gelüstet als geliebt sein; lieber gepriesen als hochgeschätzt."
Sie schwieg. – Ihr Auge senkte sich ein wenig; – öfnete darauf sich wieder: – – Es verklärte sich ihre ganze Gestalt. – Dann hub sie an, in himmlischen Tönen, die Wonne einer schönen Seele zu verkündigen: ihre Stille, ihren Frieden, ihre Demut und ihre Stärke. – Keine von den Musen hat so gesungen! Es floss durch alle meine Sinne, und ich fühlte Göttliches Wesen in der Tat und in der Wahrheit.
Das Mädchen war mir heilig geworden in dieser Stunde. – – Wir näherten uns einander von Tage zu Tage mehr; und von Tage zu Tage wurde die Entzündung einer gemeinen Liebe unter uns unmöglicher. Der blosse Gedanke daran wäre zuletzt mir ein Gräuel gewesen; ein Gräuel wie von Blutschande. – Jener blöde Entusiasmus, den wir Platonische Liebe zu nennen belieben, konnte eben so wenig mich anwandeln; ich war ihm nie ergeben; und Henriette, die ErzWidersacherinn von aller Schwärmerei, hätte diese keinen Augenblick an mir geduldet. Wir wurden Freunde, im erhabensten Sinne des Worts; Freunde, wie Personen von Einerlei Geschlecht es nie werden können; und Personen von verschiedenem, es vielleicht vor uns nie waren. Darum lässt sich auch von unserem Verhältnisse so wenig bedeuten.
Wir dachten an nichts; als ihr, untereinander, eine Heirat zwischen uns, fast unwiderruflich beschlossen hattet. Die Eröfnung dieses Anschlags beschleunigte meine Verbindung mit Allwinen, die sich längst, ganz in der Stille bereitet hatte, und auch, ohne jene Veranlassung, durch Henrietten jetzt bald zur Würklichkeit würde gebracht worden sein. – Henriette war für mich so wenig Mädchen als Mann; sie war mir Henriette, – die Eine einzige Henriette: und es wäre gewesen, als hätt' ich sie verloren, als hätt' ich sie zu grab gebracht, wenn in Absicht ihrer in meiner Vorstellung irgend eine Verwandlung hätte vorgehen müssen, – in unserem Sein, in unserem Tun und Wesen irgend eine Veränderung. – Nicht so Allwina. Ich fühlte oft nur zu lebhaft neben ihr – dass wir mit uns zweien waren, – sie, Mädchen, und ich, Mann. Sie war mein Urbild von reinem weiblichen charakter; durchaus angelegt zur gattin und zur Mutter; der Ausbund ihres Geschlechts. – Ich nahm sie mit Freuden; sie mit Freuden mich: ich war, entschieden, für sie der einzige Mann, sie, entschieden, für mich das einzige Weib.
Was ich aber gar nicht vorausgesehen, auf keine Weise geahndet hatte, und doch so natürlich erfolgen musste, war ein neuer Zuwachs von Freundschaft zwischen Henrietten und mir. Allwina, als ich um sie warb, hatte hundertmahl ihre Freundinn gefragt: "Aber würde hernach auch Woldemar noch eben das für Dich sein?" – Hatte mich hundertmahl gefragt: "Aber Henriette – würde Henriette nicht dabei verlieren?" – Wir hatten beide die Frage auf sie zurückgewendet: Ob Sie vielleicht in ihrem Herzen fühle, dass sie nachher weniger an ihrer Freundinn hangen würde? – "Ach Himmel!" rief sie dann, "was für ein Gedanke"! – Dennoch behielt sie eine geraume Zeit ihre sorge, und konnte nicht genug Versicherungen vom Gegenteil erhalten. Jeder blick, den ich Henrietten gab; jede Zärtlichkeit, die ich ihr bewies; jede Liebkosung, die ich ihr machte – war eine Wohltat für meine betretene Allwina: sie hüpfte dann vor Freude; fuhr mir an den Hals und wollte mich erdrükken. Wie mir dabei im Herzen geschah; was aus uns allen dreien in einem solchen Umgang werden musste – kannst Du Dir leicht vorstellen, und hast es, zum teil, gesehen. – Wir wurden je länger je vertraulicher untereinander. Jene äusserliche Zurückhaltung, die Henrietten und mir, als zwei unverheirateten Personen, die keine Blutsfreunde sind, gegen einander oblag, durfte nunmehr wegfallen, und tat es sehr bald: wir wurden Bruder und Schwester, – ganz, und wie von Mutterleibe an. – Allwina weinte oft vor Freude, und ich selber fühlte mich kaum vor Wonne; wusste nicht, was mir widerfahren war. Aufgeregt war all mein Wesen, und dabei meine Seele doch so still, mein Geist so helle! ... – Die frohe, freie, volle Liebe war es; die hatte dies alles getan! Sie hatte bis in den Grund mich erschüttert; und erwecket, an sich gezogen jedes ihr ähnliche Gefühl, wie tief es schlummern mochte; hatte so erneuet, vervielfachet alle meine besten Kräfte; unaussprechlich mein Dasein erhöhet; ein Leben, wie von Ewigkeit, in meine Seele gebohren. – – Glücklich, o, glücklich der Mann, dem endlich die Liebe seinen Lohn gibt; den sie zu sich erhöhet; den sie vollendet!
Bester, Komm! – Mit Einem Mahl entsinkt die Feder meiner Hand – – komm! – – – Ich ringe Dich in meine arme – drücke, presse Dich an mich, und mir ist, als senkt' ich mein Herz in Deinen Busen.
Biedertal an Woldemar
Den 3ten September.
Es fehlte wenig, mein trauter Lieber, so hättest Du auf Deinen herrlichen langen Brief keine Zeile Antwort bekommen. Es lässt sich auf einen solchen Brief hier nicht antworten; nur ihn hier zu lesen ist beinah Sünde. Gott bewahre Dich, dass Du je unter diese schaalen, verzerrten, aufgeblasenen, flitterköpfigen Menschen geratest! Ich habe mir manchmahl vorgestellt, wie Dir