den folgenden Tag zu Ende. Es war schon nach Mitternacht, als Woldemar aufstand und nun zu Bette gehen wollte. Stehend fiel ihm ein Zug von Henrietten ein, den er noch eben erzählen musste. Er bemerkte, dass Luise ganz ausserordentlich davon getroffen wurde, und fragte nach der Ursache. Sie veränderte die Farbe bei seiner Frage; und da er zu bitten anfieng, schossen ihr Tränen über die Wangen. Woldemar wurde dringender; aber Luise konnte ihn nicht befriedigen, ohne ihm zu entdecken, was sich bei ihres Vaters tod zugetragen hatte; denn in der genauen Beziehung, welche das von Woldemarn erzählte hierauf hatte, lag die Ursache ihrer Erschütterung. – "Es ist unmöglich, sagte endlich Luise, dass ich Ihnen willfahre; es sei Ihnen genug, dass Sie Henrietten nie zuviel lieben, nie zu sehr verehren können; dass Sie mehr Grund dazu haben, als Sie selbst wissen." – Diese Worte machten Woldemarn nur noch aufmerksamer; er war durch nichts mehr zu stillen, flehte unablässig, und drohte endlich, dass er durch Henrietten selbst das geheimnis schon herausbringen wolle. Kurz, er setzte der armen Luise von allen Seiten so lebhaft zu, bis sie, halb aus Furcht halb aus Treuherzigkeit, nachgab, und ihm alles offenbarte.
Woldemar brachte die Nacht in seinem Sessel zu. Eh' er sich dazu versehen, hatten schnell seine Gedanken sich so gehäuft, und sich so vielfältig durcheinander geschlungen, dass er wie erstarrt davon war. Seine Henriette weniger hochschätzen, weniger lieben – konnte er um alles, was er jetzt erfahren hatte, nicht; er musste viel eher sie bewundern, ihr Dank wissen; und doch fühlte er, dass er unzufrieden mit ihr war. – Unzufrieden mit Henrietten! – Er erschrack vor dieser Vorstellung: – Und warum unzufrieden? – Durft' er es wohl jemandem sagen? – Konnte er's nur sich selbst erklären? – "Es ist die erste Befremdung; (sagte er zu sich) morgen werde' ich ruhig sein" – und wollte aufstehen und sich zu Bette legen. Aber schnell kam wieder eine neue Gedankenreihe, die ihn fasste und niederhielt: – "Mir entsagt – feierlich – heimlich! –Ihr Vater, ihre Geschwister vermochten sie dahin zu bringen! – Sie hat ein geheimnis mit ihnen gegen Woldemar! – O, ich bin ihr nicht was ich dachte! – Henriette ist nicht. ... Er fuhr in die Höhe – wieder zurück – wusste nicht zu bleiben."
Der Morgen graute schon, da legte er sich. Der Kopf schmerzte ihn entsetzlich, es kam Schwindel dazu, und so schlummerte er endlich ein. Gegen Mittag stand er auf, sehr abgemattet, aber um vieles heiterer, und gefasst genug, um Luisen gänzlich die Ursache seiner Unpässlichkeit verbergen zu können. Er schalt sich je länger je ernstlicher über seine ausschweifende Empfindlichkeit, und gab ihr allerhand gehässige Nahmen. Viel lieber wollt' er sich der verkehrtesten Eigenliebe – als seine Henriette einer Sünde gegen die Freundschaft schuldig finden. Es gelang ihm endlich die Gefühle seiner ersten Aufwallung zu unterdrücken; und er reiste fest entschlossen nach Pappelwiesen zurück, sich von nun an die Sache ganz und auf immer aus dem Sinne zu schlagen. Bei seiner Ankunft nahm die einzige Henriette etwas verändertes in seinen Zügen wahr. Er schob es auf die Unpässlichkeit, wovon er überfallen worden; doch gestand er zuletzt: einer von seinen bösen Geistern wäre einmal wieder über ihn gekommen, hätte aber keine Stätte gefunden.
Die Freude, seine Allwina, seine Henriette wieder zu sehen, war ihm noch keinmahl so warm durch Herz und Adern gelaufen; es kam ihm vor, als nähm er zum erstenmahl wahr, dass er so sehr geliebt sei. Tief in sein Innerstes ging das sanfte Forschen seiner Freundinn mit Blicken und Liebkosungen: – ob etwas seine Glückseeligkeit störe? – ob sie's nicht von ihm nehmen könne? – für ihr Glück, für ihr Leben – für den Tod ihrer Seele? – Woldemar ertrug's kaum. Der Zustand, worinn er sich zu B. befunden, schien ihm jetzt zu Pappelwiesen so töricht, ja so rasend, dass er vor Scham und Reue zu vergehen meinte. Wär' es nicht um Luisen gewesen, er hätte alles entdeckt. – Er warf sich seiner Freundinn in die arme: – "Engel, rief er mit beklommener stimme, – wie Du mich liebst! – Ich verdien' es nicht; ich habe kein Herz das zu lohnen." – Dennoch überfiel ihn nachher wieder dann und wann auf eine unangenehme Weise der Gedanke an Henriettens Gelübde – an das geheimnis zwischen ihr und ihm; und es gab Augenblicke, wo es ihm bis zur sichtbaren Unbehaglichkeit beschwerlich wurde.
Sie verliessen erst im November das Land. Von Allwinas Verheiratung war zu B. nicht das mindeste ruchtbar geworden. Die Frage war dort schon lange gewesen, lange vor Hornichs tod, welche von beiden – ob Allwina oder Henriette Woldemars gattin werden würde? Aber nach vielem emsigen Gewäsche war nun seit kurzem so gut als ausgemacht, man werde gleich nach der Trauer erfahren, dass Henriette die Braut sei; und so konnten die guten Leute bis dahin andre Sachen sich angelegen sein lassen. Sie gerieten ausser sich vor Bestürzung, die guten Leute, da sie jetzt so ganz unversehens mit der Nachricht überrascht wurden: Allwina sei – nicht erst die Braut – sie sei wirklich seit sechs Monaten schon