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zu haben schien, von jeder Empfindung den höchsten Ton in vollem Klange anzugeben. Aber nun, ganz neuerlich, hatte sie angefangen etwas stutzig zu werden. Das konnte nicht ausbleiben, zumahl bei dem Gemütszustande, worinn wir sie erblickt haben. – Woldemars Begegnungen mussten die Peinlichkeit desselben vermehren, und da sie je länger je zudringlicher wurden, nach und nach in der Seele des Mädchens eine geheime Empörung zuwege bringen.

Henriette wusste nicht wie ihr geschah. Bisher hatte sie ihrer Freundschaft für Woldemarn weder Maass noch Ende gewusst; nicht der entfernteste Gedanke an dergleichen war ihr je in die Seele gekommen: und nun auf einmalWas? – Es liess sich nicht ausdenken. – Schranken! – Grenzen! – Einer solchen FreundschaftWoldemars und Henriettens Freundschaft! – Grenzen? – Schranken? – Wie? Warum? Welche? – Sie glaubte von Sinnen zu kommen.

Sie fühltemit unendlichem Zagen, dass sie ihrem Woldemar sich offenbaren musste. – Ja, sie wollte! – Aber in fürchterlichen Finsternissen lag ihr Entschluss. Da kam unversehens gelegenheit und Augenblick, und drängte sie zur Tat.

Es war in Woldemars haus auf einem Gastmahl. Henriette befand sich in der höchsten Spannung, und kaum wollt' es ihr gelingen, indem sie alle ihre Kräfte zusammengerafft hielt, die Bedrängnisse ihres Herzens zu verbergen. Woldemar fuhr zusammen von ihrem Anblick, suchte aber seine Befremdung durch einen desto wärmeren Empfang unmerklich zu machen; aber starr sanken darauf seine arme an ihr herab. Henriette fühlt' es, und beide überlief es kalt. Woldemar sah sie anund wieder anund wiederbis Schwindel und Blindheit ihn zwangen abzulassen. – "Verloren! verloren! schrie's in seiner Seele, verloren!" – Er hatte sich umgekehrt und stand am entlegensten Fenster, sein Gesicht an eine Scheibe geheftet, und sah gerad auf gegen Himmel. Sein Bruder und Caroline, die zu ihm traten, und sich nach seinem Befinden erkundigten, und seine Gäste, die nach einander ankamen, erlaubten ihm nicht in dieser Stellung zu verweilen. – Er hätte sein Leben gewagt, um einige Minuten mit Henrietten allein zu sein. – Henriette litt Todesangst. – Auf einmal ging sie auf ihren Freund zu: "Lieber Woldemar, sagte sie zu ihm, indem sie ihm die Hand drückte, nicht wahr, wir haben etwas mit einander zu reden? Auf den Abend! Nur bis dahin, Lieber, sei ruhig!" – Diese Worte, noch mehr die liebevolle Miene, welche sie begleitete, erhellten Woldemars Gemüt auf einige Augenblicke; aber kaum dass er recht zu Gedanken darüber gekommen war, so kehrte seine Unruhe desto unerträglicher zurück. sehnsucht, Erwartung und Furchten trieben ihn bis zur Verwirrung umher. – "Es war also richtig, Henriette hatte etwas auf dem Herzen; – etwas, das ihn anging: – sie hatte es schon so lange auf dem Herzen gehabt; schon so lang ihm verheimlicht: was konnte' es sein?" – Er verwickelte sich je länger je mehr in diesen Vorstellungen, dass er kaum mehr inne wurde, was um ihn her geschah, sondern unablässig mit Forschen an Henriettens Augen, an ihren Mienen und Geberden hieng. Henriette wurde äusserst verlegen; Woldemar, der ihren Unmut beobachtete, desto verwirrter. Seine Zerstreuung stieg aufs höchste, und nun begab sich alle Augenblicke etwas, dass sie ihm selber auffallend machte. Er erschrack darüber, und begann in der Angst allerlei, um sich zu helfen: er wurde laut; warf mit witzigen Einfällen um sich; unterbrach bald hie bald dort ein Gespräch; trank, halb in Gedanken, halb mit Vorbedacht, von verschiedenen Weinen, und in weit grösserer Menge als er gewohnt war. Diese gewaltsame Erheiterung, bei dem ganz entgegengesetzten Gemütszustande, worinn er sich eigentlich befand, brachte ihn vollends aus aller Fassung. – Man ging von Tische, und es ward immer ärger mit ihm. Seine Phantasie glühte; – sein Herz zerrann. – Er wusste nicht zu bleiben vor all dem Widersinn, der sein Wesen von allen Seiten auseinander trieb.

Henriette, voll Bekümmerniss, sah sich oft verstohlen nach ihm um. Von ungefähr, bei einer schnellen Wendung, begegnete sein Auge einem solchen blick; da flog er auf sie zu, fasste ihre Hand, und stand einen Augenblick vor ihr, als ob ihn die Seele verlassen wollte. Henriette erschrack bis zum Erblassen: – "Allwina winkt mir" – sagte sie und sprang ihr an die Seite. Woldemar durchkreuzte einigemahl den Saal; dann kam er wieder geradezu auf Henrietten; zog sie beiseite: "Ich muss, sagte er, ich muss gleich diesen Augenblick mit Ihnen reden; kommen Sie mit." – "Das kann nicht sein," erwiderte Henriette mit einem äusserst gefassten Ton; "auf den Abend, sagt' ich Ihnen; dabei bleibt's"

Woldemar glaubte in ihrer Miene etwas von Verachtung wahrgenommen zu haben, und ging mit zerrissenem Herzen davon.

Der Rest des Tages war für beide entsetzlich. Woldemar strengte sich bis zur Ohnmacht an, und konnte dennoch seine Bewegungen nicht alle zurückhalten. Henriette zitterte von Augenblick zu Augenblick, dass Woldemar sich noch sichtbarer vergessen möchte; es däuchte ihr schon lange, alle Anwesenden sein heimlich nur mit ihm und ihr beschäftigt. – Undweiter hinausder Ausgang! – das Ende! –Und ohne weiteresan sich die blosse SacheWoldemar