vom Fenster, und die Treppe hinunter an die Tür ihr entgegen. Sie war nie mit mehr Zärtlichkeit, mit mehr freundschaftlicher Wärme von ihm empfangen worden. "Nun geschwinde hinauf! sagte er zu ihr, komm!" griff ihr unter die arme, und oben in einem Flug!
Henriette, die sich auf eine ganz andere Begegnung vorbereitet hatte, wurde bestürzt und geriet in Verwirrung.
Auf einige Befremdung hatte Woldemar gerechnet, denn er wusste wohl, dass sein Unmut die zwei vorhergehenden Tage hindurch von Henrietten nicht hatte können unbemerkt bleiben: aber diese Befremdung sollte gleich darauf in Freude, und diese Freude in einen gewissen höhern Grad von Zärtlichkeit übergehen. natürlich genug waren diese Erwartungen; aber der gang, den Henriettens Empfindungen nahmen, war es nicht minder. Sie hatte nie an Woldemar dergleichen plötzliche Abwechslungen von Laune (sie konnte es nicht wohl anders nennen) wahrgenommen. Gegen sie, nun gar, war davon nie ein Schatten gewesen. Jetzt gab es der sonderbaren Erscheinungen so viel! – Lauter fremde ungewöhnliche Dinge! – Alles so ausserordentlich, so sehr ausserordentlich! – Wie das kommen – was doch in dem mann vorgehen mochte?
Diese Gedanken, mit welchen sich hundert andre verknüpften – und dass Allwina nicht da war – heute just verreist....
Des Hin- und Hersinnens war kein Ende; und sie stand vor Woldemaren ungefähr eben so, wie Er vor zwei Tagen Ihr gegen überstanden hatte.
Woldemar wollte lange das nicht sehen. Doch er musste wohl endlich. Aerger als alles war ihm eine gewisse Schüchternheit, ein gewisses Argwöhnisches, das aus ihrer zerstreuten bedenklichen Miene hervorschimmerte. Er rief, wie zu ewigem Bleiben, die widerwärtigen Vorstellungen zurück, über die er die Verbannung ausgesprochen hatte. Aber noch widersetzte er sich ihrer Aufnahme, und eilte, Henrietten zur ältern Tante hinunter zu führen, bei welcher er sie zurück liess.
Er brachte den ganzen Morgen mit allerhand kleinen, mehrenteils mechanischen Geschäften zu, bloss in der Absicht, um sich vom Nachdenken abzuhalten. Er hofte auf günstigere Eindrücke, und wollte wenigstens den Verlauf dieses Tages in Gelassenheit abwarten.
Es traf sich an diesem Morgen, dass er zu wiederholten mahlen gestört wurde, und er meinte jedesmahl, es sei ein Besuch von Henrietten. Aber sie kam erst kurz vor Tische zu ihm herauf, und mit Biedertalen, welcher Fremde von sehr guter Gesellschaft zum Nachtessen haben sollte, und sich Henriette und seinen Bruder dabei wünschte.
Woldemar hatte keine Lust; "er wäre heute früh auf gewesen" – und dergleichen.
Biedertal erinnerte ihn, dass er immer früh aufstünde; und versicherte, man säh' ihm an, dass er Zerstreuung nötig hätte.
Darüber lachte Woldemar.
"Aber ich denn, sagte Henriette, ich wenigstens brauche Zerstreuung. Ich weiss nicht, der Kopf ist mir heute so schwer, ich bin so trübsinnig; diese Partie käme mir gerade recht, wenn Sie mit sein wollten."
Was hindert, antwortete Woldemar, dass Sie ohne mich gehen?
"Das wissen Sie nicht? erwiderte Henriette. Sie sind ja heute von sehr schwerem Begriff. – Ei nichts! als dass ich dann keine Luft mehr dazu hätte. – Nun, schlagen Sie ein, lieber Woldemar! Ersparen Sie mir den Verdruss, dass ich meine schaale Laune die Ihrige mit verstimmen sehe. Sie kennen mich darin, dass mir nichts schlimmeres begegnen kann. – Und wie käm' ich bei Allwina zurecht? – Nicht wahr, Lieber, wir gehen miteinander – Sie tuns?"
Ja, ja! sagte Biedertal und fiel ihm um den Hals; ich sehe schon, er tuts.
Indem kam ein Bedienter, zu melden, dass aufgetragen sei.
"Nein, er tuts nicht! rief Henriette; er tuts nicht, Biedertal, wenn Sie mir abschlagen uns diesen Mittag Gesellschaft zu leisten. – Nicht wahr, lieber Woldemar, Sie tuns nicht? – Sie haben noch nicht fest versprochen?"
"Recht, recht! sagte Biedertal, tu es nicht, ich muss bleiben!" – Und hierauf zu Henrietten: "dass man es sich um Euch Mädchen doch überall muss so sauer werden lassen!"
Die Mahlzeit lief sehr vergnügt ab. Biedertal war äusserst munter und zeigte sich in seiner ganzen Liebenswürdigkeit. Er hatte es hauptsächlich mit Henrietten zu tun; und sie liess sich angelegen sein, so hart es ihr fiel, seine Laune zu unterhalten. Woldemar stimmte mit ein, so gut er konnte. Die Frölichkeit und die vortreflichen Einfälle seines Bruders, und Henriettens zauberischer Witz, rissen ihn gewissermassen hin; er fühlte würkliches Ergötzen. Aber des Stachels in seinem Herzen wurde er darum nicht weniger gewahr. Der traf – immer sachte tiefer wühlend – ihm zuweilen so scharf ins Leben, dass er Mühe hatte, einigemahl mitten im Lächeln nicht einen lauten Seufzer auszustossen.
Nach dem Essen liess Henriette sich von Biedertalen nach haus begleiten, weil sie ihren Kopfputz noch besorgen und sich ganz frisch ankleiden musste. Abends, um sechs Uhr, sollte Woldemar mit dem Wagen kommen, sie nebst Dorenburgen und Carolinen abzuholen.
Woldemaren schauderte vor den Gedanken, die ihn jetzt von allen Seiten angehen würden; dennoch beschloss er, sich ihnen getrost auszusetzen, keinem davon den Zugang zu versagen.
Sie kamen. Kamen auch in Menge, aber nicht stürmisch: langsamer nahten sie sich und in einer gewissen Ordnung.
Sein Geist wurde ruhiger.
Und sein Herz – das war von den