heftigen tiefen Erschütterungen, die es, Stoss auf Stoss, erlitten, besonders von den plötzlichen Abwechselungen des heutigen Tages dergestalt auseinander, dass es sich selber kaum mehr zu fühlen im stand war.
Also setzte Woldemar sich hin, und ging die Aufführung seiner Freundinn durch, von dem heutigen Tage an bis auf denjenigen, wo sie in des alten Hornichs feindseelige hände ihm entsagt hatte. – Der Schluss fiel dahin aus: dass er in seiner Meinung von Henrietten geirrt habe. Und das Herz brach ihm nicht davon.
Er stunde auf, liess sich ankleiden, und befahl um die gesetzte Stunde den Wagen. Es war nicht mehr lange hin. Mittlerweile ging er in seinem Zimmer auf und ab. Eh' er sichs versah, hörte er den Wagen aus der Remise sprengen. Der Wagen kam vorgerollt, und stand gerade unter seinem Fenster. Da fuhrs ihm durch alle Glieder.
"Hinfahren zu Henrietten; – Mit ihr – und Carolinen und Dorenburg zu Biedertalen? – Dort die glänzende Gesellschaft; die erleuchteten Zimmer; das Geräusch; Spieltische; – ein Gastmahl – Gespräch – Scherz – Fröhlichkeit – lachen!" – Es war unmöglich, er konnte nicht hin!
Doch liess er den Wagen eine gute Viertelstunde halten. Er hatte eine Menge Bedenklichkeiten, über die es ihm schwer fiel hinweg zu kommen. – Endlich befahl er wegzufahren, und gab einen Bedienten mit, der ihn entschuldigen sollte: "er habe Kopfschmerzen bekommen, mit denen er sich nicht getraue in Gesellschaft zu gehen und sei Willens sich ganz früh nach Bette zu machen, u.s.w."
Hierauf eilte er, sich die Kleidung vom leib zu schaffen, und sich von Kopf bis zu Fuss in sein Nachtzeug zu stecken, damit, wenn etwa noch sollten Anschläge auf ihn gemacht werden, er denselben desto zuverlässiger entginge.
Nach einer halben Stunde kam der Wagen zurück, und der Bediente hatte Woldemarn viel zu berichten; wie sehr man seine Unpässlichkeit bedaure; wie missvergnügt über seine Absagung sich besonders Henriette bezeugt habe. Sie liess ihm ausdrücklich wissen: dass ihr alle Freude auf diesen Abend dadurch verdorben sei.
"All ihre Freude auf diesen Abend verdorben," – wiederholte Woldemar bei sich selbst; – "das mag wahr sein! – und so ein Abend kann einem lang fallen. – So Ein Abend. – – Aber ich? – Und hundert Abende! – hundert Abende und Morgen! – zehntausend! – – Und die alle – so glücklich sein sollten! – – Die schönen reichen Blüten alle ... O!"
Sein Herz wurde plötzlich weich; und es fehlte wenig, dass er laut wie ein Kind zu weinen angefangen hätte.
"Aber wie nun auf einmal wieder so ganz dahin?" – fragte er sich. – "Erst heute Morgen noch so voll Mut, so voll Glauben!..."
Diese Betrachtung fesselte seine Aufmerksamkeit. Er sann jenem Zustande nach; suchte die Ideen und Empfindungen, welche ihm denselben zuwege gebracht hatten, in sich zu erneuern, und versenkte sich mit ganzer Seele in ihren Begriff.
"Freilich!" sagte er, "das ist und wird sein, dass Henriette zu den Besten ihrer Gattung gehört. – Ich kann mich auf ihre Tugend, – auf ihre Freundschaft (wie andre – auch vortrefliche Menschen diese Worte nehmen) verlassen. – Nur ist auch Sie nicht – was ich schon lange zu suchen aufgegeben hatte; – was ich endlich – gefunden zu haben meinte: – nicht die Eine, die Meine.
Was fest, was unwandelbar macht; diejenige Treue, die keine Tugend – die allein Stärke, Lebhaftigkeit und Tiefe des Sinnes ist – gebricht ihr.
Wie fern – dass Ihr Herz wie das Meinige empfände! – Sie weiss nichts davon, dass sie von mir abgewichen ist – fühlt nicht das Widrige, das Unerträgliche darin: zweimahl in eine Partei gegen mich – wo nicht getreten – doch wenigstens verflochten worden zu sein. – konnte' es wagen, konnte' es über sich bringen; bei mir in Verdacht zu kommen, um dem Verdacht nichtswürdiger Leute zu entgehen! – Konnte gegen Freundschaft, gegen die Ruhe meines Lebens, andre Dinge auf die Wage legen – so kalt! ...
Wie Manches ihr mehr gelten muss, als meine Liebe; – wie manches sie ärger schrecken – als dieser Liebe Tod!...
Es mag sein, dass sie dadurch, dass sie tadelhaft vor mir ist, vor allen andern Menschen desto untadelhafter erscheint; – es mag oder nicht! – hier ist davon allein die Frage: was eine Seele von der meinigen unzertrennlich macht; – das hat die Ihrige nicht! Die Möglichkeit, dass sie von mir abfallen könne, liegt am Tage. Wir haben wirklich den Fall, dass ich ihr eine Art von Eckel, von Widerwillen errege. – Sie hat mir verheelt; sich gegen mich verstellt – Ränke gebraucht – Lügen geredet – Zweifel und Misstrauen gebrütet – Hat uns entzweit!
Und hätte sie nun eben dadurch auch den Himmel verdient – und wäre sie das Erste unter allen menschlichen Wesen: so könnt' ich sie – wohl eine Heilige nennen – Freundinn aber nicht. – Wir wären nicht minder abgerissen von einander – ich desto härter nur verstockt allen Freuden, auf ewig!"
Der Tumult in Woldemars Seele war nunmehr offenbarer Aufruhr geworden, und fern dass er darauf gedacht hätte ihn zu hemmen, hiess