1779_Jacobi_047_18.txt

an meiner Seite; gauckelte kleine Wellen daher, Wirbel und Schlünde; – und die Fische hattens ihren Scherz, mit Springen, Schnalzen und Klatschen. – – Der mächtige Stamm an den ich gestützt war, schwankte, fast unmerklich, hin und herbald stärker bald schwächer; wiegte meinen rücken, und bewegte sanft schauerlich mein Haupt. – – – Nie war meine Seele so in allen meinen Sinnen! – Lauter Genuss mein ganzes Wesen! – Ewigkeit, mein fliehendes Dasein! – Hülle der Gotteit um den Endlichen!

Ich verliess nach einer Weile den Platz; aber die Empfindungen, die er mir gegeben, folgten mir nach. Wohin ich wandern mochte, fand ich denselbigen Zustand. Alles entzückte mich so wie es war. Ich freute mich ohne Aussicht, ohne hoffnung, ganz und gleich erfüllt von der Wonne jedes Augenblicks, und wie von Allgenugsamkeit umgeben.

Der Wind hatte um Mittag sich gelegt, es war etwas schwül geworden, und gegen Abend regte sich kein Blat. Ich ging umher und ergötzte mich an den wunderbaren Beleuchtungen der Erde; die Bäume und Blumen, als ob sie in die Höhe schienen und die Dämmerung erhellten. Ich liess mein Essen etwas früher unter die Laube vor dem grossen Saal bringen, weil ich keine Kerze mochte und die Nacht wollte kommen sehen. Ich war bald fertig; sass stille da, und liess mir träumenvon Dir; dachtewie Du jetzt wohl vielleicht auch an mich dächtest; – Deine gespräche mit Luisen; Dein Sehnen nach mir zurückDein KommenDein Eilen auf dem Wege, und mein Erwarten ...

Es war mir nicht eingefallen, dass wir Vollmond hatten. Ganz hinten, bei den Eichen, sah ich ihn unversehens in die Castanienbäume scheinen. Er zog heranwie mit später Dämmerung feierlich die Stille heranzieht; – lächelte zwischen dem dunkeln Laube; gleich einem Freunde, der sich zur Ueberraschung herbeischleicht, bebend von den Schlägen seines Herzens, das die Freude nicht halten kann ... Ich regte mich nicht, mochte kaum aufschauen, als wär' es so in der Tat und ich fürchtete ihm die Freude zu verderben. Da kam er endlich über den Gipfel der Eichen und trat vor mich hin, und ich flog auf. Lieber, es war ein Becher voll Himmelsluft! – Ich ging, und wandelte auf und ab in meinen Alleen von Oranienbäumen, unter den Linden, und in der langen Buchenhalle ganz durchglinzert vom Mond. Es war eine Nachtstilleein Schweigen um mich, wie das Schweigen unaussprechlicher Liebe. So ging ich, bis der Mond in den Teich schien, und ich nicht weg konnte unter der Ulm' am Canal. Ich sass, umfangen von ihren prächtigen Aesten, um mich gewebet ihr Laubwie jene Wolken um den Mond. – Man hörte nichts als den Gesang der Grillen, das Rieseln durch den Teich, und dann und wann die Bewegung eines Fisches. – Hell und heller wurde das wasserund ich schwebte wie in der Mitte der Schöpfung, aufgelöst, und an mich ziehend aus dem feinsten Aeter eine neue Bildung.

Lieber Biedertalwie ist mir so anders! – – Du weisst, schon als Kind hatte ich diese süsse Verliebteit in alles, was meinen Sinnen oder meinem geist in Schönheit entgegen kam; – war in beständigem Ringen; und so voll Lust und Mutund so voll Trauer! – Wie wurde' ich des Lebens so frohAch! und so müde? – – Ich erfuhr, dass ich ein Herz im Busen trug, welches mich von allen Dingen schied, von sich selber mich schied, weil es zu heftig mit allen Dingen sich zu vereinigen strebte. Jedermann liebte mich darum, dass ich alles so liebte, aber was mein Herz so liebend machte, so töricht, so warm und so gutdas fand ich in keinem ... – Von den mehresten dachte' ich deswegen nicht schlechter; zuweilen, im Gegenteil, nur desto besser; aber ich glaubte zu sehen, dass überhaupt die Menschen im grund keinen rechten Sinn für einander haben. – – Ich wurde duldsam und stille ... Lieber, mir rollen die Tränen herunter, vom Andenken meiner einsamen Wehmut! – Jede Lust machte mich betrübt, weil sie nur Staub war vom Winde aufgeregt; dahin fuhr mit dem Lichtstrahl, mit dem Schall, mit dem Wallen des Blutes. Ich wollte Raum machen in meiner Seele; erretten wenigstens für mein teil, was an mir war: aber, ach! dann erwachte mein Herz, und ich fühlte zehnfaches Leiden. Wie oft hab' ich auf meinem Angesicht gelegen, vor der aufgehenden Sonne und vor der niedergehenden, unter dem Mond und den Sternen, voll Liebe und voll Verzweiflung, und habe geklagt, wie Pygmalion vor dem Bilde seiner Göttinn ... – Und wie Er, – Dank und Preis sei dem Ewigen! – und wie Er, nicht vergebens!

Lieber, wie ist mir so anders! Mein Herz, das einer Brust glich, worinn der Lebenssaft zurückgetrieben worden, weil den Säugling die Klemme dahin riss, und die nun der Krebs angefressen hatEs ist genesen! Ich lebe und liebe, und alles lebt und liebt um mich her. Wie dem Hiob hat mir der Herr alles zehnfach wiedergegeben und hat mich geheilt. Jeder Sonnenstral wird lebendig, wenn ich ihn in Allwinas oder Henriettens Auge fallen sehe