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; Mond und Sterne werden lebendig, wenn Allwina und Henriette von ihnen beglänzt mich umarmen: so wird mir alle die Liebe wiedergegeben, die ich hofnungslos ausgoss ins Unendliche: – Lebendiger Otem ist in den Erdenklos gefahren; er ist Mensch geworden: Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein nun die ganze Schöpfunggeschlungen an meine Brust, und erwiedernd meine Küsse!

O, Lieberwie ist mir anders! ......

Und wie das begann? ... Die stimme vom Himmel die mir rief? Der Engel der mir den Weg zeigte? – Du warst es! Du, den ich zuerst, den ich am längsten, den ich ohne Wandel geliebet, – mein Freund und mein Bruder!

... wunderbar, wie ich an diesen Tag gekommen bin! – Ich werde nicht müde es zu überdenken; jeden kleinen Umstand meinem Gedächtnisse zu erneuern; alle die goldenen Ringe an einander zu kettenBesonders von dem Zeitpunkt an, wo ich, durch Deine brüderliche Vorsorge, nach B. versetzt wurde.

Ich kam, und rechnete allein auf Dichkamund fand gleich in Dir, noch mehr als ich gehoft hatte. Du warest mir um vieles näher; verstandest mich in tausend neuen Dingen; – hattest ein Weib lieb gewonnen; Dich zu ihr gesellet und mit ihr ein Haus gegründet; – Du hiengst nicht mehr an diesem und jenem, womit ich nichts zu schaffen haben konnte; warest von einem der traurigsten Steckenpferde auf ein wakkeres lebendiges Ross gestiegen: – von allen Seiten sah' ich Dich liebenswürdiger und besser. – Dein Gewerbe; Deine Wirtschaft mit Dorenburgen; Euer ganzes Wesen – (das mit andern Leuten, die Prunkgesellschaften und Gastmahle ausgenommen, wie Du gar wohl weisst) – ich sage, Euer ganzes Wesen untereinander, gefiel mir bis zum Entzücken. In Dorenburgen erhielt ich einen zweiten Bruder; und, was ich nie gehabt hatte, zwei Schwestern in Euren herzigen Frauen.

Du hattest mir Henrietten zur gattin ausersehen; aber das sollte nicht sein; sie war bestimmt, meinem Schicksal eine viel merkwürdigere Wendung zu geben. Das himmlische Mädchen deutete mir meinen alten Traum von Freundschaft; half ihm zur Erfüllung; machte mir ihn wahr. Kaum dachte' ich zuweilen noch an diesen Traum, und nie anders, als wie man an ein Hirngespinste denkt. Ich hatte Freunde von allen Gattungen gehabt; hatte mit anhaltender leidenschaft den Menschen tief erforscht; hatte meiner eigenen Seele auf den Grund geschaut; und hatte gefunden: dass wir samt und sonders zu viel und zu heftige Begierden im Busen tragen; zu gewaltsam von den Sorgen, Geschäften, Qualen und Freuden des Lebens herumgetrieben, hin und her gerissen, entzücket und gefoltert werden: als dass irgendwo in diesen zeiten, zwei Menschen so Eins werden und bleiben könnten, wie meine liebevolle Schwärmerei es mich hatte träumen lassen.

Das andre Geschlecht hatte ich flüchtiger beobachtet, und war über seinen charakter, der mir wenig Localfarben zu haben schien, früh mit mir einig. Es kam mir vor, als wenn die Empfindungen und Ideen bei diesen zarteren Geschöpfen sich unaufhörlich in einander verschwemmten, und daher keinevon jenen zu einem gewissen Grad der Stärke; – von diesen zu einem gewissen Grad der Deutlichkeit sich erheben könnte. Noch hatte ich keine weibliche Seele angetroffen, die in irgend etwasnur einen vesten eigenen Geschmack gehabt hätte; nicht einmal was Gestalt und Zierde, Putz und Geräte anging. Dagegen aber fand ich in ihr Wesen die schönsten Triebe gelegt; einen wunderbaren Instinkt der Verläugnung; holdseelige Lust, nur andern zur Freude, zur Wohlfahrt zu leben; – und jene allgegenwärtige Schönheit, jenen unbesieglichen Zauber, der uns alle bestrickt und mich ewig fesseln wird. Ich sagte zuweilen mit lachen: An Treue, an Ergebenheit, an gefälligem Witz, überträfen sie uns Männer unendlich, und wichen kaumdem besten Pudel: das sagt ich mit lachen; aber nach meinem inneren Gefühl gab ich damit ein sehr ernstaftes Lob: allerdings mit etwas Bitterkeit vermischt; aber nicht sowohl gegen die Weiber, als überhaupt gegen die Menschheit.

Ich sah Henrietten. Sie zog mich an; aber mit einer Empfindung, die nichts mit ihrem Geschlechte zu tun hatte, und die mir ganz neu war. Ich wunderte mich und wurde aufmerksamer. Jeder weibliche Reiz an ihr war mir sichtbar; sichtbarer, als allen andern: wie sie hatte noch kein Mädchen mir gefallen. Dennoch raubte sie mir nicht das Herz. – Die Eigenschaften, die ich an ihr entdeckte, konnte ich mit meinen allgemeinen Begriffen von ihrem Geschlecht nicht wohl vereinigen; konnte aber zugleich nicht in Abrede sein: dass sie ganz Mädchen war. Oester hatte ich über die Mängel der Schönen mit ihr meinen Scherz. Ich behauptete: kein Frauenzimmer könne sich überwinden, Einen Gedanken zweimahl zu denken; noch weniger, – im Handeln, auf Veranlassungen, inne zu halten: alles gehe bei ihnen so in einem fort. Wenn sie in einem schwierigen Falle zu Ueberlegungen schritten: so begnügten sie sich, einen gewissen, so oder anders gesponnenen und gezwirnten, gefärbten und gedrehten Faden ihrer Gedanken zehnmahl hintereinander auf und ab zu haspeln; in Stränge zu schlingen; ihn auf Karten, in Knäuel und über die Finger zu wickeln; ohne je sich einfallen zu lassen, ihn an dem einen oder andern Ende auseinander zu drehen und aufzulösen. Auf nichts vermöchten sie mit stetem scheidenden Blicke zu