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mit Woldemar vermählt. – Das konnte unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein! Es musste etwas dahinter stecken: und nun hatten sie keine Ruhe, bis sie das wahrscheinlichste nach ihrem Begriff herausgebracht.

Man kann sich die Vermutungen, die da zum Vorschein kamen, nicht ungeheuer genug denken. Am ärgsten wurde Henriette misshandelt; nicht, dass man ihr vorzüglich gram gewesen wäre, sondern weil bei ihr das Wahre den guten Leuten am weitesten aus dem Wege lag. Selten habenauch die schlimmsten Verläumdungen eine andre Quelle: es ist nur, dass die guten Leute nach Maassgabe ihres Sinnes, Herzens und Verstandes urteilen; dass sie ihre eigentliche Meinung entdecken, nach bestem Gewissen.

Auf diese Weise geschah es, dass unsere Henriette den Gram erfuhr, ihr Heiligstes in den Kot treten zu sehen. Ihre Freundschaft mit Woldemarn wurde auf die schnödeste Weise gelästert; ihre Unschuld mit Schmach angetan ... – Ich habe sie gesammelt in der Stille meiner Seele, die Tränen des Engels, und ich zitterte, dass Eine von den meinigen sich darunter mischen möchte: – sollt' ich sie ausgiessenvor einer Menge voll Unreiner, die ich nicht wert hielte nur die meinigen zu sehen; – Euch sollt' ich mit keuscher jungfräulicher Tränemit der Weihe der Unschuld besprengen!

Feig war das Mädchen nicht; Tugend lässt es nicht sein. Henriette blieb dieselbige in allen ihren Handlungen, in ihrem ganzen Betragen: aber in dem Grade vermochte sie ihre Einbildung nicht zu beherrschen (und sie wäre lange kein so herrliches geschöpf gewesen, wenn sie das gekonnt hätte) dass ihr dabei nicht sehr oft die verkehrten Urteile der Leute vorgeschwebt und ihr einen Schauder durchs Blut gejagt hätten. Ihr geheimer Schmerz ward dadurch vergrössert, und unvermerkt schlich sich einiger Unwillen gegen sie selbst, und ihm nach Bitterkeit gegen die Menschen in ihr Herz; das bis dahin den reinsten Frieden genossen hatte.

Woldemar hatte von allen denen Verläumdungen, welche zu B. herumgeflüstert wurden, wenig erfahren, weil er von den Einen zu sehr geliebt, und von den Andern zu sehr gefürchtet war. Jedermann wusste, dass er Dinge dieser Art mit einem fürchterlichen Grimm empfand, und dass sein Hohn verzehrendes Feuer war. Den Nichtswürdigen auszuweichen, sich um ihrentwillen zu bequemen, oder Wege der Klugheit einzuschlagen: – das spie er an; in allen solchen Fällen war seine ganze Seele lauter Trotz. Ueberhaupt fühlte er seine Stärke, und brauchte zu seinem Recht gerne Gewalt.

Was sich mit Henrietten zutrug, entging eine Zeitlang seiner Beobachtung; und als ihn endlich däuchte, er nähme etwas verändertes an ihr wahr, besonders in Absicht seiner, da suchte er sichs auf alle Weise auszureden. Er war seit dem Vorfall nach der Entdekkung, die ihm Luise gemacht, äusserst schüchtern, und gegen sich selber misstrauischer als jemahls geworden; aber eben das musste seine Aufmerksamkeit, da sie einmal gereitzt war, nur in desto stärkern Trieb setzen. Selbst indem er darauf bedacht war sie abzulenken, stellte er, wider seinen Willen, Beobachtungen an; und so geriet er, immer unwillkürlich, endlich dahin, dass er seine Freundinn bald hie bald da auf die probe setzte. Verschiedene dieser Proben fielen so aus, dass seine Bemerkungen dadurch bestätiget schienen. "O, das wollt' er nicht! falsch sollten sie befunden werden, durchaus falsch; – sie mussten esbeim Himmel, sie mussten!" – Der Unglückliche stand am Abgrunde der Verzweiflung, und durfte nicht einmal fürchten. –"Keine sorge! rief er schwindelnd, keine sorge! Bei allem was heilig ist, ich bin nur ein Tor! – Gott weiss, ich bin nur ein Torund es wird offenbar werden!" – So drang er immer weiter voran; ging unablässig hin und her in dem Nebel der zwischen ihm und seiner Freundinn aufgestiegen warob er nicht verschwände? Zuweilen, nah' bei, da schien er weg zu sein; – einige Schritte davon, ach, da war er wieder! Dann schwoll ihm das Herz bis zur Beklemmung; und was er begann um des Dranges los zu werden, war alles eitel; bis etwa ein Ausbruch von Zärtlichkeit und Wehmut in Henriettens Armen ihm wieder einige Erleichterung verschafte.

Schon vorher, nämlich seitdem er das geheimnis von Henriettens Gelübde erfahren hatte, war mehr Lebhaftigkeit, aber damit auch, von seiner Seite, mehr Ungleichheit in seinen Umgang mit ihr gekommen. Alle seine Empfindungen für sie waren bei diesem Vorfall ausserordentlich erregt und in eine Art von Gährung gesetzt worden; und (wie einem, dem ein teures geschöpf, das seine ganze Wohlfart trägt und bindet, in Gefahr schwebt) fühlte er jetzt doppelt ihren Wert und all seine Liebe für sie. Da ergriff er sie dann manchmahl und schlang sie fest und immer fester in seine bebenden arme. – "Du bleibst mir doch, Henriette? sagte er zu ihrich verliere Dich nie? – nicht wahr, ich verliere Dich nie? – Tausend todeher als Dich missen! – O, Du weisst nicht, wie an Dir mir alles hängt, wie an Dir mir so alles gelegen sein muss, und was das für eine Liebe ist, mit der ich Dich liebe!" – Henriette liess ihr ganzes Herz ihm hierauf die Antwort geben. Es fiel ihr nie ein, dergleichen ungewöhnliche Bewegungen ihres Freundes einer andern Ursache, als seiner gegenwärtigen Lage zuzuschreiben, welche alle saiten seines Herzens gestimmt