haften; wären keiner eigentlichen entschlossenen Geduld fähig; wären, ausser sich und in sich, ewig zerstreut. – Wie mit ihrem Denken, so sei es, natürlich, auch mit ihrem Empfinden beschaffen; ja, aus Ursachen, mit diesem noch etwas schlechter, u.s.w. – – Henriette widersprach nicht sonderlich: ich möchte wohl nicht so Unrecht haben, sagte sie; sie habe über Denken und Empfinden nie sehr tiefe Betrachtungen anstellen können; überhaupt sich wenig den Kopf zerbrochen, sondern in jedem vorkommenden Fall das Nötige überlegt, und, wie ungelehrte Leute pflegten, nach gelegenheit und Umständen gehandelt.
Unterdessen sah ich häufig die Lose mich an Einsicht weit übertreffen, so, dass ich wie dumm vor ihr da stand, und nicht selten fühlte ich in meinem Herzen mich durch das ihrige beschämt.
Wir waren Freunde, ehe wir es dachten, und eh ich noch das Vorurteil recht überwunden hatte, dass es mit dem weiblichen verstand und mit der weiblichen Empfindung, über einen gewissen Grad hinaus, nichts als Betrug und Täuschung sei.
Nun aber stunde mir das Gegenteil vor Augen; ich sah meinen Irrtum, und begrif ihn doch nicht: bis ich durch Henrietten von ungefähr zum Aufschluss gelangte.
Wir waren in Allwinas Garten, und untersuchten sehr scharf an den verschiedenen Kirschbäumen, den verhältnissmässigen Wert ihrer Früchte. Wo wir zweifelten oder verschiedener Meinung waren, da entschied Allwina; und sobald hatte sie nicht den Ausspruch getan, als wir mit ihr Eins wurden. – "Wer ein Paar Tage Hunger und Durst gelitten hätte," sagte unversehens Henriette, "und käme über diese Bäume!" – Himmel! rief ich, und sah ganz entzückt aus.
Henriette lächelte: Wie der Mann die Stillung einer heftigen Begierde neidet, sagte sie, und gleich alles angenehme, liebliche, köstliche dafür hingäbe! – Oder, glauben Sie, Woldemar, dass Sie, mit jenem grimmigen Hunger und Durst, den Geschmack dieser Früchte, ihre süsse Labung so wie jetzt empfunden hätten? Ihr Vergnügen wäre mehr blosse Stillung eines Schmerzes gewesen, als eigentliche Wollust, und kaum hatten Sie erkannt, was Sie hinuntergeschlungen.
Ich gab das zu.
Also, hub sie an, wären die Freuden des Gaumens wohl im grund eben so wenig für den Heisshungrigen, als für den Uebersatten; und der mässig gereitzte allein genösse sie wirklich und lauter?
Ich wusste nicht was sie wollte, und gestand es abermals.
Sie fuhr fort: – Ich habe Sie Weine versuchen sehen, mein lieber Woldemar; da warteten Sie nicht eine Stunde des Durstes ab; auch reitzten Sie nicht vorher durch scharfe speisen ihre Zunge; sondern Sie wollten mit frischem mund, und, dass ich so sage, in einem ganz begierdenlosen Zustande sie kosten. – Was meinen Sie, mein Freund, sollte man von hier aus nicht weiter gehen, und mit Sicherheit behaupten können: dass ein gewisser Mittel-Zustand; ein Zustand, worinn die Kräfte des Menschen wie in nüchternem Erwachen, frei und unbefangen sind: für ihn auf alle Fälle, so wohl zum Genuss als zur Wahl die schicklichste Fassung sei?
Nun, antwortete ich lachend, wir machen ja ein ordentliches Platonisches Gespräch; und da Sie den Sokrates vorstellen, so warten Sie, dass ich meinen Bleistift nehme, um Ihre Reden aufzuschreiben.
Schreiben Sie nur, erwiderte Henriette, ich will sehen, dass ich fortrede, ohne Antwort von Ihnen zu bedürfen.
Damit fing sie an, und brachte, mittels eines kurzen Ueberganges, mein System von den Mängeln des Weiblichen Characters auf die Bahn. Sie zeigte, dass diese Mängel zusammen, am Ende nur auf Einen Hauptmangel, auf den Mangel – an sinnlicher Begierlichkeit hinausliefen: Und sie bewies, dass eben dieses Mangels wegen das weibliche Gefühl weit reiner, schärfer, vollkommener sei als das männliche; die wahren Eigenschaften der Dinge, ihren innerlichen und verhältnissmässigen Wert zuverlässiger unterscheide; dass endlich, und eben dieses Mangels wegen, in einer weiblichen Seele jede schöne Bewegung leichter hervorkomme, ungehinderter und dauerhafter würke.
"Da alle wichtige Geschäfte des Lebens in Euren Händen sind," fuhr sie fort, "so habt ihr mehr Uebung, mehr Erfahrung, (des sorgfältigen Unterrichts zu geschweigen, den ihr von Kindesbeinen an geniesst): – Aber bei Gelegenheiten, wo Euch alles dies verlässt; wo ihr mit uns in gleichem Fall Euch befindet; wer von uns sieht da richtiger und weiter; wer ahndet tiefer und schneller? ..."
"Neben Euren andern Sinnen habt Ihr auch ein Herz, und seid der edelsten Entschlüsse fähig. Ich will sogar Euch zugeben, wenn Ihr wollt, Euer Herz sei grösser, als das unsrige. Was hilft es, wenn seine stimme durch den Tumult Eurer Begierden beständig unterdrückt wird? – Dass Ihr irgendwo in alleiniger Rücksicht des edlen und Schönen handeln solltet; und Euren Leidenschaften entgegen: daran ist nicht zu denken: leidenschaft muss überall Euch unterkrükken, – selbst in der Freundschaft: Wo Ihr nicht eifert, da seid Ihr kalt und tot!"
"Hingegen ein Weib. ... Aber das begreift Ihr nicht, das seht Ihr nicht, – das lästert Ihr sogar; – lästert, weil Ihr selber nur nach Lust schnaubet; ohne die Brille der Begierde keine Schönheit wahrnehmen; ohne Zwang der leidenschaft Euch an niemand hingeben; in ihrem heftigsten Rausche nur Euch selber ausser Acht lassen könnt: – lästert, weil Ihr lieber mögt