er den Eifer gut, der seine Glückseeligkeit zu grund richtete. Er brachte die ganze Nacht damit zu, alles in sich umzukehren, so dass auch jede Aussicht eines Wechsels vernichtiget und jede hoffnung zur Torheit wurde. Darnach schien es ihm, er sei ruhiger. Er lagerte sich hin auf den Ruin und schlief ein.
Morgens um neun Uhr kam Henriette, und hörte, er sei noch nicht aufgestanden. Sie wurde bestürzt. Der Bediente musste augenblicklich ins Schlafgemach, sie selber folgte sachte nach; und als Woldemar den Bedienten fragte: was er wolle? so gab sie die Antwort: – "Ich bin da, lieber Woldemar! Wie es Ihnen geht? Sie haben mich zum Tod erschreckt!" – und trat näher. Ihr Angesicht flammte von Liebe. Sie wurde' es inne, da die Flamme nicht zündete, und zurückschlug. Ihn gebrandt hatte sie dennoch. Er antwortete dürr und freundlich: – er sei wieder besser, aber er brauche noch Schlaf; bis gegen sechs Uhr hab' er wach gelegen. – Hierauf fragte Henriette, mit nassem auge': ob er nichts begehre? – Nichts in der Welt, war die Antwort, als Ruhe! – Diese Antwort, obgleich Ton und Miene dabei nichts bedeuten wollten, ging Henrietten durch die Seele. – Sie wendete sich langsam und ging. – – Als sie leise die Tür ins Schloss gezogen hatte, blieb sie, wie erstarrt, die Schling' in der Hand, mit gesenktem Haupt davor stehen. Endlich liess sie die Schlinge und lehnte sich ans Gesimse. – Sie war voll Schwermut und wusste nicht wie; sie konnte zu keinem Gedanken kommen.
Die ältere Tante unterbrach sie in dieser Träumerei und führte sie mit sich hinunter. Aber da war für sie kein Bleiben. Sie ging bald wieder hinauf, und warf sich im Vorzimmer auf einen Sessel, ihr Gesicht mit dem Arm verhüllend, voll unaussprechlicher Herzensangst.
Woldemar unterdessen prüfte nochmals sein Inneres, und suchte sich in seiner neuen Verfassung unumstösslich zu gründen. – – Er fand immer eben wahr, dass er ein für allemahl jene überschwengliche idee von Freundschaft zwischen ihm und Henrietten aufgeben müsse. Gesetzt auch er hätte sich weniger an ihr betrogen gehabt, als die Erfahrung gezeiget: so sei es an denen Zufällen genug, wodurch er und sie nun einmal auseinander getrieben worden, um eine Wiedervereinigung, in dem Grade, unmöglich zu machen. – Also, weg damit! – – Und warum sollt' er sichs nicht aus dem Sinne schlagen können? – Er habe ja vor diesem auch gelebt, und das Leben nicht unerträglich gefunden.
Ein blick in jene zeiten, die so weit noch nicht zurück waren, und mit seinen gegenwärtigen stürmischen qualvollen Tagen auf eine Weise abstachen, welche ihnen keinen geringen Reiz erteilte, versenkte ihn ganz in die Vorstellung der Süssigkeiten, die mit Genügsamkeit und Ruhe verbunden sind. – Der Gedanke ward Empfindung, und die Empfindung Genuss. Dabei kamen ihm die Vorzüge seiner gegenwärtigen Lage vor Augen. Eine Allwina zum weib; Er, der Gatte solch eines Engels; bald Vater – von Kindern aus ihrem Schoosse; – um ihn her die liebenswürdigste Verwandschaft; – die besten Glücksumstände – Wohlleben und Ehre – – wo er hinsah alle seine Wünsche übertroffen! ... Er musste sich seines Kleinmuts schämen! dass er sich so ganz hatte hinreissen – unsinnig so lange umhertreiben – bis zur Verzweiflung ängstigen lassen. Er verglich es mit der Berauschung eines Menschen der einen bösen Trunk hat, schalt sich einen Toren, einen Rasenden – bedrohte sich mit Unglück und Schande.
Und Henriette – die einzige, ward verstossen! – Und Woldemar triumphierte! – – Er fühlte an sein Herz, – ja, es schlug ihm freier; – – und die Andern alle, – – sie waren ihm desto lieber geworden – er hatte es nun so gut auf der Welt als jemals.
Es schlug elf Uhr; er stand auf.
Henriette in seinem Vorzimmer anzutreffen, das war ihm unerwartet. Ihr schwermütiger Anblick fiel ihm auf – Es wurde ihm noch leichter ums Herz.
Die Rede kam von seinem Befinden, auf den gestrigen Abend – und Henriette liess ihrem Herzen freien Lauf. Es war so voll wahrer warmer Zärtlichkeit, und ergoss so lieblich gegen ihn die schöne Fülle, dass er davon entweder in gleiche Rührung, oder in die äusserste Verstockung geraten musste. – Das letztere geschah. – Kaltes freundliches Lächeln war seine ganze Erwiederung, und er griff nach jeder Nebensache, um die Unterhaltung gleichgültiger zu machen; besonders wenn dem armen Mädchen Tränen hervordrangen, die es mit Not wieder einsog und darüber die Sprache verlor; – dann, sag ich, kam er unfehlbar mit einer Unterbrechung, und führte wohl gar einen Scherz herbei. – Aber Henriette beschirmte ihre Brust, dass alle diese Dolchstösse nur daran her streiften – viel Blut machten und wenig Wunde.
Ich komm! rief sie plötzlich hell auf, als ob ihr jemand wiederholt gerufen hätte, und stürzte zur Tür hinaus.
Woldemar war erschrocken. Er blieb noch einige Augenblicke stehen – lächelte noch einmal, und ging in sein Cabinet.
Er war ungeduldig, einen Versuch mit arbeiten zu machen. Sogleich wollt' es nicht; aber nicht lange, da war er vollkommen gesammelt und es gelang ihm nach Wunsch. Voll Zufriedenheit hierüber kam er zu Tische, liess sichs wohl sein, und war sehr gesprächig.
Henriette wollte ihn bereden, auszugehen –