gegen Henrietten der vollkommenste Abdruck. Er besass eine ungemeine Stärke, die Bewegungen seines Herzens aufzuhalten, seinen Leidenschaften den sichtbaren Ausbruch zu verwehren, und sie sogar, auf kurze Zeit, wo nicht zu unterdrücken, doch ausserordentlich zu schwächen. gewöhnlich kostete es ihm auch nachher wenig Mühe, wenn er es für gut fand, seine Aufmerksamkeit ganz von den Gegenständen, die ihn erschüttert hatten, abzulenken.
Allwina, den Abend vor ihrer Abreise, übertrug ihrer Freundinn Woldemars Verpflegung. – "Er ist nur," sagte sie scherzend, "dass du nicht vergissest, dass du für zwei stehst, für dich und mich. Du hast noch keinmahl soviel auf dir gehabt, das weisst du doch? Bedenk es nur recht! Wenn ich höre dass mich Woldemar gemisst hat! – ich verzeihe dirs in Ewigkeit nicht!"
Damit ergriff sie, in liebevollem Auffahren, mit dem einen Arm die Freundinn, mit dem andern den Mann, und herzte sie gegen einander, und drückte sie an sich aus allen Kräften; und indem sie nachliess, zerfloss in englisches Lächeln ihr Gesicht; und an ihm herab sah man – wie wenn eine sonnichte Wolke sanft und schnell sich ergiesst – Tränen der Zärtlichkeit und der Freude rinnen.
Henriette begab sich am folgenden Morgen mit bangem Herzen zu Woldemarn. Sie hatte genug empfunden, dass tief in dem seinigen, etwas gegen sie arbeitete; – sie liebte ihn so ernstlich und so schön – und wusste sich keinen Rat. Denn womit hatte sie ihn beleidiget? Wie hätte sie anders handeln, anders sich erklären können? – Eine abermahlige Erklärung – wohin sollte die gehen? – Woldemar hatte Unrecht; er hatte so gewiss – o, er hatte so offenbar Unrecht – dass man es nur ihm selbst überlassen musste, darüber die Augen zu öfnen.
Henriette weinte bitterlich, indem sie dieses überdachte. Seufzer auf Seufzer pressten sich aus ihrer Brust mit unendlichem Weh. Ohne Woldemars Freundschaft wurde ihr das Leben zu nichts. Und diese Freundschaft stand in Gefahr. Und sie musste sie der Gefahr überlassen. – "Lieber mag der Himmel sie mir rauben, sagte sie bei sich selbst, als dass ich sie verderbe!"
Woldemar hatte schon einige Stunden einsam, in tiefen Gedanken und voll Unruhe, zugebracht. Sein holdes liebes Weib war früh vor Anbruch des Tages von ihm geschieden. Es war am Anfang des Merz. Diese Trennung hatte ihn sonderbar gerührt. Um und um schlug sein Herz von Liebe; – um und um, gegen an die erstarrende Mitte, wo Missmut über allgemeinem Unglauben brütete und der erschrecklichsten Verzweiflung.
Er war zu lange glücklich gewesen; war zu sehr von den süssen Gefühlen erwiederter herzlicher Zuneigung und innigen Vertrauens durchdrungen worden, als dass die entgegengesetzten bittern Gefühle sich sobald seiner ganzen Seele hätten bemeistern können. Die Menge, die Lebhaftigkeit der Erinnerungen, die ganze Magie der Einbildungskraft, alles würkte vorzüglich auf jene Seite.
Was ihm nach Allwinas Entfernung zuerst begegnete, waren verschiedene Sachen auf seinem Tische, die für Henrietten da lagen. Das machte ihm die Vorstellung auffallend, dass sie, nach Verlauf von ein paar Stunden, bei ihm sein und gewissermassen ihre wohnung aufschlagen würde. Er hatte eine Menge zärtlicher Aufträge an sie von Allwina. Und dann sollte er ja ihr dies und das erzählen, welches den Abend vorher, nachdem sie schon weggewesen, und den Morgen früh, zwischen ihnen war geredet worden, worunter manches scherzhafte sich befand, und das auf länger und kürzer Vergangenes in mannichfaltiger Beziehung stunde.
Woldemar sass da, – unterdessen heiter der Tag heranlichtete, – hinträumend über das alles; und fühlte, wie sehr er sich jetzt auf Henriettens Ankunft freuen würde, wenn er freien Mutes gegen sie wäre.
Diese Vorstellung nahm überhand, und wurde lebhafter mit jeder neuen Lichtung des himmels. – Endlich fiengen seine widerwärtigen Grillen ihm an so lästig zu scheinen, er musste sie so von ganzem Herzen verwünschen, dass er so gut als entschlossen wurde, sie, im Fall der Not, nur geradezu von sich abzuwerfen.
Er befand sich hiezu durchaus in der günstigsten Stimmung. Noch war die Stelle warm, wo Allwina ihr untadeliches Herz an das seine gedrückt hatte. Es war ihm da ein Anschauen von voller Liebe, von unverbrüchlicher Treue geworden, wovon seine Seele wie besessen geblieben. Und auch sein eigen Herz hatte er wieder stärker da gefühlt. Es hatte ihm gezeugt – es hatte, voll Entzücken, gegen Himmel geschworen, dass auf Menschen Verlass sei.
Und zu diesen Menschen sollte Henriette nicht gehören? seine Henriette? die Freundinn seiner Allwina?
Unsinniger Verdacht! – Anschwärzung, blosse Anschwärzung! – Eigendünkel, Eigensucht, Hochmut, tyrannisches Wesen, verkehrter Sinn mussten da im Spiel gewesen sein, die hatten ohne Zweifel ihn verblendet ihn betört!
Gefehlt – etwas gefehlt konnte sie immer haben. – War er doch selber auch nicht ohne Schuld. Und somit sollte alles aufgehoben, alles vergessen sein.
Gegen die Zeit, da er Henrietten erwartete, legte er sich ins Fenster, um ihr entgegen zu schauen. Es dauerte nicht lange, da sah er sie am Ende der Strasse um die Ecke kommen. Henrietten, da sie ihn erblickte, fing das Herz an stark zu pochen. Sie kam näher, sah sein heiteres Auge, sein wonnigliches Lächeln, und wusste nicht, ob sie ihren Augen trauen sollte. Als sie nächst dem haus war, grüsste er sie mit vertraulichem Nicken, sprang hinweg