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und Henriette in solchem Zustande, in solcher Lage? –Mit Qualen der Hölle folterte Beide dies in gleichem Maass.

Nachdem die Gesellschaft auseinander gegangen war, führte Woldemar Henrietten nach haus. Ihrem gepressten Herzen war so Not um Luft, und der Zwang neben Woldemarn fiel ihr so unerträglich, dass sie (in einer fremden Sprache) schon auf der Strasse anfieng sich ihm zu eröfnen, und so ununterbrochen fortfuhr bis hinein in ihr Cabinet. Sie fühlte nicht die mindeste Zurückhaltung mehr, konnte alles nach der Reihe jetzt klar heraussagen von Anfang bis zu Ende: was für hässliche Gerüchte entstanden sein; wie ihr dieselben zu Ohren gekommen; was sie dabei empfunden; was sich nachher in ihr zugetragen; was sie darauf an ihm beobachtet habe; – und nun den ganzen gegenwärtigen Zustand ihrer Seele .... "Dem Himmel sei Dank, fuhr sie fort, dass es noch eben zu rechter Zeit zu einer Erklärung unter uns gekommen ist; aber nun, lieber Woldemar, auch in unserm Leben keine wieder! Lassen Sie uns, was unser äusseres Betragen gegen einander betrift, einige Schritte rückwärts tun. Seit Allwina ihre Frau ist, und schon etwas vorher, haben wir unvermerkt angefangen, uns weniger in diesem Stück zu beobachten. Dies unschuldige Vergessen war so natürlich, es floss so unmittelbar und rein aus den Wendungen unserer Verhältnisse, aus unserer ganzen Lage, war so schicklich zu den Bedürfnissen von Allwinas Herzenwar durchaus so schön – O, ich freue michja, ich freue mich auch der Lästerungen, die über mich ergangen sind, weil sie mir dartun, dass ich gerade die Tugenden, welche die Verläumdung mir abspricht, in höherem Grad besitze; dass ich weit besser bin, einen viel höheren Rang habe, als ich selber wusste. – Doch dies gehört so eigentlich nicht hieher. – Aber genug, und es komme woher es wolle, wir geben Aergerniss; und dieser Vorwurf soll auf unserer Freundschaft, da sie dessen sehr wohl ohne sein kannwenigstens durch meine Schuld nicht haften. – O ich möchte auf jedweden den Seegen bringen können, dass ihm das Heilige, dass ihm die Unbeflecklichkeit einer solchen Verbindung offenbar würde. Vor allem ist mir daran gelegen, dass in meiner eigenen Seele nichts ihr Bild entstelle; und ich habe ihnen vorhin gesagt, was die verkehrten Urteile der Leute für eine Würkung auf meine Phantasie gemacht haben. Wenn es Schwachheit von mir ist, so haben Sie Nachsicht damit; ich bin kein Mann. Auch dem mann wird es nicht an Betrachtungen und Gründen fehlen, meinen Vorschlag zu genehmigen. Und so sei denn dies hiemit festgestellt. – Unsere Freundschaft ist zu tief gegründet, und zu wohl bewährt, als dass ich mich nicht der Anmerkung schämen sollte, dass sie nicht den mindesten Abbruch hiebei zu befürchten habe; was geht sie im grund dies alles an?"

Hier zog Woldemar seine Uhr aus der tasche: – "Schon so spät!" sagte er, seinen Sitz verlassendund indem er mit dem Hut in der Hand auf Henrietten zurück kam. – "Ich werde mich Ihren Wünschen gemäss verhalten, liebe Henriette. Alles, was Sie mir gesagt haben, war mirteils neu, teils ganz unerwartet. Sehr gut, dass Sie sich gegen mich äusserten; ich begreife Sie vollkommen, und habe nichts einzuwenden; wie gesagt, Sie können sich darauf verlassen, dass ich mich nach Ihren Wünschen fügen werde." – Er reichte ihr die Hand: "Ich muss eilen; schlafen Sie nun recht wohl, meine gute Henriette!" – Sie bot ihm eine Umarmung, die er annahm, aber etwas frostig; und damit wie ein Blitz zur Tür hinaus, und die Treppe hinunter.

über alles was Henriette gesprochen, hatte er, während dem Anhören, wenig bei sich festsetzen können; er war lauter Verwirrung gewesen, lauter Verlegenheit, wie er sich äussern sollte, im Fall er sich dazu gezwungen sähe; und darum war er so schnell entwichen.

Vor dem haus blieb er einige Augenblicke stehen. – "Ach! all die Liebe in seinem Herzen! – All die Liebe die er genossenin grenzenlosem Vertrauen! – All der Friede! – so angefochten?... gewogen! – gewagtder Zerrüttung ausgesetzt!"... Dann lief er schnell die Strasse hinab, die folgende eben so, und weiter bis auf den Platz vor der Pfarrkirche, – da hielt er.

Hier, im Freien, breitete er sich, rund um, der Luft entgegen. – Die Stille der Nacht wollt' er haschenund den Raum der Himmel.

Er fühlte Erquickung. Gelassenheit und Ruhe gingen, wie Sternenhelle, in seiner Seele auf. Und nun hatte er Mut, Henriettens ganzen Vortrag sich zu wiederholen.

Woldemar fühlte die mehreste Zeit lebhafter, was andre anging, als was ihn selber betraf; nichts war leichter, als ihn zu seinem eigenen Nachteil einzunehmen. Diese ungemeine Guterzigkeit verläugnete sich auch in dem gegenwärtigen Falle nicht. Die Vorstellungen seiner Freundinn hatten Eindruck auf ihn gemacht. Indem er sie von neuem ernstlich überdachte, wurde er allgemach in Henriettens Partei hinübergezogen; er setzte sich ganz an ihre Stelle, und vertrat sie mit solchem Eifer, dass ihre Sache bald anfieng ein unverwerfliches Ansehen zu bekommen. Nun wanderte er getrost nach haus, wo ihn Allwina mit Schmerzen erwartete, weil er sie wegen seines Befindens in sorge gesetzt