecken geblieben war: waswas fehlt dir, Woldemar? – "Wie? was mir fehlt? – sehe' ich übel aus?" Er trat vor den Spiegel: "wirklich! man sollte bange werden" – und lächelte. "Aber ich weiss schon woher es kommt," fuhr er fort, "es hat nichts zu sagen." Und sogleich brachte er die Rede auf etwas anders; das denn Biedertal gerne geschehen liess.

Acht Tage gingen herum; noch eine Woche lief zu Endeund Henriettens Seele fing an sich zu erbittern. Was nur ein menschliches Herz überwältigen kann, alles, alles war an Woldemarn vergeblich gewesen. So tausendmahl gerührt, erschüttert; immer ohne Frucht; immer doch, am Ende, unbeweglich! – Warum wollt' er sie aus seinem Herzen verstossen? – Verstossen? – stunde das in seiner Gewalt? Sie hatte ja nichts verbrochen; war ja Henriette wie immer. – – O Gott! rief sie aus, ich bin ja unschuldig.

Der Stachel, der ihr im Herzen sass und folterndes Pochen in alle seine Fasern brachtees war als wenn er bei diesem Ausruf auf einmal sich löste.