hatte, seinen Bruder wieder zu sehen, war vor Freuden ausser sich; er konnte von nichts anderm reden, als von Woldemaren – "Sie wissen, dass nun ehestens mein Bruder kommen wird?" – Jeder, den er so begrüssen konnte, war ihm willkommen; und jeder, den er schon so begrüsst hatte, und bei dem er es nicht gerade zu wiederholen durfte, machte ihn verlegen. Seine Frau, seine Schwägerinnen und Dorenburg schienen ihm jetzt mehr als jemahls die beste Gesellschaft: sie teilten so aufrichtig seine Freude; sie waren für sich selbst, mit ihm, so voll Erwartung; sie neigten mit so herzlicher Aufmerksamkeit sich ihm entgegen; hörten so gerne noch einmal, was er schon oft, aber noch nie mit dem Interesse, mit dem Leben von Umständen, erzählt hatte – die ganze geschichte, wie Woldemar und er mit einander aufgewachsen; wie sehr sie schon als Kinder sich einander zugetan gewesen; wie treu sie sich geblieben; was sie alles für einander getan; was sie alles für einander gelitten ... Wahrhaftig! brach Biedertal einmal in seiner Entzückung aus, es ist doch keine rechte Freundschaft, als nur unter zwei solchen Brüdern! – Dorenburg, der gerade gegen ihm über sass, blickte lächelnd nieder. Das stiess Biedertalen an; er flog auf und hieng seinem Freund am Halse. Dorenburg drückte ihn an die Brust, ergriff dann seine beiden hände.... Lieber! sagte er, und lachte ihm offener ins Angesicht – Lieber! indem er ihn treuherzig schüttelte – gehe und erzähl uns weiter. Biedertal küsste Dorenburgen noch einmal und ging. Henriette haschte bei'm Vorübergehn ihm die Hand, und küsste ihn. Er umarmte Carolinen; herzte sein Weib; setzte sich dann und erzählte weiter. –
Endlich kam die Nachricht, dass Woldemar wirklich abgereiset sei. Sein Brief war aus R., wo er eines wichtigen Geschäfts wegen einige Tage verweilen musste. – "Die Hälfte des Weges ist zurückgelegt, schrieb Woldemar. Es war mir lieb, dass die Post nach B. erst heute abging, denn ich hätte schwerlich vermocht eher an Dich zu schreiben. Mein Herz ist in einem wunderbaren Zustande. Als ich von G * abreiste, war ich wie ausser mir. Ich sass in meinem Wagen und hörte das Rasseln über das Pflaster hin, und wusste kaum was es war.
Wir erreichten die Landstrasse. Knall auf Knall des Schwagers Peitsche, und die Pferde im Flug. Ich schlug die Augen auf, sah Hecke, Baum und Land an mir vorbeischwinden – an mir vorbei zurück. Ich streckte maschienenmässig den Kopf hinaus, dem allen nach. Die Sonne war am aufgehen. – G * war schon fern, aber noch deutlich genug zu unterscheiden; auch erreichte noch das Geläute von seinen Türmen mein Ohr, und zuweilen kam's mit einem Windstoss schnell im hellerem Klange – und wieder weg, wie der laut eines tiefen Seufzers. Dazwischen wirbelten oben die Lerchen, und klirrten die Ketten am Pferde-Geschirr; und hallte das Treiben des Postknechts...
Unversehens ging's um eine Hecke, eine Anhöhe hinunter. Alles, was da war, nur auf einmal entrückt!
Ich stürzte zurück in den Wagen, presste mein Gesicht aus allen Kräften zwischen die Lehnküssen, und meinte das Herz würde mir die Brust entzwei schlagen... Weg! so immer weg – einst weg von allem! – so scholl's dumpf in meinem inneren. Endlich brachen die Tränen los – und du, Lieber! – Du standest vor meiner Seele. Ich fühlte das: hin zu ihm, zu meinem Biedertal! – Aber ich weinte doch noch lange – weine noch heute.... Bedenk, Lieber, ich war nun sechs Jahre zu G *; stand dort in manchem süssen Verhältnisse; glaubte einst, ich wurde wohl immer dort bleiben. Nun reiste ich weg, ich sah das alles vor mir untergehen. Ach! So bin ich: etwas vergehen zu sehen, wär' es noch so geringe; zu fühlen, es ist damit zu Ende – es ist aus: bis zur Ohnmacht kann's mich bringen.
Nun geh' ich nach B., da werde ich bleiben! – Sieh, davor schaudert mich wieder! – Ich bin erst neun und zwanzig Jahr alt, und mag nur so weniges noch vom Leben. Was ich nun erhalte, ist die Erfüllung meiner Wünsche! – Ich werde glücklich sein; endlich zufrieden; – aber das muss ich nun auch sein, muss, oder... Lieber! – Bester, Einziger, verzeih! Du wirst mich ja nicht missverstehen. Wie könntest du? Ist es doch Fülle der Wonne was mich ängstiget! –
Es war recht gut, dass ich mich hier einige Tage aufzuhalten hatte; weniger, um mich von meinem Abschiede zu G ** zu erholen, als auf Dein Wiedersehen mich vorzubereiten. Als ich die hiesige Gegend erreichte, diese Stadt erblickte, wo wir in verschiedenen Zeitpunkten so viele Tage mit einander zugebracht hatten: – es ist nicht auszusprechen wie mir ward! Beim Eintritt in die Krone kam mir der eine Kellner, der gute Johann, der von früh an auf mich gelauert hatte, mit Deinem Brief entgegen. Er war noch der alte; und so alles im haus noch beim alten. Die Leute hatten eine gewaltige Herrlichkeit mich wiederzusehen. Das Geräusch ihrer Freude stillte auf