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Kindheit an in jener reinen Vertraulichkeit miteinander geblieben, welche nur mit Unschuld bestehen kann, und die Reinheit der Seele am sichersten bewahrt. Herzen, die immer offen gewesen, in denen der Friede eines guten Gewissens nie unterbrochen worden, erstarren vor dem blossen Schimmer einer Versuchung, fangen im Gegenteil, wie Zunder, alles Edle und Schöne, und können eine Festigkeit im Guten beweisen, die oft allen Glauben übersteigt. Caroline und Luise hatten neben ihren übrigen Vorzügen auch eine schöne Bildung: Henriette war nicht das, was man schön nennt, vielmehr hatte sie etwas an sich, das von ihr zurückhielt, besonders im Gesicht jene Wachsamkeit und klarheit, der wir so übel wollen und so gern einen bösen Nahmen machen; aber eben darin lagen Züge, welche denjenigen, der sie erkannte, mit tiefem Gefühl und eigener Kraft des Geistes überraschten. Ihr blick war rein und eindringend, und ging von Seele zu Seele. Ihr Vater hieng an ihr wie bezaubert, und er scheute das Mädchen: einer eigentlichen achtung sind Leute von seiner Art nicht fähig. In Dorenburgs und Biedertals haus wurde sie angebetet. Die jungen Weiber setzten in ihr gleichsam noch ihr jungfräuliches Leben fort; sie stellte ihnen ein so süsses Bild der Vergangenheit dar, erinnerte sie an alles so lebhaft, dass es ihnen kaum einfiel, dass ihnen etwas verschwunden sei; nie war die Schwester ihnen so teuer gewesen. Henriette auf ihrer Seite kostete in ihren Schwestern die Wonne der gattin, der Mutter, der Vorsteherinn einer frölichen Schaar von Genossen; und welcher Wonne hält diese nicht die Wage? Wer ist glücklicher, als ein munteres Weib, das mit zärtlicher sorge an seinem mann, mit heisser Liebe an seinen Kindern hängt? – Geist und Herz in ihm bleiben in immerwährendem Triebe; seine süssen Leidenschaften erneuern sich mit jedem Augenblick, und werden in jedem Augenblick befriedigt. So ward auch Henriettens Seele durch Mitgefühl in beständiger Bebung erhalten; und Mitgefühl schwingt sich, in hundert Fällen, höher als eigenes. Mann, Weib und Kinder, jedes in beiden Häusern, wollte Henriettens Freude sein; sie sollte jede Lust, nie eine Beschwerde teilen; aber Henriette wusste sich schon hinzuzudrängen, wo es Beistand galt, und ihr Beistand war voll geheimer Kräfte; ihre Gegenwart machte jede Arbeit zum fest; und waren's Widerwärtigkeiten, so verschlang die Liebe, die Dankbarkeit, die sie einflösste, die Hälfte des Kummers.

In ihres Vaters haus hatte sie freie Hand. Der Alte war nicht sowohl geizig, als nur gierig; und da Henriette verschiedene Heiratsvorschläge abgewiesen und dabei geäussert hatte, sie wolle bei ihrem Vater aushalten, so glaubte er für eine so treue Verpflegerinn nie zuviel tun zu können. Es gibt wenig Menschen, in denen nicht durch Langmut und Huld einiger Geschmack an liebenswürdigen Neigungen erregt, und nachher diese Neigungen allmählich verstärkt und vermehrt werden könnten. Der alte Hornich erfuhr eine solche Verwandlung, ohne dass er weiter etwas davon merkte, als dass seine Henriette so gut mit ihm umzugehen wisse, dass er nun erst des Lebens froh werde. Meine Bekannten, sagte er zuweilen, wünschen ihre Jugend zurück; mir ist mein Alter lieber: wie sauer hab' ich es nicht sonst gehabt, und wie gut hab' ich es jetzt? Sein ganzes Hauswesen hatte sich nach und nach verändert. Vormals glaubte er auf jede unschuldige Lustbarkeit, die er doch zugab, wenigstens schmälen zu müssen, und wirklich schien ihm jede Freude verdächtig, so wie jeder Notleidendeund wie alles Schöne. Nun wollte er, dass seine wohnung an Annehmlichkeiten die Wohnungen seiner Schwiegersöhne überträfe; in nichts durfte seine Henriette zurück bleiben; auch gelang es ihm, dass die Familie nirgends aufgeräumter war, als in seinem haus: aber vergnügter als vorhin war man überall durch vermehrte Eintracht und Offenheit. Der Ueberfluss, der sich in Hornichs haus zeigte, lockte Bedürftige hinzu, und das liebe Mädchen hatte den Triumph, das graue Haupt ihres Vaters noch mit Seegen und Ehre zu bekränzen.

Wie dem Mädchen sowohl zu Mute gewesen sein mag! Ohne Tumult der leidenschaft, und doch alle Fibern seines Herzens rege. So ganz frei und heiter, mit dem ungetrübten Sinn, mit der reinen Phantasie einer Jungfrau, dennoch so ganz befangenbloss aus himmlischer Liebe!

Henriette hatte auch eine Freundinn, die ebenfals noch Mädchen war, und von der sie mit einer Art von leidenschaft geliebt wurde. Diese Freundinn war früh ihrer Eltern beraubt worden, die ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen und Hornichen darüber zum Vormund gesetzt hatten. Noch grösserer Reichtum fiel ihr nach dem tod zweier Tanten anheim, bei welchen sie sich gegenwärtig aufhielt. An all den Reichtum dachte sie nie, eben so wenig als an ihre Schönheit, und war ärgerlich auf die jungen Herren, weil sie ihr allein und keiner von ihnen Henrietten die Aufwartung machte. Das liebe Mädchen hiess Allwina Clarenau.

Biedertal, ein weitläuftiger Anverwandter von den Clarenaus, hatte in ihrem haus, das einem Pallaste gleich war, ein Gemach inne gehabt. Nach seiner Heirat bleiben diese Zimmer für seinen jüngern Bruder offen, mit Nahmen Woldemar, welchem die Anwartschaft, die der ältere zurückgegeben hatte, war bewilliget worden.

Woldemar hatte seit vier Jahren unter dem nehmlichen Fürsten eine andre Stelle zu G** bekleidet, und musste daselbst bleiben, bis die Bedienung zu B. erlediget wurde. Zwei Jahre verstrichen darüber; nun ereignete sich der Fall, und er sollte ankommen.

Biedertal, der sich unaussprechlich gesehnt