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. Sie freute sich, ihn so wohl zu finden. Er brachte noch eine Weile in liebevollem Geschwätz mit ihr zu, eh' er sich zur Ruhe begab, und hatte keine schlimme Nacht; nur dauerte es ein wenig, bis er einschlafen konnte, und er war früh wieder munter. In Ansehung Henriettens sah' er nicht anders, als den Abend zuvor. Etwas weh musste ihm freilich das Herz noch tun von den vielen Leiden, die es erduldet; und auch regte sich darin noch dieser und jener kleine Vorwurf, hauptsächlich ihres Betragens halben am vorigen Tage, und wegen der Art, wie sie sich gegen ihn erklärt hatte. Entschuldigenzur Notkonnte' er auch dasnach dem Uebrigen; aber ein gewisser Unmut blieb in seiner Seele, der war nicht zu verdrängen.

Henriette eilte, gleich nach dem Frühstück ihn zu besuchen. Er sass bereits oben in seinem Cabinet. Da hörte er sie! hörtesie die Treppe hinauf fliegen, – und hin an sein Vorzimmer, – und die Tür öfnen und hinein rauschen, durch auf sein Cabinet zu. – Es war an seinem Herzenwie wenn ein Damm durchgeht. Unverwandt blieb er vor seiner Arbeit sitzen. Henriette fasste mit ihrer linken Hand seine rechte Schulter, und senkte sich hinüber vor ihn, und schaute ihm mit so freier, froher Liebe ins Gesicht, dass er davon ausser sich gesetzt wurde. Der ganze Himmel, den ihm das Mädchen geschaffen hatte, tat sich weit vor ihm auf; kaum widerstund er, sie an sich zu herzen und eine Flut von Tränen, die ihn drängte, über sie hinströmen zu lassen. Aber er hielt sich; ermannte sich zu heiterm blick und annehmlichem Lächeln, und tat einen Augenblick, als zweifelte er, sie umarmen zu dürfen. Indem hatte Henriette ihm schon die Wange gereicht. – Damit stand er auf und fing an sich freundschaftlich mit ihr über verschiedenes zu unterreden. Etwas fehlte doch, dass es nicht ganz im alten herzlichen Ton war. Woldemar merkte wie er je länger je mehr davon abwich; wie er sich immer weiter zurück zog; aber er konnte sich nicht zwingen anders zu sein. Ihn deshalben anzugehen trug Henriette Bedenken, zumahl da er allen Anlass durch ein freies ungezwungenes Wesen zu entfernen bemüht schien.

Sie sprachen eben von einer Reise, welche Allwina mit ihrer jüngern Tante vor hatte, als jene dazu kam. Diese Reise war beständig verschoben worden; sie liess sich weiter nicht hinaussetzen; übermorgen musste sie vor sich gehen. Hierauf brachte Allwina hundert Gründe herbei, warum Henriette ihr heute und den ganzen folgenden Tag nicht von der Seite weichen dürfte. Henriette sagte ihr noch hundert andre dazu, und ward, halb erstickt von Küssen, im jubel hinweg geführt.

Woldemar ging wieder an seine Arbeit, nahm die Feder voll Dinte, und setzte sie an, als ob sein Geist in der besten Bereitschaft sich befände, und ihn die Gedanken übereilten. Aber alles fand er getrennt in seinem Kopf, und je mehr er sich bemühte, seiner Zerstreuung abzuhelfen, je schlimmer ward es damit.

"Nun dann! – sagte er endlich zu seiner Phantasie, indem er die Arbeit wegschob und seinen Stuhl herumrückte, – nun, was ist's? Ich will es denn lieber einmal geduldig anhören und damit ein Ende!"

"... Dasund das daund dies und alles? das wusst' ich ja schon! das ist ja hin und her gedacht genug! – Was solls? – Henriette bleibt ein vortrefliches geschöpf, wenn sie mir auch noch weher getan, noch viel ärger gegen meinen Sinn gehandelt hätte. Ich brauche mich nur an ihre Stelle zu setzen, nur zu bedenken dass sie ein Mädchen ist, zu erwägen, was überdem unser beider Charactere für Verschiedenheit mit sich bringen: so kann ich sie über alles rechtfertigen; so muss ich sie durchaus entschuldigen. – Wer gefehlt hat, das bin ich; dass ich nicht früher dies in Betrachtung zog, – so in den Tag hinein lebte, als ob..."

Hier stockte Woldemar. – Er wollte fliehen vor dem Wetter, das ein ferner Blitz ihm verkündigte, – ein ferner Blitz und dumpfes unendliches Donnergerolle hinter ihm her. Aber wer kann sich erwehren umzublicken im Fliehen; und wen ereilts nicht?

Als ob!... Das war Täuschung alsodass wir Ein Herz, Eine Seele, – Eins in allem uns fühlten? Ich muss aus mir herausgehen, als aus einem Fremden, und mich in ihre Stelle versetzen! Versetzen! – Henriette ist mir ein anderer; Henriette ist wider mich. Hin ist unsre Einmütigkeit, unsre Eintracht: um ihr gut bleiben zu können, muss ich vergessen, wie ganz ich sie für meine Freundinn hieltwie ganz ich ihr Freund war; – – endlich das gefunden zu haben meinte, und darin ewigen Frieden mit den Menschen.

Woldemar dachte dieses nicht so klar, nicht ununterbrochen in dieser Folge; es wirrten sich nur seine Vorstellungen ungefähr auf solche Art und zu solchem Erfolge in einander, indem er ihrem Aufkommen und ihrer Verbindung mit Gewalt entgegen strebte. Die freieren Bewegungen seiner Seele würkten alle Henrietten zu Liebe; und am Ende, wenn sie auch nicht ganz die Oberhand bekamen, so blieb es doch dabei, dass sie ihnen gebührte, dass sie dieselbe haben müssten und sollten.

Von diesem Gemütszustande wurde seine Aufführung